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WM-Starter Brasilien im Porträt
Tite, Neymar und das 1:7 - Brasilien läuft heiß

WM 2018: Brasilien im Porträt
Brasilien gilt als Mitfavorit - mal wieder. FOTO: ap, MS FP
Brasilia. Der Rekord-Weltmeister löste als einer der Ersten in der weltweiten Qualifikation das Ticket nach Russland. Und reist mal wieder als Favorit an.

Eigentlich ist es wie immer: Mit dem neuen Kulttrainer Tite und Superstar Neymar ist Brasiliens Fußball-Selecao auch in Russland Titelkandidat. Das Ego wurde dank des phänomenal Schlussspurts in der südamerikanischen WM-Qualifikation kräftig aufpoliert. Vergessen der Holperstart in die Eliminatorias. Abgehakt das deutsche 1:7-Trauma.

Sicher? "Darüber habe ich mit den Spieler nicht geredet. Das hatte Nachwirkungen, als Dunga das Amt übernommen hat", behauptet Tite steif und fest. Das Thema wird aber irgendwann wieder hochkochen. Spätestens am 27. März 2018, wenn die beiden Gegner des historischen Halbfinales der WM 2014 sich in Berlin erneut duellieren.

"Bei meinem Amtsantritt war der Druck ein komplett anderer: Brasilien irgendwie zur WM zu bringen", erinnert der 56-Jährige, der am 20. Juni 2016 Dunga nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der Copa America ablöste. Da stand der Rekord-WM-Champion in der Qualifikation mit nur zwei Siegen aus sechs Spielen auf Rang sechs, drohte die Zuschauerrolle in Russland, galt der Neuanfang nach der Heim-WM als gescheitert.

Tite legte jedoch den Schalter um. Es folgte der Quali-Durchmarsch mit zehn Siegen und zwei Unentschieden. Weil er von seinen Spielern weniger Ergebnisse, dafür ständig Höchstleistung fordert. Der Erfolgscoach ist als Motivator und für das Zusammenschweißen einer Gruppe bekannt. Fähigkeiten, mit denen er schon den SC Corinthians 2012 zum Klub-Weltmeister formte.

Wäre heute WM, sähe Brasiliens erste Elf so aus: Alisson - Daniel Alves, Marquinhos, Miranda, Marcelo - Casemiro, Paulinho - Renato Augusto, Coutinho, Neymar - Gabriel Jesus. Doch auf seine Wunsch-Startformation konnte Tite wegen Verletzungen und Sperren erst im 17. Anlauf zurückgreifen, im November beim 0:0 in London gegen England.

Beim ersten Vergleich gegen einen Europäer seit März 2015 (!) verlor das wiederentdeckte "jogo bonito", die Schönspielerei, im flexiblen Abwehrsystem der Briten aber seine Effizienz. Bleibt mal wieder die Erkenntnis: Talent allein, wie das eines Neymars, reicht vielleicht in Südamerika, aber nicht im Konzert der ganz Großen.

Mit seinen 53 Toren in 83 Länderspiel ist Neymar unangefochtener Leistungsträger der Selecao, auch wenn der neue Superstar von Paris St. Germain 2017 mit drei Toren in acht Spielen nicht mehr Alleinunterhalter der Canarinhos war.

Augenscheinlich wurden vielmehr Mätzchen: Gerangel mit den Gegenspielern, für die er sich überflüssig Gelbe Karten einhandelte. Übertriebene Dribblings, die das Spiel nach vorne erlahmten. Für Tite eine der (wenigen) Baustellen bis zur WM.

Daneben heißt es, noch ein paar Reservistenplätze zu füllen. Auf einen hofft auch die einstige Bundesliga-Zaubermaus Diego. Unter Tite wirkte der Ex-Bremer und -Wolfsburger im Januar 48 Minuten in einem Benefizspiel gegen Kolumbien mit. Seitdem verfolgt den 32-Jährigen das Verletzungspech in der Selecao. Die letzte Chance käme vielleicht ausgerechnet gegen Deutschland.

Für Diego wäre Russland dann WM-Premiere. Brasilien ist dagegen als einzige Nationalmannschaft der Welt Stammgast bei allen WM-Endrunden, konnte bei den bisherigen 20 Turnieren fünfmal den Siegerpokal hochstemmen, letztmals nach dem 2:0 gegen Deutschland im WM-Finale 2002. Weil aber der allerletzte Eindruck zählt, wären wir aber wieder beim Thema 7:1.

(sid)
 
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