| 18.51 Uhr

Folge des WM-Skandals
Die DFB-Struktur steht auf dem Prüfstand

Korruption bei WM-Vergaben
Korruption bei WM-Vergaben FOTO: ap
Frankfurt/Main. Oliver Bierhoff nennt es "Kumpanei". Alfons Hörmann sieht "Fragezeichen im Verbandswesen", Reinhard Rauball will "ohne Scheuklappen" diskutieren. Die Lücken im System, die verkrusteten Strukturen und die oftmals blinde Loyalität, die den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit in die Krise gestürzt haben, sollen beseitigt werden – auch wenn nicht alle Beteiligten diese Lehre aus dem Skandal um die Vergabe der WM 2006 ziehen wollen.

"Es ist wichtig, dass in solchen Wirtschaftsunternehmen, wie es die Verbände im Fußball sind, mit der Kumpanei aufgeräumt wird", sagte Nationalmannschafts-Manager Bierhoff unmissverständlich. Auch DFB-Interimspräsident Rauball sieht die Zeit gekommen, Reformen einzuleiten. Es sollte "ohne Scheuklappen und ergebnisoffen über Gremien- und Aufsichtsratsstrukturen diskutiert" werden, sagte der Jurist der "Bild".

Für DOSB-Boss Hörmann ist klar, dass die Situation nicht hilfreich sei und "Fragezeichen zum gesamten Verbandswesen" bringe, die man "im Moment nicht wegdiskutieren" könne.

Überblick: Die Zuständigkeiten im deutschen OK bei der WM FOTO: dpa

Diese Fragezeichen sehen andere allerdings nicht. Nach Ansicht von DFB-Vizepräsident Peter Frymuth trägt der Verband mit seinen Strukturen kaum Schuld am Skandal. "Das gravierende Fehlverhalten hat es im WM-Organisationskomitee gegeben", sagte Frymuth unserer Redaktion: "Dort haben wenige Personen viel entschieden."

Die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk sieht das ähnlich. Die Juristin in Diensten von Transparency International hält nicht viel von den Rufen nach einem besseren Compliance-System (Verhaltensmaßregeln und Richtlinien) mit unabhängig agierenden Aufpassern beim DFB.

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"Es war nur ein kleiner Kreis von vier, fünf, sechs oder sieben Personen eingeweiht", sagte Schenk dem SID: "Dass da etwas nicht stimmt, hätte auch der beste Compliance-Officer nur im Nachhinein oder durch Zufall gemerkt."

Schenk hat zwar Defizite beim DFB erkannt, hält den Verband aber grundsätzlich nicht für schlecht aufgestellt. "Der DFB wird viele Dinge auf den Prüfstand stellen und ist damit auch gut beraten. Man kann sicher schauen, wo man was und wie besser machen kann", erklärte die 63-Jährige: "So sollte zum Zwecke der Transparenz der Finanzbericht auf der Webseite veröffentlicht werden."

Doch obwohl der DFB Nachholbedarf hat, bricht Schenk eine Lanze für den Verband. "Der DFB hat für seine Größe schon viele Dinge umgesetzt, die andere nicht haben. So gibt es eine Revisionsstelle und es gibt eine Wirtschaftsprüfung", sagte die Frankfurterin: "Man kann sicher nicht sagen, dass da alles völlig unzureichend ist."

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Nach Ansicht von Schenk muss ohnehin in erster Linie ein Umdenken einsetzen. "Es braucht eine Kultur, in der solche Dinge angesprochen werden. 2005 war das Whistleblowing ja noch kein Thema", sagte die frühere Leichtathletin: "Zudem muss jedes Compliance-Programm erst erarbeitet und umgesetzt werden. Das braucht Zeit."

Laut Schenk "hinkt der Sport der Wirtschaft zehn Jahre hinterher". Die Juristin kann deshalb dem Skandal auch etwas Positives abgewinnen. "Das Ganze wird dem Thema einen Schub geben", sagte Schenk: "Alle sollten kapiert haben, was die Stunde geschlagen hat. Das ist für das Thema erfreulich – auch wenn es für den DFB unerfreulich ist."

(can/sid)
 
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