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WM-Affäre
Beckenbauer und Netzer: Das Schweigen der Männer

Franz Beckenbauer und Günter Netzer: Das Schweigen der Männer
Günter Netzer und Franz Beckenbauer haben sich bisher nicht öffentlich zur WM-Affäre geäußert. FOTO: RPO
Köln. Die Schlüsselfiguren Franz Beckenbauer und Günter Netzer schweigen in der WM-Affäre trotz neuerlicher Sticheleien von Theo Zwanziger beharrlich. Inzwischen wird allerdings der Ruf nach offiziellen Ermittlungen der Justiz lauter.

Die drohende "Kaiser-Dämmerung" lockt Franz Beckenbauer weiterhin nicht von seinem Thron: Neue Anspielungen des selbsternannten Kronzeugen Theo Zwanziger gegen den Organisationschef der Fußball-WM 2006 in Deutschland lassen erstmals die Lichtgestalt persönlich in der Nähe des korrupten Schattenreiches des Weltverbandes erscheinen. Doch die mutmaßliche Schlüsselfigur der Affäre um ungeklärte Millionen-Zahlungen an die Fifa schweigt weiter beharrlich.

"Er ist und bleibt ein Vorbild - auch wenn ich mir vorstellen kann, dass er so gehandelt hat, wie man normalerweise unter ethischen und rechtlichen Voraussetzungen nicht handeln darf", sagte Zwanziger bei Spiegel TV und konkretisierte seine gleichwohl weiter unbelegten Stimmenkauf-Vorwürfe bei der Vergabe der WM 2006 immerhin etwas mehr als bisher.

Der Aussage des früheren Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zufolge musste Beckenbauer vor der WM-Entscheidung "in das völlig verrottete Fifa-System hineinstolpern", das nur die Alternative gelassen hätte "mit den Wölfen heulen oder eine wirklich sauberer Gentleman sein" zu wollen: "Er hat sich wohl für den anderen Weg entschieden."

Beckenbauer ließ den wachsenden Druck zu Wochenbeginn der öffentlichen Erwartungshaltung zum Trotz weiter an sich abtropfen. Nach Informationen der Bild-Zeitung soll sich der 70-Jährige, dessen Management eine SID-Anfrage zunächst unbeantwortet ließ, aber noch im Wochenverlauf den vom DFB eingeschalteten Ermittlern einer Wirtschaftskanzlei erklären.

Gut möglich erscheint aber auch, dass bald Staatsanwälte und Kriminalpolizei dem Kaiser wegen der Hintergründe für die von Zwanziger angewiesene und immer noch ungeklärte 6,7-Millionen-Euro-Überweisung an die Fifa Fragen stellen. "Beim Fall der Fifa sieht man, was die US-Justiz zutage fördert, und wahrscheinlich wäre es sehr gut, wenn sich die deutschen Ermittlungsbehörden mit dem Fall beschäftigen", sagte die Bundestags-Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) am Montag im ZDF. Sie forderte wegen der zermürbenden Ungewissheit Ermittlungen der staatlichen Justiz.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt führt die Affäre allerdings vorerst weiter als "Beobachtungsvorgang" zur Prüfung eines Anfangsverdachtes. Der Status entspricht einer Vorstufe für ein offizielles Ermittlungsverfahren aufgrund eines begründeten Anfangsverdachtes. Auf SID-Anfrage vermochte eine Sprecherin der zuständigen Anklagebehörde zu Wochenbeginn nicht einzuschätzen, wann die Beobachtungsphase abgeschlossen werden könnte.

Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wäre aus Sicht von Zwanziger auch Günter Netzer ein geeigneter Gesprächspartner für die Fahnder. "Es hilft ja nicht, alles immer nur zu bestreiten. Netzer hat klar erkennen lassen, dass auch die Asiaten noch Geld gebraucht haben müssen", gab der 70-Jährige in seinem TV-Interview angebliche Aussagen des früheren WM-Botschafters zu den Umständen der WM-Vergabe wieder.

Für zusätzliche Verwirrung sorgten am elften Affären-Tag, der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nach schwierigen Tagen eine Atempause verschaffte, Bilanzangaben der Fifa für neue Verwirrung. Eine kicker-Auswertung der Anhänge zum Fifa-Finanzbericht 2006 ergab weitere Anhaltspunkte für Differenzen in offiziellen Zahlen von wieder einmal zehn Millionen Schweizer Franken (CHF) oder umgerechnet 6,7 Millionen Euro und neue Widersprüche.

"Der gesamte Wettbewerbsaufwand für die Fifa Fussball-Weltmeisterschaft 2006", heißt es in dem Verbandsdokument, "beläuft sich (...) auf CHF 881 Millionen, d.h. CHF 10 Millionen oder 1Prozent über dem ursprünglichen Budget. Die Zuwendungen an das (...) Organisationskomitee beinhalten CHF 244 Millionen plus den Verlust vom Fifa Konföderationen-Pokal 2005 über CHF 6,4 Millionen, den die Fifa übernommen hat."

Weil die genannte Budgetüberschreitung exakt die Summe umfasst, die das WM-OK 2005 ganz offensichtlich unter vorgeschobenen Gründen an die Fifa überwies, verstärken die Angaben das Rätselraten um die finanziellen Verflechtungen zwischen Fifa und deutschen WM-Machern.

Allen bisherigen Angaben von Beteiligten zufolge war bereits 2002 ein Fifa-Zuschuss für das deutsche WM-OK von 250 Millionen Schweizer Franken oder 170 Millionen Euro vorgesehen, ohne dass schon ein Verlust beim Confed Cup 2005 in Deutschland abzusehen gewesen sein könnte.

(ems/sid)
 
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