| 15.47 Uhr

WM-Vergabe 2006
Wolfang Niersbachs Erklärungsversuch im Wortlaut

Niersbach versucht Licht ins Dunkel zu bringen
Niersbach versucht Licht ins Dunkel zu bringen FOTO: dpa, ade nic
DFB-Präsident Niersbach hat sich erstmals im Detail zu einer Millionen-Zahlung im Vorfeld der WM 2006 geäußert. Niersbach versuchte, Erklärungen für mysteriöse Vorgänge im Zuge der deutschen WM-Bewerbung zu liefern. Er verstrickte sich allerdings in neuen Ungereimtheiten.

Die Erklärung von Niersbach im Wortlaut:

"Ich möchte am heutigen Tag die Gelegenheit nutzen, in aller Offenheit und Ehrlichkeit die Dinge so darzustellen, wie ich sie in Erinnerung habe und teilweise auch erst seit Kurzem kenne. Die sehr wichtige Kernbotschaft ist die, die ich schon am letzten Wochenende unterstrichen habe: Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. Es hat keine Schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben. Wir haben die Vergabe am 6. Juli 2000 mit 12:11 Stimmen gewonnen. Es war eine geheime Abstimmung. Wer letztlich für uns gestimmt hat, das wissen wir nicht. Aber das unterstreiche ich auch nach Rücksprache mit allen Beteiligten. Ich war persönlich eingebunden in diese Bewerbungsphase, die über eine lange Strecke ging. Also die Behauptung, dass wir auf unlauterem, unkorrektem Wege die WM, diese wunderbare WM 2006 bekommen hätten, die stimmt definitiv nicht.

Jetzt kommt der zweite Teil, den ich in dieser Geschichte, wie er sich darstellt, auch erst seit Kurzem kenne, auch immer noch nicht vollständig. Nach dem Zuschlag im Juli 2000 begann jedenfalls die Verhandlung mit der Fifa über einen Organisationszuschuss. Das Organisationskomitee hatte drei Einnahmequellen, die da lauteten: Ticketing, also die Ticketing-Einnahmen von den 64 Spielen, das zweite war die Akquise der nationalen Förderer, maximal sechs war da die Zahl. Und dann war immer das Fragezeichen eines Organisationszuschusses. Wir wussten, dass Japan und Südkorea beispielsweise vier Jahre vorher jeweils 100 Millionen Dollar von der Fifa bekommen hatten, obwohl das in der Bewerbungsphase vertraglich nicht fixiert worden war. Also es wurde, da war ich nicht eingebunden, über Monate mehr oder weniger ergebnislos mit der Fifa verhandelt.

Und im Januar 2002 hat dann Generalsekretär und OK-Vize Horst R. Schmidt Franz Beckenbauer gebeten, mit nach Zürich zu einem weiteren Treffen zu gehen. Dieses Treffen verlief dann so, dass es ein Vier-Augen-Gespräch gab zwischen dem Fifa-Präsidenten und Franz Beckenbauer, und im Zuge dieses Vier-Augen-Gesprächs hat der Fifa-Präsident einen Zuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken, umgerechnet 170 Millionen Euro, in Aussicht gestellt, daran aber den Satz geknüpft, das soll mit der Finanzkommission der Fifa geklärt werden. Dann haben Gespräche mit der Finanzkommission stattgefunden. Wer die geführt hat, weiß ich bis zum heutigen Tage nicht. Jedenfalls tauchte dann die Forderung auf, das sei schon in Ordnung mit den 250 Millionen Schweizer Franken. Aber im Gegenzug müssten zehn Millionen Schweizer Franken an die Finanzkommission überwiesen werden.

Franz Beckenbauer war damals bereit, für diese zehn Millionen mit seinem Privatvermögen geradezustehen. Das hat er wohl für sich so spontan überlegt, weil er erkannte, dass mit diesem Zuschuss die Gesamtfinanzierung der WM 2006 auf total soliden Füßen stand. Dies wiederum hat sein damaliger Manager Robert Schwan erfahren, und hat ihm gesagt, er solle sich aus dieser Angelegenheit raushalten. Und Robert Schwan hat dann die Verbindung zu Robert Louis-Dreyfuss geknüpft und Dreyfuss hat dann gegenüber Robert Schwan die Zusage gegeben, diese zehn Millionen an die Finanzkommission der Fifa zu überweisen. Wohin dort genau, auch das entzieht sich meiner und unserer Erkenntnis. Von diesem Vorgang aus dem Januar 2002 habe ich persönlich nichts gewusst, ich habe aber stattdessen relativ zügig die ganze Finanzkonstruktion auch in Pressemitteilungen dargestellt, nämlich der Gestalt, dass es diesen Zuschuss gab aus Marketing- und Hospitality-Einnahmen. Da ist auch ein sauberer Vertrag drüber geschlossen worden zwischen Fifa und OK mit einem Profit-Share am Ende. Der Profit-Share hat auch gegriffen, der Gestalt, dass der Überschuss von 150 Millionen Euro in etwa dann aufgeteilt wurde in 50 Millionen Steuern, 50 Millionen für die Fifa und 50 Millionen sind beim DFB geblieben, wo dann diverse Aktivitäten für den deutschen Fußball mitgestaltet worden sind.

Dieses Thema war dann über Jahre kein Thema, jedenfalls nach meiner Wahrnehmung. Nicht, ehe etwa 2004/2005 das Thema der Rückzahlung dieses Darlehens auftauchte. Da soll es laut Spiegel einen Brief geben, wo es auch einen persönlichen Vermerk von mir geben soll, sofern es denn meine Handschrift ist. Da wiederhole ich das, was ich auch in dem Interview auf dfb.de letzte Woche gesagt habe: Ich kann mich daran nicht erinnern, kann es aber auch nicht ausschließen. Bei der Vielzahl der Vorgänge, die bei der Abwicklung und der Vorbereitung der WM da täglich auf dem Tisch waren. Ich kann es nicht ausschließen. Aber jedenfalls ist dann wohl gesprochen worden, verhandelt worden. Da war ich persönlich nicht eingebunden, das waren eben die Zuständigkeiten, die lagen woanders. Und dann ist wohl im April oder Mai 2005 die Rückabwicklung geschehen, der Gestalt, dass damals noch die Absicht war, eine besondere Fifa-Gala in Berlin durchzuführen. Da gibt es entsprechende Unterlagen, dass der Antrag der Fifa gestellt wurde, dass das OK sich an dieser Gala beteiligen solle. Diese Vorlage wurde entsprechend erstellt, ging in die Gremien OK-Präsidium und Präsidialausschuss, wurde dort genehmigt und dann ist dieser Betrag von 6,7 Millionen Euro, der entsprach den zehn Millionen Schweizer Franken, auch zurücküberwiesen worden an die Fifa.

Also die Fifa war am Anfang über die Finanzkommission dort eingeschaltet und eingebunden plus bei der Rückabwicklung. Ich bin vorgestern, also am Dienstag, bei Franz Beckenbauer in Salzburg gewesen und kenne erst seitdem einigermaßen genau diesen ersten Teil, also wie überhaupt der Kontakt zu Robert Louis-Dreyfuss zustande gekommen ist. Und den weiteren Ablauf hat auch Franz Beckenbauer nicht mehr präsent. Was nicht verwundert bei Dingen, die so lange zurückliegen. Die 6,7 Millionen tauchen auch in allen Jahresabschlüssen auf. Und nach den Dokumenten, die uns vorlagen, es hat einige Zeit gedauert, die zusammenzukriegen, ist der Vorgang innerhalb des Organisationskomitees auch absolut nachvollziehbar und verständlich gewesen. Auch die Frage, wie die Gala abgesagt wurde: Hättet ihr da das Geld denn nicht zurückfordern müssen? Die lässt sich so beantworten, dass da schon erhebliche Organisationskosten entstanden waren, sodass man gesagt hat, wer genau, weiß ich auch nicht, wir lassen das so. Die kommen ohnehin in die Schlussabrechnung mit der Fifa und berücksichtigen das. Die Zuständigkeiten im OK, wie wir sie damals hatten, die sind ihnen bekannt.

Was habe ich mir persönlich vorzuwerfen? Ich habe von dem Vorgang erfahren im Juni etwa, den Tag genau kann ich nicht sagen, über Umwege. Daraufhin habe ich eine interne Untersuchung hier im Hause erbeten, die einige Zeit gedauert hat, aber es ist zweifellos mein Versäumnis gewesen, die anderen Mitglieder des Präsidiums nicht dann auch frühzeitig informiert zu haben. Das muss ich ganz eindeutig auf meine Kappe nehmen und habe das auch den Kollegen und Freunden aus dem Präsidium sowie auch den Vorsitzenden der Landesverbände so vermittelt. Vielleicht noch ein Punkt, der auch immer wieder in der Berichterstattung auftauchte, dass es ein Gespräch gegeben habe im Frankfurter Airport-Club, wo man innerhalb der alten OK-Besetzung darüber gesprochen hätte. Dies stimmt also nicht. Wir haben uns da getroffen, aber da ist über dieses Thema nicht gesprochen worden. Da ging es generell um mögliche Dinge, die sich aus der ISL-Insolvenz ergeben könnten. Aber da war dieses Thema nicht der Fall. Und ich persönlich habe bis auf einige Smalltalks Robert Louis-Dreyfuss auch nur einmal länger getroffen. Das war aber zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft, als er auch schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet war. Das ist so in etwa der Sachverhalt. Die wichtige Botschaft steht: Das Sommermärchen war ein Sommermärchen und es bleibt ein Sommermärchen und ist nicht mit unlauteren Mitteln nach Deutschland gekommen. Und das zweite Stück der Aufklärung, da habe ich auch letztlich bis zum Dienstag gebraucht, um das so zu verstehen, wie ich es Ihnen auch versucht habe zu vermitteln."

(sid)
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