| 18.17 Uhr

WM-Vergabe 2006
Niersbachs Erklärung wirft neue Fragezeichen auf

Niersbach versucht Licht ins Dunkel zu bringen
Niersbach versucht Licht ins Dunkel zu bringen FOTO: dpa, ade nic
Frankfurt. Mit einer sonderbaren Erklärung für die ominöse Millionen-Zahlung hat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in der WM-Affäre die Flucht nach vorne angetreten.

Wolfgang Niersbach lehnte aschfahl und mit tiefen Augenringen in seinem Stuhl, jede der vielen bohrenden Fragen schien ihm körperliche Schmerzen zu bereiten. Was ist aus den 6,7 Millionen Euro geworden? Könnte das Geld nicht doch für Korruption verwendet worden sein? Wie hat Niersbach davon erfahren? Viele, die meisten sogar, konnte der DFB-Präsident am Donnerstag während einer denkwürdigen Pressekonferenz schlicht nicht beantworten - stattdessen verstrickte er sich in neuen Ungereimtheiten und löste außerdem mehrfach Widerspruch des Weltverbandes FIFA aus.

"Ich weiß es nicht", sagte Niersbach während für ihn quälenden 42 Minuten in der Verbandszentrale in Frankfurt/Main immer wieder, "da bin ich überfragt" oder "darauf habe ich keine Antwort". Seine wenigen konkreten Aussagen stützte er ausschließlich auf ein Gespräch mit Franz Beckenbauer am Dienstag in Salzburg, also auf dessen Gedächtnis, belastbare Dokumente liegen nicht vor. Nur in einer Sache war der 64-Jährige nach wie vor absolut sicher: Die WM 2006, sie soll trotz aller Unklarheiten sauber gewesen sein.

Niersbach im Deutschen Fußballmuseum FOTO: afp, PST ej

"Wir haben die WM mit lauteren Mitteln bekommen! Die WM war nicht gekauft, das Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen!", beteuerte Niersbach erneut - und das mehrmals. Dies sei die "Kernbotschaft", die unangetastet bleibe. Niersbach warf jedoch weitaus mehr Fragen auf, als er beantworten konnte. Der Druck stieg minütlich, aber über mögliche persönliche Konsequenzen sprach er nicht.

"Es ergeben sich Fragezeichen, die sehe ich auch", räumte Niersbach ein. Zumindest in den nebulösen Vorgang der 6,7-Millionen-Euro-Zahlung, deren exakter Verbleib nach wie vor ungeklärt ist, versuchte er er etwas Licht zu bringen.

Seine allerdings sonderbare Erklärung: Die deutschen WM-Macher mussten 2002 6,7 Millionen Euro an die FIFA überweisen, um später vom Weltverband umgerechnet 170 Millionen Euro erhalten zu können. Diese Zusage habe Beckenbauer persönlich vom FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter in einem Vier-Augen-Gespräch erhalten - ein sogenannter "Organisationszuschuss" des Fußball-Weltverbandes für die Ausrichtung der WM. Die benötigten 10 Millionen Schweizer Franken habe das WM-OK mangels eigener Einnahmen nicht zur Verfügung gehabt. Daher habe der damalige adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vorgestreckt und das Geld an die FIFA-Finanzkommission überwiesen - laut Niersbach ohne Umwege über den DFB oder das WM-OK, dessen Vize-Präsident er zu dieser Zeit war.

Fragen und Antworten: War WM 2006 in Deutschland gekauft?

Eigentlich habe Beckenbauer den Betrag aus seinem Privatvermögen übernehmen wollen, sich aber auf Anraten seines Beraters Robert Schwan dagegen entschieden. Warum damals keine Bank oder gar die Bundesregierung um ein Darlehen gebeten wurde, konnte Niersbach nicht aufklären.

Nur knapp drei Stunden später ließ außerdem die FIFA Zweifel an Niersbachs Version der Vorgänge aufkommen. "Es entspricht in keinster Weise den FIFA-Standardprozessen und Richtlinien, dass die finanzielle Unterstützung von WM-OKs an irgendwelche finanziellen Vorleistungen seitens des jeweiligen OKs oder seines Verbandes gekoppelt ist", teilte der Weltverband mit. Und kurz darauf: Ein Zahlungseingang über die Dreyfus-Millionen sei für 2002 "nach heutigem Kenntnisstand" nicht registriert.

In schwarzer Krawatte und dunklem Jackett wand Niersbach sich während seiner Erklärungen, wie auch bei einigen anderen Nachfragen. Er beharrte darauf, dass mit den Dreyfus-Millionen keine WM-Stimmen gekauft worden seien.

Bei Beckenbauer hat sich Niersbach nach eigener Aussage am Dienstag in Salzburg persönlich über die Vorgänge informiert. Der "Kaiser", damals Präsident des WM-OK und nun selbst heftig in Erklärungsnot, als Kronzeuge des DFB-Chefs.

Der Spiegel, am vergangenen Wochenende Auslöser der WM-Affäre, hatte ein Dokument beschrieben, auf das Niersbach den handschriftlichen Vermerk "Honorar für RLD" gesetzt haben soll. Dies wollte das Oberhaupt des Deutschen Fußball-Bundes "nicht ausschließen", ohne sich allerdings konkret daran zu erinnern.

2005 forderte Dreyfus laut Niersbach seine Millionen von den WM-Machern zurück. Zeitnah zu diesem großen Problem beantragte das OK laut Angaben des Bundesinnenministerium vom Donnerstag zunächst eine Umschichtung von sieben Millionen Euro der Bundesmittel für das Kulturprogramm in den WM-Städten zugunsten der Eröffnungsgala. Der Anmerkung eines Journalisten, es sei dann offensichtlich die "Legende Kulturprogramm" erfunden worden, stimmte Niersbach in seinen Erklärungen "im Kern" aber auch zu. Warum nun eine finanzielle Harakiri-Aktion notwendig wurde - ungeklärt; ebenso die Frage, ob die FIFA die Rückzahlung an Dreyfus weitergeleitet hat.
Laut Spiegel: ja.

Im Sommer dieses Jahres erst habe er, versicherte Niersbach, auf "merkwürdigen Umwegen" von den Problemen mit den 6,7 Millionen Euro erfahren. Die Umstände ließ er im Dunkeln. Umgehend habe er dann mit der Untersuchung begonnen und sei "in die Akten gestiegen" - allerdings, ohne den DFB-Kontrollausschuss einzuschalten. Die mangelnde Kommunikation hatten ihm in den vergangenen Tagen die Landesverbände zum Vorwurf gemacht.

Der Verdacht, es sei entgegen Niersbachs Aussage etwas im Zuge der WM-Bewerbung oder -Planung nicht mit rechten Dingen zugegangen, bleibt. Dies, obwohl Niersbach betonte, der Posten stehe in allen Jahresberichten, das sei "totale Transparenz". Er sei allerdings "in Finanzfragen nur sehr bedingt eingebunden" gewesen. Verantwortlich für die OK-Finanzen war damals Theo Zwanziger.

Offen blieb außerdem, warum Niersbachs Vorgänger und Intimfeind inzwischen nach Aufklärung ruft, aber seinerzeit bei der "Legenden"-Überweisung geholfen haben soll. Den Eindruck einer doppelten Buchführung beim WM-OK nannte Niersbach außerdem selbst weiter "einen zentralen Punkt".

(areh/sid)
 
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