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Analyse zur WM-Qualifikation
Die Gründe für die neue Souveränität

Pressestimmen: "Mannschaft on fire"
Pressestimmen: "Mannschaft on fire" FOTO: ap, MS
Draußen im Stadion und in den Kneipen von Hannover wurde die EM-Hymne "Will Grigg's on fire" gesungen. Und drinnen im Pressekonferenz-Zelt der Arena von Hannover sprach der Bundestrainer nach dem ungefährdeten 2:0-Erfolg über Nordirland einen typischen Jogi-Löw-Satz. Von Robert Peters, Hannover

Er sagte: "Wir haben uns eine Spielweise erarbeitet, dass wir wahnsinnig Dominanz ausüben. Das ist gut, klar." Selbstverständlich hatte das Wörtchen "wahnsinnig" ganz viele kleine "aaas". Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Russland 2018 ist geprägt von dieser "wahnsinnigen Dominanz". Löws Mannschaft hat alle drei bisherigen Spiele gewonnen, sie kassierte kein Gegentor. Der Start ist schon mal gelungen.

Das sind die Gründe:

Konsequenz und Konzentration. Vor zwei Jahren stolperte der Weltmeister in die Qualifikation zur EM, weil er wichtige Kräfte (vor allem Philipp Lahm) verloren hatte, und weil viele Spieler nicht schnell genug die Füße wieder auf den Boden bekamen. Es gab Punktverluste gegen fußballerische Riesenzwerge wie Irland. 2016 geht das Team seinen Job konzentriert an. Es nimmt auch die kleinen Gegner ernst. Und es beherzigt den Ratschlag des Trainers. Löw erklärte: "Wir haben uns vorgenommen, die Qualifikation gnadenlos durchzuziehen."

Klasse. Die Konkurrenz in der Qualifikation steht einem Gegner gegenüber, der ihr schon von seinen Voraussetzungen her klar überlegen ist. Nordirlands Trainer Michael O'Neill fasste das in eine zu diesem Zeitpunkt schon bemerkenswerte Ergebenheits-Adresse. "In der zweiten Halbzeit lief es beim 0:2-Rückstand schon auf Schadensbegrenzung hinaus", stellte er fest, "wobei ich überhaupt Zweifel habe, ob es eine Mannschaft gibt, die dieses Team aufhalten kann." Man müsse einmal die "schiere Qualität der Einzelspieler sehen. Und dann kommt da noch diese Athletik, zum Beispiel bei den Verteidigern Boateng und Hummels". Deutschland werde "die Gruppe ganz klar gewinnen", urteilte O'Neill.

Eingespielte Mannschaft. Löw muss (noch) keinen Umbruch moderieren, wie das in Ansätzen vor zwei Jahren notwendig war. Die Mannschaft geht eingespielt in die Qualifikation. Das ist nicht zu übersehen. Die Abläufe sind vertraut, die Wege bekannt, das Pass-Spiel eingeübt. Die Sicherheit, mit der Löws Team kombiniert, ist zum einen das Ergebnis vieler gemeinsamer Auftritte, zum anderen Ausdruck der besonderen Fähigkeiten. So kann die deutsche Mannschaft ihren Gegnern den Rhythmus vorgeben. "Wir können den Gegner so bespielen, wie wir ihn haben wollen", sagte Löw. Das könnte überheblich klingen, aber es klang wie eine Feststellung.

Defensivverhalten. Es gab Jahre in Löws Amtszeit, da nörgelten Teile der Fachwelt über die viel zu offensive Ausrichtung. Weil so manche Offensivkraft in dieser Phase seine Aufgabe für erfüllt hielt, wenn ein Angriff wie auch immer abgeschlossen war, gab es selbst gegen die Kleineren in der Welt reichlich Gegentore. Spätestens bei der Europameisterschaft setzte in dieser Hinsicht ein Umdenken ein. Jerome Boateng hielt nach der Begegnung mit der Ukraine eine Aufsehen erregende kleine Brandrede. Und fortan erinnerte sich sogar die Abteilung Stürmen und Drängen daran, dass es sich beim Fußball um ein Mannschaftsspiel handelt. Seither wird im Team-Verbund verteidigt. Und seither gab es in neun Spielen nur noch drei Gegentreffer. "Ich glaube, wir machen es ganz gut", befand Verteidiger Mats Hummels.

Die EM. Löws Jungs stellten bei der EM mit einiger Sicherheit das fußballerisch beste Team, aber im entscheidenden Spiel, dem Halbfinale gegen die Franzosen, fehlte ihnen Konsequenz und Effektivität. Das hat Spuren hinterlassen. Unmittelbar nach der Halbfinal-Niederlage gab es deshalb weniger faire Anerkennung für den Sieger als vielmehr knatschige Klagen über die Ungerechtigkeit des Fußballgottes. Der Verlauf der EM hat die Sinne geschärft. Die Mannschaft hat begriffen, dass es an ihr liegt. Sie betrachtet die Qualifikation nicht mehr als lästige Pflicht, sondern als Möglichkeit, Sicherheit und Selbstvertrauen für das Turnier in Russland aufzubauen.

Die Vielseitigkeit. Die DFB-Auswahl hat bewiesen, dass sie verschiedene Mittel beherrscht, zum Erfolg zu kommen. "Wir haben uns von einer reaktiven zu einer aktiven Mannschaft entwickelt", erklärte Löw. Seine Aktivisten beherrschen unterdessen nicht nur den Ballbesitz-Fußball, sie können auch Diagonal-Pass-Festivals feiern wie gegen die Tschechen. Oder auf Löw-Deutsch: "Wir sind schon auch variabel, klar."

Was noch fehlt. Perfektion gibt es im Sport nicht. Zum Glück. Und die DFB-Auswahl hat, wie ihr Coach mit Recht feststellte, "jetzt noch nicht gegen die Kategorie A gespielt". Auf dem Weg nach Russland müsse das Team "daran arbeiten, diese Leistungen zu stabilisieren, Konstanz zu zeigen". Darüber hinaus bleibt ihr Auftrag, vor allem in der Spitze zielstrebig zu spielen. Da ist noch Luft nach oben. Alles andere wäre schwer zu ertragen.

 
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