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Steuer-Razzia beim DFB
Um 9.15 Uhr kommen die Ermittler

Steuerfahnder durchsuchen DFB-Zentrale in Frankfurt
Steuerfahnder durchsuchen DFB-Zentrale in Frankfurt FOTO: dpa, brx fdt
Diez. Der vorläufige Höhepunkt in der Affäre um die Vergabe der WM 2006: Steuerfahnder durchsuchen die DFB-Zentrale und die Häuser der Funktionäre Niersbach, Zwanziger und Schmidt. Von Gianni Costa und Robert Peters

Um 9.15 Uhr bekommt Theo Zwanziger Besuch. Acht Steuerfahnder stehen vor der Tür am Wohnhaus des ehemaligen DFB-Präsidenten in Altendiez. Eingeladen hat er sie nicht. Gleichzeitig stellen sich Mitarbeiter der Behörde dem amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, dem ehemaligen Generalsekretär Horst R. Schmidt und dem Verband an seinem Sitz in Frankfurt am Main vor. Sie untersuchen den Verdacht der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall. Es ist der vorläufige Höhepunkt in der Affäre um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland.

Eine Stunde sind die Ermittler bei Zwanziger. Richtig gemütlich findet er das sicher nicht, denn nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft drohen ihm, Niersbach und Schmidt bis zu fünf Jahre Haft. Der ehemalige Steuerinspekteur Zwanziger attestiert den Beamten ein höfliches Auftreten und bescheinigt sich, dass er keine Konsequenzen zu befürchten habe. "Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Ich habe gar keine Sorgen in diesem Zusammenhang. Ich weiß, dass ich die Wahrheit sage, dass ich nichts zu befürchten habe", sagt er.

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Zwanziger gebührt die Ehre, dem Fall die nötige Öffentlichkeit verliehen zu haben. Im "Spiegel" hat er von einer schwarzen Kasse beim DFB gesprochen.

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Es geht um 6,7 Millionen Euro, über deren Verwendung es unterschiedliche Darstellungen gibt. Zwanziger behauptet, sie seien auf Umwegen an den damaligen Chef des asiatischen Verbands, Mohamed Bin Hammam, gelangt. Er legt damit nahe, dass sie als Honorar für die Unterstützung der deutschen WM-Bewerbung gezahlt wurden. Niersbach und Franz Beckenbauer, der Chef des Bewerbungs- und Organisationskomitees, versichern, es habe sich um eine Vorleistung an die Fifa gehandelt, damit der DFB in den Genuss eines WM-Zuschusses von 170 Millionen Euro kommen konnte. Deklariert wurde die Zahlung als deutscher Beitrag zum WM-Kulturprogramm, das dann allerdings gar nicht stattfand. Deswegen wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt.

Niersbach präsentiert Briefwechsel und Abschriften

Mittags spricht Zwanziger wieder. Er lässt im Hotel Wilhelm von Nassau Kaffee, Wasser, Apfelsaft und ein paar Kekse auffahren. Der ehemalige Präsident hat zu einem Hintergrundgespräch geladen. Zwanziger redet mehr als eine Stunde. Er präsentiert Briefwechsel, Abschriften von Sitzungen, Gedächtnisprotokolle von Gesprächen mit ehemaligen Weggefährten wie Horst R. Schmidt, und selbst den SMS-Verkehr mit einem hochrangigen Mitarbeiter eines Boulevardblatts veröffentlicht er. Das alles soll seine Einschätzung stützen, dass Niersbach deutlich früher, als er bisher beteuerte, von dem Geldfluss wusste. Der amtierende DFB-Präsident hat mehrmals betont, er habe erst im Juni diesen Jahres Hinweise bekommen. Zwanziger aber will dokumentieren, dass Niersbach schon früher im Bilde war. Er verweist auf eine Erklärung von Horst R. Schmidt, der im WM-OK für Finanzen zuständig gewesen ist. Diese Erklärung liegt unserer Redaktion vor. Dort heißt es: "Ich habe erstmals im Herbst 2004 durch einen Anruf von Günter Netzer erfahren, dass Robert Louis-Dreyfus einen Anspruch gegen das OK des DFB in Höhe von 6,7 Millionen Euro haben soll. Ich hatte hiervon zuvor keine Kenntnis. Zeitnah habe ich die Mitglieder des OK-Präsidiums über diesen Sachverhalt informiert." Niersbach war einer der Vizepräsidenten des Organisationskomitees.

Der ehemalige Adidas-Chef Dreyfus soll dem Verband die 6,7 Millionen Euro 2002 vorgestreckt haben. Zwanziger präsentiert ein Schreiben, das von Beckenbauer stammen soll. Darin wird die Darstellung gestützt, die Finanzkommission der Fifa habe die Summe verlangt, bevor sie dem Ausrichter der WM einen Zuschuss in Höhe von 250 Millionen Schweizer Franken (170 Millionen Euro) zahlen werde. "Da das Organisationskomitee in dieser frühen Phase über keine eigenen Mittel verfügte, habe ich mich spontan entschlossen, mit meinem Privatvermögen für diese Summe gerade zu stehen", steht in dem Schreiben. Erst sein Manager Robert Schwan habe darauf gedrängt, ihm die Abwicklung zu überlassen. "Er knüpfte die Verbindung zu Herrn Robert Louis-Dreyfus, der sich bereit erklärte, den Betrag darlehensweise zur Verfügung zu stellen. Die Mitglieder des WM-Organisationskomitees habe ich über diesen Sachverhalt zum damaligen Zeitpunkt nicht informiert." Mit der Rückabwicklung des Darlehens "befassten sich dann die Finanzverantwortlichen unseres Organisationskomitees". Das waren Zwanziger und Schmidt. Beckenbauer soll den Untersuchungskommissionen des DFB diese Version ebenfalls unterbreitet haben.

Zwanziger findet die Aufklärungsbemühungen des Verbands bestenfalls halbherzig. Das hat er über seinen Anwalt dem Verband auch mitgeteilt. In einem dreiseitigen Papier, das unserer Redaktion vorliegt, schreibt er: "Es bestehen erhebliche Zweifel, ob die vom DFB erst vor kurzem veranlassten Aufklärungsmaßnahmen objektiv und unabhängig sein können."

Zwanziger begründet seine Zweifel mit dem Hinweis darauf, dass es persönliche Beziehungen zwischen einem führenden Mitarbeiter der Wirtschaftskanzlei Freshfields und dem Büroleiter Niersbachs gebe. Die Wirtschaftskanzlei ist vom DFB mit der Untersuchung der Vorgänge betraut worden.

Vergangene Woche sagte Zwanziger drei Stunden vor dieser externen Untersuchungskommission aus. Es sei ein angenehmes Gespräch gewesen, stellte er danach fest.

(seeg/RP)
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