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Kolumne "Eckball": Wir und Ich

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 20.03.2010 - 12:37

Fußball ist ein Mannschaftssport. Zwar gilt in Zeiten des großen Kommerz das vom seligen Sepp Herberger ausgerufene „Elf-Freunde-Prinzip“ nicht mehr, doch funktioniert das Spiel im Wesentlichen, wenn alle gemeinsam in eine Richtung arbeiten. Der Mode-Begriff zum Thema ist „kompakt“.

Kompakt ist, wer gut im Raum steht, wer das Spielfeld eng macht und so dem Gegner wenige Möglichkeiten gibt, sich zu entfalten. „Kompakt“ ist jedoch nicht als logische Fortführung des gefürchteten Catenaccio zu verstehen. Dieser ist rein auf Zerstörung ausgerichtet.

Kompakt bedeutet, dass die Mannschaftsteile ergänzend zusammenwirken, dass von hinten heraus aufgebaut wird, aber auch, dass die Verteidigung ganz vorn anfängt. Es geht um Kontrolle und darum, das eigene Spiel durchzudrücken, also aktiv zu sein, und nicht, wie beim Verteidigen auf Teufel komm raus, allein zu reagieren.

„Kompakt“ ist also im Kern gut, und es hat seine romantische Entsprechung im Teamgeist. Wer gemeinsam arbeitet, der ist von einem gemeinsamen „Spirit“ beseelt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn die einzelnen Teile nicht ineinander greifen, wenn der Teamgeist fehlt, dann fehlt die Kompaktheit. So erklären moderne Trainer Niederlagen mit Sätzen wie: „Wir sind nicht in die Kompaktheit gekommen“. Oder: „Wir haben die Kompaktheit verloren.“

Die offensive Entsprechung von „kompakt“ als defensives Kontroll-Instrument ist das Stilmittel des Konterns. Hinten geordnet sein und dann flott nach vorn spielen – ein Prinzip, das nicht neu ist im Fußball, natürlich nicht, aber derzeit das geeignete scheint, um aus mittelmäßigen Mannschaften gute zu machen und aus schlechten bessere. „Kompaktheit“ ist zuvorderst ein Credo derer, denen es an außergewöhnlichen Individualisten mangelt. Spielern eben, die an sich ein Stilmittel sind, die ein Spiel allein entscheiden können, weil die jederzeit Aktionen drauf haben, die den Gegner verblüffen und aushebeln können.

So war es Claudio Pizarro, der Ausnahme-Torjäger von Werder Bremen, dem beim 1:0-Sieg in Hoffenheim ein winziger Spalt in der Abwehr reichte, um mit einem gekonnten Lupfer das Siegtor zu erzielen. Auch der VfL Wolfsburg, der leicht gestrandete Meister, hatte mit dem leichtfüßigen Zvjedzan Misimovic und dem Weltklasse-Tormacher Edin Dzeko zwei, die ganz allein den glasklaren Sieg in Gladbach auf den Weg brachten: der eine als genialer Einfädler und Torschütze, der andere mit einem unermüdlichen Strafraum-Einsatz und seinem brutalen Instinkt vor dem Tor.

Qualität hat natürlich ihren Preis. So kostete der wunderbare Arjen Robben, der den FC Bayern München derzeit fast im Alleingang zum ersten Meisterschaftsanwärter macht, 24 Millionen Euro. Robben ist ein Geschwindigkeitsfußballer erster Klasse. Er ist so schnell, dass er für viele seiner kompakten Gegenspieler nichts ist als ein Hauch, der an ihnen vorbei rauscht.

Robben ist so gut, dass selbst die Menschen, die Real Madrid mögen, ihm nachtrauern, trotz all der Stars, die den königlichen Klub bevölkern. Real, der Möchte-gern-König von Europa ist gescheitert – und zwar daran, dass es individuelle Klasse nicht vereinbaren kann mit der nötigen Kompaktheit. Individualisten brechen zuweilen aus dieser aus. Wer zu viele dieser Ausbrecher hat, der hat ein Problem.

Kleiner ist das Problem, wenn es keine herausragenden Einzelkönner, aber dafür ein könnerhaftes Ganzes gibt. Es fehlt der Glanz, doch sind Höhenflüge möglich. Wie bei Schalke 04. Die Mannschaft ist vor allem effektiv und ein funktionierendes Ganzes. Und doch hat Schalke einen Ausnahme-Mann: Felix Magath, den Trainer. Magath hat Wolfsburg die Meisterschaft geschenkt (die er zuvor, gleich zweimal im Doppelpack mit dem Pokal, mit den Bayern erwirtschaftet hatte), und nun schickt er sich an, selbiges mit den Schalkern zu tun, die seit gefühlt einem Jahrtausend auf den Titel warten.

Meister Schalke, es wäre Magaths Meisterschaft. Der Mann ist kein Teamplayer, definitiv nicht. Er macht lieber alles allein, ist Trainer, Manager und Funktionär zugleich bei den Schalkern. Und wenn er könnte, würde er wohl auch noch im Mittelfeld die Fäden ziehen als Spielmacher. Der Individualist als Ein-Mann-macht-alles-Team – da sind die Ansätze vom „Wir-Gedanken“ und „Ich-Qualität“ aufs Feinste verwoben.

Nichts von beiden findet sich bei Hertha BSC Berlin. Die Mannschaft hat keinen, dessen Qualität reicht, sie im Alleingang zu retten, und es fehlt dem Team an der nötigen Innenbindung, die das Gefühl von Stärke vermitteln könnte. Dass zudem Randalierer den Fußballern an den Kragen wollten, das zeugt von der totalen Zerrissenheit des Hauptstadtklubs. Hertha ist wohl abgestiegen – und einige Fanatiker haben dafür gesorgt, dass man ihr noch nicht einmal nachtrauert. Fan-Sein bedeutet auch, hinter dem Team zu stehen, wenn es verliert. Aber Teamgeist endet, wo Kompaktheit aufhört und Misserfolg anfängt.


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