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Neustart mit Allardyce
England kämpft gegen Pessimismus

WM-Qualifikation: England kämpft gegen Pessimismus
Sam Allardyce feierte beim Debüt einen mühevollen 1:0-Sieg. FOTO: afp, JKL
Trnava/Düsseldorf. Das Aus bei der EM gegen Island wirkt nach. Der neue Trainer Sam Allardyce hat die Aufgabe, die Nation wieder hinter ihre Elf zu bringen. Der Auftakt in die WM-Qualifikation in der Slowakei gelingt. Das Tor zum 1:0 fällt in der Nachspielzeit. Von Patrick Scherer

Populistische Entscheidungen gehören nicht zum Führungsstil von Sam Allardyce. Das macht der neue Coach von Englands Fußball-Nationalmannschaft direkt zu Beginn seiner Amtszeit deutlich. Allardyce schlägt vor, ausländische Profis einzubürgern, um stärkere Auftritte seiner Elf zu garantieren. "Im Cricket wird es so gemacht, im Rugby und in der Leichtathletik", sagt Allardyce, dem völlig klar ist, dass die Idee nicht jeden begeistert. "Wenn ich das tatsächlich mache, muss ich abwarten, wie das im Land ankommt. Aber wenn er trifft und das Siegtor erzielt, wäre das so schlecht?" Gestern reicht es zum Start der WM-Qualifikation - noch gänzlich ohne Zutun von eingebürgerten Profis - zu einem 1:0. Das Tor durch den Liverpooler Adam Lallana fällt in der 95. Minute.

Es wird ein langer Weg für England zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland - und für Allardyce wird es ein besonders beschwerlicher. Er muss sportliche Resultate liefern und - womöglich noch wichtiger - die Nation wieder für ihre "Three Lions" begeistern. Lethargie und Pessimismus regieren derzeit im Mutterland des Fußballs. Verantwortlich dafür ist in erster Linie das Trauma von Frankreich, für das Fußball-Zwerg Island verantwortlich ist. 69 Tage ist es her, dass die bärtigen Männer England mit einem lauten "Huh!" von der Bühne Europameisterschaft fegten. Das 1:2 im Achtelfinale wirkt spürbar nach. "Wir wissen heutzutage, dass ein England-Trainer nur den Untergang verwaltet", schrieb die Zeitung "Guardian" in dieser Woche zynisch. Die Gründe hierfür liegen noch weiter zurück. England ist das Scheitern seit dem letzten Triumph, dem WM-Gewinn 1966, leid. Zu oft war seither das immer gleiche Schauspiel zu bewundern: eine gelungene, wenn nicht sogar überragende Qualifikationsrunde, um dann beim Turnier im entscheidenden Moment zu versagen.

Zur EM nach Frankreich fuhr England mit Trainer Roy Hodgson mit einer Bilanz von zehn Siegen in zehn Spielen und einem Plus von 28 Toren. Hodgson hatte das Team auch als Gruppenerster der Qualifikation zur WM 2014 nach Brasilien gebracht. Zurück kam er mit der Schmach des ersten WM-Vorrunden-Aus seit 56 Jahren. Zur EM in Polen und der Ukraine 2012 marschierte das Team von Coach Fabio Capello mit 18 Punkten in acht Spielen als klarer Gruppenerster. Im Viertelfinale gegen des Trainers Vaterland Italien war aber Schluss.

Nun also Allardyce. Er hat das Erbe zu tragen, vorerst nichts gewinnen zu können. Egal, wie erfolgreich der 61-Jährige die Qualifikation bestreiten wird, die Zweifel werden bleiben. Erst 2018 kann er diese beseitigen.

Einen großen Umbruch im Team hat es vorerst nicht gegeben. Gegen die Slowakei setzte der Coach auf gleich acht Profis um Kapitän Wayne Rooney, die auch vor gut zwei Monaten im Achtelfinale gegen Island begonnen hatten. Auch die weiteren drei Starter standen in Hodgsons EM-Aufgebot. Dabei gäbe es durchaus Grund für Veränderungen. In der Liga läuft es für viele EM-Fahrer noch nicht. Verteidiger Chris Smalling stand in dieser Saison noch keine Minute für Manchester United auf dem Platz. Harry Kane und Dele Alli suchen in Tottenham ihre Form. Am schlimmsten traf es Joe Hart bei Manchester City. Der Torwart wurde vom neuen Trainer Pep Guardiola zur Nummer drei degradiert. Weil englische Klubs nicht interessiert waren, wechselte Hart auf Leihbasis nach Italien - zum eher mittelmäßigen FC Turin.

Große Erfolge sind in der Vita von Allardyce bisher nicht zu finden. Sein Punkteschnitt mit den Premier- League-Vereinen Bolton Wanderers, Newcastle United, Blackburn Rovers, West Ham United und AFC Sunderland liegt bei 1,36 pro Partie. Prozentual hat er mehr Spiele verloren als gewonnen. Beim englischen Fußballverband FA sind sie dennoch davon überzeugt, dass Allardyce eine echte Mannschaft formen kann. "Seine Fähigkeit, das Beste aus den Spielern und dem Team rauszuholen und einen starken Teamgeist zu entfachen, sind herausragend", sagte FA-Generaldirektor Martin Glenn. Ob das reicht, Englands tiefen Pessimismus zu vertreiben, bleibt abzuwarten.

Quelle: RP
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