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WM 2014
Berti Vogts: "Wir müssen Fußball made in Germany spielen"
Porträt: Das ist Berti Vogts
Porträt: Das ist Berti Vogts FOTO: dpa
Mönchengladbach. Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts berät zwar seinen Freund Klinsmann, der die USA trainiert. Aber er ist der größte Fan der deutschen Mannschaft. Die Elf habe das Zeug zum Titel, aber sie müsse bereit sein, hart dafür zu arbeiten. Von Karsten Kellermann und Robert Peters

Herr Vogts, Sie sind in Brasilien Berater des US-Trainers Jürgen Klinsmann. Wie kam es dazu?

Berti Vogts: Jürgen Klinsmann und ich haben ein sehr, sehr gutes Verhältnis. Man weiß ja inzwischen, was sich 2004 abgespielt hat, als der DFB einen Trainer suchte. Ich habe damals dem DFB Jürgen Klinsmann als Bundestrainer vorgeschlagen. Jürgen hatte klare Vorstellungen, und der DFB musste neu aufgestellt werden. Das war der Ursprung des Sommermärchens.

Was macht Klinsmann aus?

Vogts: Er hat eine sehr positive Ausstrahlung – das war enorm wichtig und hat viele Leute mitgerissen. Ich kenne Jürgen und wusste, dass es passt. So lange kennen wir uns, darum haben wir viel Vertrauen zueinander. Jetzt hat er mich angerufen und eingeladen, während der WM beim Team zu sein. Wenn er Fragen hat, beantworte ich sie. Das ist alles.

Sie wurden dafür kritisiert.

Vogts: Ich weiß nicht, was die Leute denken. Dass ich jetzt der große Feind der Deutschen bin, weil ich Jürgen Klinsmann berate? Ich werde in Brasilien auf der Tribüne sitzen und hoffen, dass Deutschland Weltmeister wird. Und ich werde ganz sicher nicht jubeln, wenn die USA ein Tor gegen uns schießen.

Was sind die Stärken des US-Teams?

Vogts: Natürlich sind Deutschland, Ghana und Portugal den Amerikanern fußballerisch überlegen. Darum muss das US-Team läuferisch top sein. Ihr Vorteil ist, dass die Amerikaner die Hitze kennen. Darum habe ich Jürgen in der Vorbereitung zu einer hohen Laufintensität im Training geraten. Sie müssen diesen Vorteil ausspielen.

Fotos: Das steckt hinter den Trikots der 32 Teams FOTO: dpa, Robert Ghement

Kann Klinsmanns Team Deutschland ärgern?

Vogts: Es ist das dritte Vorrundenspiel, da hängt es davon ab, wie beide Mannschaften bis dahin gespielt haben. Das Problem der USA ist, dass sie zuerst gegen Ghana spielen. Die afrikanischen Mannschaften sind gerade im ersten Turnierspiel immer sehr stark – die Konzentration lässt im Verlauf des Wettbewerbs meist nach, weil die Afrikaner Probleme haben, über so lange Zeit eine Gemeinschaft hinzukriegen.

Wie viel Vogts steckt in Klinsmann?

Vogts: Gar nichts. Jürgen Klinsmann ist Jürgen Klinsmann. Er hat seine eigene Auff assung. Er ist sicherlich manchmal etwas zu euphorisch – aber das ist so bei der jüngeren Trainergeneration. Die ist anders als wir, meine Generation ist mehr geprägt von Hennes Weisweiler, Helmut Schön oder Dettmar Cramer. Wir sind vielleicht etwas zu statisch.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Vogts: Vor allem auf Brasilien. Und ich finde es schade, dass dieses wunderschöne Land mit seinen freundlichen Menschen so negativ dargestellt wird. Natürlich gibt es Streitpunkte, natürlich darf man darüber diskutieren, wenn in Manaus ein Stadion in den Regenwald gebaut wird, und es gibt nicht mal einen Fußball-Klub. Aber das hätte die Fifa wissen müssen – genau wie die Problematik mit Katar. Alle, auch der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger, haben dafür gestimmt. Es ärgert mich, dass vorher alles abgenickt wurde und jetzt plötzlich kritische Stimmen kommen.

Die deutschen WM-Fahrer von Borussia Mönchengladbach FOTO: dpa, hrad dbo jai

Wird es ein großes Fest?

Vogts: Ich hoffe es. Für Brasilien, aber auch für Deutschland, für den Fußball. Es wird alles glatt laufen. Der Fußball lebt in Brasilien, und das ist das Wichtigste.

Wie sind die Chancen der Europäer?

Vogts: Alle Europäer kennen die Brasilianer, die besten Südamerikaner spielen in Europa. Man kennt die Stärken und Schwächen von Dante oder Neymar. Man weiß: Der Dante macht den und den Klops. Die europäischen Trainer wissen, wie man gegen diese brasilianische Viererkette zu spielen hat. Früher kannten wir die südamerikanischen Teams nicht. Deshalb ist es jetzt ein Vorteil für die Europäer. Wenn nicht jetzt ein Europäer Weltmeister wird, dann nie mehr.

Kann Deutschland Weltmeister werden?

Vogts: Ich hoff e es. Wir haben eine gute Mannschaft. Natürlich brauchen wir ein das nötige Quäntchen Glück, wenn es ins Viertelfinale oder Halbfinale geht und die großen Gegner kommen. Aber der große Gegner heißt zunächst mal Portugal. Die Portugiesen sind stark – das hat Bayern München zu spüren bekommen, denn drei Portugiesen standen im Team von Real Madrid, das Bayern keine Chance gelassen hat: Pepe, Ronaldo und Coentrao.

Videos: Die WM-Spots der Nationalspieler

Wer gehört zu Ihren WM-Favoriten?

Vogts: Die üblichen Verdächtigen: Neben Deutschland natürlich Brasilien, auch Italien. Wen ich schwer einschätzen kann, ist Frankreich. Belgien ist für mich ein Geheimtipp, die Mannschaft ist richtig gut. Auch Chile hat ein gutes Team, das haben wir im Spiel gegen uns gesehen. Spanien hat bei der letzten WM Glück gehabt, nur das letzte Spiel war toll. Aber man darf gegen die Spanier nicht spanisch spielen, man muss deutsch spielen. Im Ballhalten sind die Spanier besser.

Ist das Tiki-Taka inzwischen vielleicht sogar ein bisschen überholt?

Vogts: Ob Tiki-Taka oder 78 Prozent Ballbesitz – letztlich hat das nichts zu bedeuten. Im Fußball geht es darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Wie man das macht, ist egal. Die Bayern haben mit einer Fünferkette, wie es sie schon 1966 gab, den Pokal geholt – ist das modern? Es geht um den Erfolg. Aber wenn man alles nachmacht, was ein anderer macht, sind wir zweitklassig. Das ist in der Wirtschaft so und auch im Fußball. Made in Germany ist ein Qualitätsmerkmal.

Aber hat Deutschland nicht seine Qualität geleugnet?

Vogts: Früher gab es Kämpfertypen, die Titel holten. Natürlich waren solche Spieler in der Vergangenheit wichtig. Aber 1972 hat Deutschland mit Netzer und Beckenbauer auch fußballerisch total überzeugt. Die Abwehr gehört natürlich zum modernen Spiel. Dass wir da Probleme haben, ist aber nicht die Schuld des Bundestrainers. Das liegt an der Ausbildung in den Akademien. Jeder Spieler hat ein besonderes Talent, etwas Individuelles. Das muss man in den Akademien schulen. Es ist toll, was der DFB, die Liga da machen. Aber jeder Spieler wird gleich ausgebildet. Das geht nicht. Man muss das Spezielle fördern. Wenn man nur schaut, wie die Spanier spielen, bringt das nichts.

Hat Deutschland die Typen, um Titel zu holen?

Vogts: Die Qualität der Mannschaft ist da. Aber die Spieler müssen hart dafür arbeiten. Geschenkt kriegt man einen Titel nicht. Ich bin schon überrascht, dass in den vergangenen Jahren nicht ein Länderspiel in Brasilien oder Argentinien ausgetragen wurde. Macht man es den Jungs da nicht zu einfach? Wir haben früher alle zwei Jahre da gespielt. Für eine junge Mannschaft ist das so wichtig, gerade wegen der Atmosphäre in den Stadien. Die Liga darf nicht sagen: Da ist zu anstrengend. Wir haben es mit jungen Spielern zu tun – das soll zu anstrengend sein? Bitte! Das sind Dinge, die verstehe ich nicht. Warum geht man nicht dahin, wo der Fußball zu Hause ist.

Ist die Abwehr ein Problem?

Vogts: Das ist, was ich meine: Die Abwehrspieler werden ja gar nicht mehr richtig ausgebildet. Wenn damals mein Gegenspieler zwei Flanken gemacht hat, hat Weisweiler gesagt: Hey, was war los mit dir? Du hast zwei Zweikämpfe verloren. Heute wird gesagt: Wir müssen global verteidigen. Da werden die Leute persönlich gar nicht mehr kritisiert. Wir müssen wieder dahin kommen, dass die Spieler mit Kritik umgehen können. Das ist ja keine Anmache, wenn man einem jungen Menschen sagt, dass er sich verbessern muss. Der Spieler muss es akzeptieren und nicht gleich seinen Manager anrufen.

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