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WM-Starter Serbien im Porträt
Serbiens Fußball feiert bei WM Wiederauferstehung

WM 2018: Serbien im Porträt
Serbien nimmt erstmals seit 2006 an einem großen Turnier teil. FOTO: ap, FP
Belgrad. Serbien kehrt bei der WM-Endrunde 2018 in Russland nach acht Jahren auf die große Fußball-Bühne zurück. Verkrustete, teils sogar mafiöse Strukturen bereiten dem Fußball in dem Balkan-Staat allerdings weiterhin große Probleme.

Für Serbiens Fußball kommt die Teilnahme an der WM-Endrunde 2018 in Russland einer Wiederauferstehung gleich. Nach dem Vorrunden-Aus beim WM-Turnier vor acht Jahren in Südafrika trotz eines beachtlichen 1:0-Sieges gegen Deutschland war der Balkan-Staat bei allen folgenden Großereignissen (EM 2012, WM 2014 und EM 2016) immer nur Zaungast.

Die Zuschauerrolle bei den Elitetreffen kam nicht von ungefähr. Denn die politischen Probleme im ehemaligen Jugoslawien seit der Auflösung des Vielvölkergebildes Mitte der 1990er Jahre bis hin zur 2006 ausgerufenen Eigenständigkeit des einst größten Teilstaates haben Auswirkungen auch auf den Fußball und spiegeln die gesellschaftlichen Schwierigkeiten wider.

Bis heute ist der Fußball in Serbien denn auch immer auch ein Vehikel politischer Machtkämpfe - angeblich bis hinauf zu Staatspräsident Aleksandar Vucic. Aus dem Sozialismus bestehen gebliebene Strukturen mit häufig mafiösen Zügen in Verbands- und Vereinsspitzen sowie nicht selten rassistisch-nationalistischen Tendenzen in der Fan-Szene lähmen die Entwicklung. Der Sport ächzt unter rückläufigen Zuschauerzahlen, Ausschreitungen und immer wieder auch Manipulationen von Spielen.

Die massive Einflussnahme von außen trat erst zuletzt sogar nach der erfolgreichen Qualifikation für Russland wieder zu Tage: Nach dem Gruppensieg in der europäischen Ausscheidungsgruppe D vor Irland, Wales, Österreich, Georgien und Moldau warf Erfolgstrainer Slavoljub Muslin entgegen der offiziellen Darstellung die Brocken aus Verärgerung über Vorgaben "von oben" für die Zusammenstellung seines WM-Kaders selbst hin.

Wer in Russland auf Serbiens Bank sitzen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Nach Muslins Demission übernahm sein bisheriger Assistent Mladen Krstajic interimsweise für die letzten WM-Vorbereitungsländerspiele des Jahres (2:0 in China und 1:1 bei WM-Teilnehmer Südkorea) die Verantwortung. Doch ob der frühere Bundesliga-Profi von Werder Bremen und Schalke 04 auch dauerhaft die Chefrolle übernimmt, darf durchaus bezweifelt werden.

Möglicherweise bessere Chancen auf den Russland-Trip mit Serbiens WM-Tross als Krstajic dürfen sich mehrere Bundesliga-Legionäre ausrechnen. Die Mittelfeldspieler Filip Kostic (Hamburger SV) und Mijat Gaciniovic (Eintracht Frankfurt) sowie Verteidiger Matija Nastasic (Schalke) gehören in jedem Fall zum erweiterten Kreis der Kandidaten.

In Russland kann Serbien in der Tradition Jugoslawiens durchaus auf eine beachtliche Fußball-Vergangenheit zurückblicken. Schon bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay kam das damalige Königreich auf Anhieb bis ins Halbfinale, ebenso 1962 in Chile. Beim EM-Turnieren stand Jugoslawien 1960 und 1968 im Finale, und bei Olympischen Spielen gewannen die Staatsamateure 1960 in Rom nach zuvor dreimal Silber in Folge sogar die Goldmedaille, ehe 1980 erneut der Einzug ins Halbfinale und vier Jahre später nochmals der Sprung ins Endspiel gelangen.

Auf Vereinsebene liegt der letzte große Erfolg eines serbischen Klubs schon über ein Vierteljahrhundert zurück. 1991 gewann Roter Stern Belgrad die letzte Austragung des Champions-League-Vorläufers Europapokal der Landesmeister. Mit modernem Fußball düpierte das mit Stars wie Darko Pancev oder Sinisa Mihajlovic gespickte Balkan-Team die Konkurrenz des gesamten Kontinents.

Die entsprechend aufgekommenen Träume vom Triumph für Jugoslawiens "goldene Generation" bei der EM ein Jahr später in Schweden platzten jedoch jäh: Wegen des inzwischen ausgebrochenen Bürgerkrieges wurde Jugoslawien vom Turnier ausgeschlossen. Seither ist keine Mannschaft aus dem heutigen Serbien mehr qualitativ so hoch eingeschätzt worden.

(sid)
 
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