| 07.10 Uhr

Franz Beckenbauer im Zwielicht
Gute Freunde kann niemand trennen

Porträt: Beckenbauer: Weltmeister und Fußball-Kaiser
Porträt: Beckenbauer: Weltmeister und Fußball-Kaiser FOTO: dpa
Salzburg. Der ehemalige Fifa-Funktionär Jack Warner bestreitet Geschäfte mit Franz Beckenbauer. Von Gianni Costa und Robert Peters

Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein, weil sie eines im Leben können - für einander da zu sein.

Franz Beckenbauer, Schlager aus den 60er Jahren

Das ist Jack Warner FOTO: dpa

Es ist die Zeit des großen Reinemachens. Kurz vor 11 Uhr im Salzburger Nobelviertel Parsch. Die Herbergen, besser: Anwesen, variieren zwischen traditionellen Bauernhäusern, Fincas wie auf Mallorca oder Ibiza und Villen im Bauhausstil. Auf einigen Dächern sind gigantische Satellitenschüsseln angebracht, mit denen man wohl auch Signale vom Mars empfangen kann.

In der Nachbarschaft ist eine Schule, Kindergeschrei schallt in der großen Pause durchs Viertel. In den Vorgärten wird der Rasen getrimmt, Gärtner sind mit Laubbläsern am Werk. Der Himmel über der Siedlung am Fuße des Gaisberg ist blau. 18 Grad. Die Sonne scheint. Kaiserwetter. Die Kreuzbergpromenade führt einen steilen Weg hinauf. Der Postbote geht gerade seine Runde. Für Franz Beckenbauer ist an diesem Vormittag auch etwas dabei.

Vom Hausherrn ist allerdings nichts zu sehen. "Ich sehe ihn öfters", sagt der Briefträger. "Ein Netter, ausgesprochen." Vor der Garage von Beckenbauers Anwesen steht das Auto einer Elektrofirma, vor der Haustür liegt ein Rucksack. Ein Schild warnt vor dem "gefährlichen Hund", das Schild auf dem Briefkasten trägt die Initialen "F.B.".

Alle DFB-Präsidenten seit 1900 FOTO: dpa, ase nic

Der Versuch einer Kontaktaufnahme mit dem Hausherrn verläuft (nicht ganz so überraschend) ergebnislos. Auf das Klingeln reagiert niemand – ausreichend Kameras rund um das 1441 Quadratmeter große Grundstück haben den Gesprächsversuch zumindest aufnehmen können. Also schriftlich. Im Briefkasten hinterlassen wir eine Visitenkarte. Bis jetzt hat Beckenbauer, auch das verwundert nicht, offenbar noch keine Zeit gefunden, sich zu melden. Dabei gäbe es gewiss viele, viele Fragen an ihn.

Die brennendste ist jene nach den Beziehungen zu Jack Warner, den jüngere Chroniken sehr beschönigend einen "umtriebigen Funktionär" nennen. Sicher ist, dass sich die beiden Fußballgrößen kennen. Sie sind sich beim Weltverband Fifa begegnet und bestimmt auch bei den vielen Reisen des Fußball-Kaisers, im Laufe derer er auf der ganzen Welt um Unterstützung der deutschen WM-Bewerbung bat. Ehrenrührig ist das nicht. Spannend wird die Angelegenheit durch den Vertragsentwurf aus dem Jahr 2000, den die Ermittler im Keller des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main fanden. Darin ist von Leistungen an Warner die Rede, unterzeichnet ist das Papier vom Chef des deutschen Bewerbungskomitees, Beckenbauer, und Warner. Beckenbauers Vertrauter Fedor Radmann, der später im WM-Organisationskomitee saß, hat den Vertrag mit seiner Paraphe versehen. Es sollen zwar keine direkten Geldleistungen vereinbart worden sein, aber es ging offenbar um Freundschaftsspiele, die damit verbundenen TV-Rechte und Eintrittskarten. Der kommissarische DFB-Präsident Reinhard Rauball wertet das als Bestechungsversuch.

Warner soll eigenes Konto für WM 2006 gehabt haben

Korruption bei WM-Vergaben FOTO: ap

Nach Informationen der "Bild" soll Warner als Vizepräsident der Fifa bei der First Citizen Bank ein geheimes Konto mit der Bezeichnung "LOC Germany 2006 Limited" geführt haben. LOC ist die Fifa-Abkürzung für "lokales Organisationskomitee". Warner weist jeden Verdacht der Bestechlichkeit im Blick auf die Vergabe der WM 2006 entschieden zurück. "Ich hatte mit niemandem aus Deutschlands Organisationskomitee der Fußball-WM 2006 irgendeine Vereinbarung", erklärte er dem Sender "Sport1", "außerdem möchte ich mich nicht am internationalen Medienzirkus beteiligen, der mich erniedrigt und verleumdet." Die "Bild" zitiert ihn mit einer noch schöneren Feststellung: "Ich weigere mich, ein Teil der Menge zu sein, die Schmerzen und Verletzungen über die Leute bringt, die ich einst Freunde genannt habe."

Warner war in solchen Fragen nicht immer so zimperlich. Viele Jahre hatte er im amerikanisch/karibischen Verband als treuer Stimmenbeschaffer für Fifa-Präsident Blatter geschafft, wofür er als kleine Gefälligkeit beispielsweise die TV-Rechte der WM-Turniere 2010 und 2014 für gerade mal 600.000 Dollar zugeschanzt bekam. Für 20 Millionen Dollar verkaufte er sie weiter. Ein typisches Geschäft für den Mann aus Trinidad und Tobago, der mit Rechte- und Kartenhandel viele Millionen verdiente und aus armen Verhältnissen in den Geldadel der Karibikinsel aufstieg.

Irgendwann war ihm das nicht mehr genug, und er beschloss, Schmerzen über Leute zu bringen, die er einst Freunde genannt hatte. 2011 wollte er Fifa-Boss Blatter stürzen. Zum Verhängnis wurden ihm und seinem katarischen Verbündeten Mohamed Bin Hammam, dass sie beim Putschversuch jene Mittel anwendeten, die sie im normalen Geschäft der Fifa offenbar gelernt hatten. Sie boten Geld für jede Stimme gegen Blatter. Das ist inzwischen unstrittig, uneinig sind sich die Chronisten allein über die Höhe – die Angaben bewegen sich zwischen 30.000 und 40.000 Dollar.

Warner wegen Betrugs, Geldwäscht und Korruption angeklagt

Die Ethikkommission der Freunde bei der Fifa setzte die beiden ehemaligen Vizepräsidenten lebenslang vor die Tür. Warner ist inzwischen von einem Bundesgericht in New York City wegen Betrugs, Geldwäsche und Korruption angeklagt. Einer Untersuchungshaft in seiner Heimat entging er gegen Zahlung einer Kaution von 2,5 Millionen Dollar. Weil er der Polizei keine weiteren Angaben machen wollte, sollte er eine Nacht in der Zelle verbringen. Er klagte über schwere Erschöpfungszustände und wurde ins Krankenhaus gebracht. Warner erholte sich offenbar schnell und verließ die Klinik. Am nächsten Tag tanzte er schon wieder auf einer Veranstaltung der liberal-unabhängigen Partei.

Beckenbauer wurde noch nicht beim Tanzen erwischt. Beim Reden allerdings auch nicht. Gestern richtete sein Management diese Mitteilung an die Medien: "Franz Beckenbauer steht den zuständigen Gremien weiterhin zur Verfügung und wird sich daher öffentlich nicht äußern." Das übernehmen zurzeit gern alte Kumpels. Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel. "Wenn ein Freund in Schwierigkeiten ist, dann muss man ihm zur Seite stehen", sagte Bayern Münchens Vorstandschef, "ich würde mir manchmal einen etwas sensibleren Umgang mit der Person Franz Beckenbauer wünschen. Ich glaube am Ende des Tages, dass der DFB der Person Franz Beckenbauer viel zu verdanken hat."

Der FC Bayern übrigens auch. Aber darum geht es im Moment gar nicht.

Quelle: RP
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