| 12.17 Uhr

Doppelpack und Versöhnung mit den Fans
Werner ist die neue Nummer eins im Sturm

Timo Werner: "Ich sehe mich noch nicht als Stürmer Nummer eins"
Für den deutschen Stürmer Timo Werner war das 6:0 im WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen mehr als ein Sieg. Der Leipziger, in Prag am vergangenen Freitag noch von den eigenen Fans beschimpft, wurde nun in Stuttgart gebührend gefeiert. Allerdings ist es wohl nur eine Versöhnung auf Raten. Von Patrick Scherer, Stuttgart

Lars Lagerbäck hatte allerhand damit zu tun, das 0:6 zu erklären. Sein Team hatte sich von der deutschen Nationalmannschaft an die Wand spielen lassen und somit die letzte, rein theoretische Chance auf die WM-Qualifikation verstreichen lassen. Der schwedische Trainer der Norweger kam dabei zum Schluss: "Deutschland hat die beste Offensive der Welt. Sie können auf allen Saiten der Gitarre spielen."

Dass seine Mannschaft dabei wahnsinnig schlecht verteidigt hatte wollte Lagerbäck nicht verhehlen, aber "bei dieser Klasse ist es auch sehr schwer". Und so war das klare Ergebnis auch Zeugnis dafür, mit welcher Macht die Elf von Joachim Löw einen Gegner überrollen kann, wenn er zu einfache Fehler macht. Mann des Tages war dabei Timo Werner. Er steht für eine neue Qualität im deutschen Sturm.

Einzelkritik: Note 1 für Timo Werner FOTO: dpa, geb wok

Der Bundestrainer war naturgemäß sehr zufrieden mit dem, was er gesehen hatte. "Wir haben von Anfang an viel Druck gemacht, eine hohe Dynamik ins Spiel gebracht und Zug zum Tor gezeigt", sagte Löw. Die geforderte Mischung aus variabler Offensive und kontrolliertem Rückzug war zu sehen. Allerdings verhielt sich Norwegen eben wie das Kaninchen vor der Schlange und ließ sich dann auch widerstandslos verschlingen.

Neue Qualität im deutschen Sturm

Mann des Spiels war zweifelsohne Werner. Sportlich waren die zwei Tore die konsequente Fortsetzung seiner Entwicklung in der Nationalmannschaft. Menschlich dürfte ihm die vom Bundestrainer verordnete Lobhudelei des Stuttgarter Publikums gutgetan haben. "Ich bin einfach froh, dass ich dem Publikum und dem Trainer mit meinen Toren etwas zurückgeben konnte", sagte der 21-Jährige. Werner ist bei großen Teilen deutscher Fußballfans in Ungnade gefallen.

Die Initialzündung dafür lieferte der Ex-Stuttgarter mit einer Schwalbe in der Bundesliga im Dezember 2016. Als Katalysator dient zudem, dass Werner in Diensten von RB Leipzig steht, dem von Traditionalisten abgelehnten Fußballprojekt. Am Montagabend gab es nun lautstarke Sprechchöre für den Stürmer. Wer aber glaubt, dass sich dieses Thema für Werner in der Liga erledigt hat, dürfte falsch liegen. Die Überschneidungsmasse der Zuschauer bei DFB-Länderspielen und bei Partien in der Bundesliga ist sehr gering.

Gomez lobt Konkurrent Werner

Löw wollte dieses Streitthema aber als "mit Sicherheit" abgehakt sehen. Der Bundestrainer hatte auch so vehement Fairness im Umgang mit dem gebürtigen Stuttgarter gefordert, weil Werner fester Bestandteil der Planungen von Löw ist. Werner bringt eine andere Qualität ins deutsche Spiel. "Er hat diesen absoluten Zug zum Tor", sagt Löw. "Er ist immer an vorderster Stelle, schafft dadurch auch Räume. Ich hoffe, dass er seine Laufwege in Zukunft so beibehält. Das ist schon klasse."

Und auch Werners Konkurrent im Sturm, Mario Gomez, hatte nur lobende Worte für den derzeitigen Stammspieler parat. "Er wird die nächsten zehn Jahre den deutschen Sturm dominieren und auch in Europa, wenn er so weitermacht. Das ist grandios, das ist einfach nur verdient, deswegen habe ich mich wahnsinnig für ihn gefreut", sagte Gomez über den gefeierten Doppeltorschützen.

Klar, betonte Gomez, Fußball sei "immer auch Konkurrenzkampf". Dennoch habe er es Werner gegönnt, dass dieser nach Monaten der Anfeindungen in fremden Stadien in Stuttgart gefeiert wurde. "Ich hatte Gänsehaut, als sein Name gerufen wurde. Man hat gesehen was passiert, wenn man ihn auch noch unterstützt, dann ist er noch besser als er eh schon ist, wenn man ihn beschimpft." Als Gomez in der 66. Minute für Werner ins Spiel kam, klatschte er ebenso wie die 53.814 Zuschauer Beifall für den Mann des Spiels.

Pressestimmen: "Werner – vom Buhmann zum Helden" FOTO: dpa, geb wok

Werner bringt Tiefe mit

Es ist auch das Eingeständnis, dass die "Falsche Neun" – also das System mit einer spielerischen, hängenden Spitze – kaum noch eine Rolle in den Gedankenspielen von Löw einnimmt. Werner bringt die gewünschte Tiefe ins deutsche Spiel. Egal, ob im 4-2-3-1 oder im 3-5-2. Die Verteidiger müssen darauf achten, dass er den Ball nicht in den Fuß bekommt, sonst ist er weg – wie beim 1:0 gegen Tschechien. Zudem hat er einen Strafraumriecher und ist kopfballstark, wie beim 3:0 und 4:0 gegen Norwegen.

Generell bestätigten alle Tore am Montagabend die These von Coach Lagerbäck. Drei Mal war Deutschland per Kopf erfolgreich, drei Mal mit dem Fuß. Allen Toren ging voraus, dass sich die DFB-Elf hinter die norwegische Abwehr kombinierte. Sei es mit langen Diagonalbällen oder kurzen Passstafetten. Löws Fazit lautete deshalb: "Hier in Stuttgart haben wir erlebt, wie schön Fußball sein kann." Stimmt, und wie denkbar einfach er sein kann, wenn es kaum Gegenwehr gibt.

(erer)
 
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