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Favorit auf Präsidentenamt beim DFB
Reinhard Grindel: Der Karrierist

Porträt: Reinhard Grindel: Der neue DFB-Präsident
Porträt: Reinhard Grindel: Der neue DFB-Präsident FOTO: dpa, fis jhe
Rotenburg/Hannover. Reinhard Grindel aus Rotenburg an der Wümme war Fernsehjournalist. Für die CDU sitzt er im Bundestag. Jetzt gilt er als Favorit auf das Präsidentenamt im Deutschen Fußball-Bund. Von Gianni Costa und Matthias Freese

Reinhard Grindel blickt staatstragend drein. In diesen Tagen geht es für den 54-Jährigen darum, einen möglichst präsidialen Auftritt hinzulegen. Rund um das Länderspiel am Dienstag gegen die Niederlande kommen die mächtigen Landeschefs des DFB zusammen. Sie wollen dem Präsidium des Verbands für dessen nächste Sitzung am Freitag einen Nachfolger für den zurückgetretenen Wolfgang Niersbach empfehlen. Ein außerordentlicher DFB-Bundestag ist in den kommenden Monaten geplant.

Nach Informationen unserer Redaktion steht fest: Grindel, bisher Schatzmeister, soll DFB-Präsident werden. Dabei müsste für den gebürtigen Hamburger noch nicht mal die Stelle des hauptamtlichen Präsidenten geschaffen werden. Grindel, heißt es aus seinem Umfeld, könne sich gut vorstellen, als Ehrenamtler den Posten zu übernehmen. Er würde bei seiner Wahl sein Bundestagsmandat aufgeben – und entsprechend finanziell versorgt werden. Das ist möglich, in dem die Aufwandsentschädigung für ihn einfach etwas angehoben wird. Die Statuten des DFB geben das her.

Der Jurist war beim ZDF Leiter des Hauptstadt-Studios, anschließend in gleicher Funktion für den Sender in Brüssel tätig, ehe er 2002 für die Christdemokraten in den Bundestag einzog. Noch immer gibt es beim Mainzer Sender eine Planstelle für ihn. Inzwischen bestreitet Grindel seine vierte Legislaturperiode in Berlin. Seit 2009 hat er sich im ländlich und konservativ geprägten Raum Rotenburg/Heidekreis stets direkt gegen Widersacher Lars Klingbeil von der SPD durchgesetzt.

Rotenburg an der Wümme, 27.000 Einwohner, im Dreieck zwischen Bremen, Hannover und Hamburg gelegen, plattes Land. Hier lebt Grindel mit seiner Frau Wenke und dem sechsjährigen Sohn Gustav. Enno (19), der andere Sohn, wohnt in Bonn. Grindels Mutter ist in Rotenburg aufgewachsen, sein Großvater hat an der Mittelschule Mathematik unterrichtet. Als Jurastudent half er in der Anwaltskanzlei des späteren Ersten Bürgermeisters von Hamburg, Ole von Beust, aus.

Grindel, der Hardliner

Grindel kann durchaus mit harten Bandagen kämpfen. Unmittelbar vor der jüngsten Wahl hatte er die Löschung eines Beitrags über seinen SPD-Kontrahenten Klingbeil von der NDR-Internetseite erreicht. In Berlin geht es für Grindel auf der Karriereleiter allerdings nicht mehr so recht weiter. Er war einst Obmann im Innenausschuss, hatte dort den Ruf eines Hardliners, saß in Untersuchungsausschüssen und wurde für seine Hartnäckigkeit und seinen Fleiß in der Fraktion geschätzt.

In der Politik ist Grindel inzwischen eher ein Hinterbänkler. Er ist nur noch stellvertretender Vorsitzender des weniger bedeutenden Sportausschusses und geriet dabei zuletzt wegen möglicher Interessenkonflikte in die Kritik. Im Sportausschuss müsste der Politiker Grindel bei der Aufklärung des WM-Skandals eigentlich den Sportfunktionär Grindel befragen.

Dass sich seine Prioritäten spätestens seit der Wahl vor zwei Jahren zum DFB-Schatzmeister in Richtung Fußball verschoben haben, ist offensichtlich. Bereits nach seiner Berufung hatte Grindel erklärt: "Ich habe vor, bei meiner Arbeit in Berlin etwas kürzerzutreten." Das zeigt sich auch daran, dass er in der aktuellen Legislaturperiode bisher 16 namentliche Abstimmungen verpasst hat – so etwa die zur Finanzhilfe zugunsten Griechenlands oder die zur Transparenz von Nebeneinkünften. Als der Bundstag 2014 ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung verabschiedete, stimmten 582 Abgeordnete dafür, drei waren dagegen, sieben enthielten sich – darunter Grindel. Der "Kicker" sieht in einer möglichen Kandidatur des Niedersachsen fürs Präsidentenamt einen "Skandal im Skandal". Der Kommentator wunderte sich: "Mitten in den größten Skandalen in der Geschichte der nationalen und internationalen Verbände wird der Name jenes Mannes gehandelt, der sich bei der Verabschiedung eines Gesetzes gegen Stimmenkauf und Korruption der Stimme enthalten hat."

In seinem Amt als DFB-Schatzmeister geht Grindel auf. "Ein, zwei Tage in der Woche bin ich für den DFB unterwegs." Dafür hat er vom Verband ein Dienstfahrzeug der gehobenen Klasse erhalten, neben einer Aufwandsentschädigung im vierstelligen Bereich. Der DFB macht seine Honorar- und Vergütungsordnung zwar nicht öffentlich, doch als Abgeordneter ist Grindel verpflichtet, zumindest die Spanne der Bezüge anzugeben – zwischen 3500 und 7000 Euro monatlich sind es bei ihm.

Bis vor Kurzem wurde er von DFB-Insidern nicht als Kronprinz gesehen. Im Gegenteil, Kritiker stellen seine Fußball-Fachkompetenz infrage. Als Student hat er beim SC Victoria Hamburg gespielt. Mit dem großen Fußball ist er erstmals während der WM 2006 in Berührung gekommen. Die Nationalmannschaft von Trinidad und Tobago hatte ihr Quartier in Rotenburg aufgeschlagen. Jack Warner, der heute im Mittelpunkt der Fifa-Skandale steht, stammt aus dem Karibikstaat. Er war kurz zu Besuch in Rotenburg.

Grindel ist ein Fan, der die Nähe zu den Großen des Fußballs genießt. Im Tross der Nationalmannschaft zum Beispiel. Oder wenn er auf Autogrammwänden neben den Weltmeistern unterschreiben darf. Sein Parteifreund Wolfgang Bosbach sagt: "Grindel ist ein Fußballbegeisterter. Wenn man ihm das Amt des Präsidenten antragen würde, würde er es gerne machen. Aber nicht in einer Kampfkandidatur."

Grindel fehlt die Krisenerfahrung

Als Sportfunktionär hat sich Grindel bisher noch nicht als Krisenmanager bewährt. Beim Rotenburger SV war er zwar einige Jahre im Vorstand, als wenig präsenter Pressewart aber nur in zweiter Reihe. Seinen größten Auftritt hatte er, als er den Klub juristisch vor dem Bezirkssportgericht vertrat. Vor einigen Monaten holte er Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff an die Wümme. Bei solchen Terminen tritt Grindel väterlich-staatsmännisch, bisweilen aber arrogant auf. Seine körperliche Größe gereicht ihm bei diesem Habitus zum Vorteil, auch wenn er bei Fotos bisweilen nicht weiß, wo er die Hände lassen soll und sie dann vor dem Körper so zusammenführt, als würde er einen Kugelschreiber halten.

Im Oktober 2011 übernahm er den Posten des ersten Vize-Präsidenten beim Niedersächsischen Verband, einige Monate vorher wurde er beim DFB Antikorruptionsbeauftragter, was er bis November 2013 blieb. Er sitzt in Stiftungen, wie im Kuratorium der Robert-Enke-Stiftung, und im Vorstand des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie". Pöstchen um Pöstchen nach oben. Er ist auch deshalb der Favorit der Landesfürsten, weil er von sich sagt, dass er "weiß, wo an der Basis der Schuh drückt".

Quelle: RP
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