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"Soll morgens liegenbleiben"
Scholl kritisiert Löws Dreierkette und attackiert den DFB-Scout

EM 2016: Mehmet Scholl greift Joachim Löw und Scout Urs Siegenthaler an
ARD-Experte Mehmet Scholl hatte kein Verständnis für die Änderungen, die Joachim Löw gegen Italien vornahm. FOTO: WDR/Paul Ripke
Düsseldorf. "Es geht nicht darum, zu motzen", sagte ARD-Experte Mehmet Scholl und legte dann trotzdem los. Die deutsche Nationalmannschaft hatte gerade das EM-Halbfinale erreicht durch ein 7:6 nach Elfmeterschießen gegen Italien. Die Grundformation des Teams war im großen Showdown natürlich nebensächlich gewesen. Doch Joachim Löws Entscheidung, von einer Vierer- auf eine Dreierkette umzustellen, hatte vorab für Diskussionen gesorgt und wird es vermutlich weiterhin.

"Es geht nicht darum, zu motzen", sagte Scholl also. "Aber warum passt man eine Mannschaft, die so gut funktioniert hat, an den Gegner an?" Dabei stellte der ehemalige Nationalspieler den Chefscout des DFB, Urs Siegenthaler, unter Generalverdacht. "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegenbleiben und die anderen zum Training gehen lassen. "Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: 'Jetzt hab' ich's – Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette!' Das wird im Stab entschieden."

Scholl begründete seine These, besser nur auf die eigenen Stärken zu vertrauen, mit einem schnellen Ritt durch Löws Zeit als Bundestrainer. "EM 2008: angepasst an die Spanier, ein gewachsenes Gebilde, Finale verloren", zählte der 45-Jährige auf. "WM 2010: angepasst an die Spanier, rausgeflogen. EM 2012: angepasst an die Italiener, rausgeflogen. Jetzt kommt der Clou: 2014 ab dem Viertelfinale hat Joachim Löw jede Idee seines Trainerstabs ignoriert und der Mannschaft vertraut."

Nur bei der EM 2012 deutlich "vercoacht"

Was Scholl mit den Anpassungen konkret meinte, ließ er offen. 2008 stellte Löw nicht um, 2010 musste er den gesperrten Thomas Müller ersetzen und entschied sich für Piotr Trochowski als Ersatz. Lediglich das Halbfinale 2012 in Warschau ist eng mit dem bösen Wort "vercoacht" verbunden, weil der Bundestrainer seinen besten Spieler aus dem Halbfinale, Marco Reus, opferte, um Toni Kroos als Schatten des italienischen Spielmachers Andrea Pirlo einzusetzen. 

"Das hätte man heute auch anders lösen können", meinte Scholl. Unser Kolumnist Tobias Escher hatte vorab zwei Möglichkeiten aufgezählt, für eine davon entschied sich Löw: "Entweder er wählt die WM-Variante mit tiefen Außenverteidigern. Hierbei opfert er die Breite im letzten Drittel und setzt auf eine optimale Konterabsicherung. Oder aber Löw stellt eine Dreierkette auf. Hierbei hätte Deutschland stets eine Drei-gegen-Zwei-Überzahl gegen den italienischen Doppelsturm, die Außenverteidiger könnten dennoch weit vorrücken."

Nach dem Spiel brachte Escher seine Meinung zu dem Thema so auf den Punkt:

Spaniens nunmehr ehemaliger Nationaltrainer hatte seine Mannschaft ihren Stil im Achtelfinale durchziehen lassen und gegen Italien nicht nur mehr zugelassen als das DFB-Team, sondern eben auch zwei verdiente Gegentore kassiert und das Spiel verloren.

Die Abkehr vom zuvor praktizierten 4-2-3-1-System begründete Bundestrainer Joachim Löw mit der anderen Qualität des viermaligen Weltmeisters Italien im Vergleich zu den bisherigen Gegnern. "Sie spielen mit zwei Mann auf den Seiten ganz hoch und mit zwei zentralen Stürmern. Vier gegen vier zu spielen, ist gegen sie gefährlich. Ihre Automatismen spielen sie super, aber sie sind leicht berechenbar. Deswegen mussten wir das Zentrum zumachen", erläuterte Löw.

Egal wie man zu seiner Kritik steht, eines hat Scholl erreicht: Dass DFB-Scout Siegenthaler "morgens liegenbleiben" möge, wird ähnlich in Erinnerung bleiben wie die Sorgen aus dem Jahr 2012, Mario Gomez habe sich "wundgelegen". 

(jaso)
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