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Mammut-WM sorgt für Ärger
"Das ist ein Angriff auf den Fußball!"

Pressestimmen: "Bist du verrückt, Fifa?"
Pressestimmen: "Bist du verrückt, Fifa?" FOTO: dpa, fgj
Frankfurt/Main. Die "XXL-WM" sorgt für Riesenärger im Land des Fußball-Weltmeisters. "Idiotisch", "erschreckend" und "gefährlich" waren die Schlagworte der deutschen Reaktionen auf die Aufstockung der WM-Endrunde von 32 auf 48 Mannschaften.

Im Hauruckverfahren und gegen erklärten Widerstand aus Deutschland haben der Fifa-Präsident Gianni Infantino und seine Gefolgschaft in nur 90 Minuten die Fußball-WM revolutioniert - ab der Endrunde 2026 werden 48 statt 32 Nationen um den Titel spielen.

"Ich bin nicht glücklich mit dieser Entscheidung", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel über den Council-Beschluss des Weltverbandes Fifa, der ab der Endrunde 2026 greift.

Meinung: die Mammut-WM schadet Fußball

Der Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sprach von seiner "großen Sorge, dass sich der Fußball an sich verändert, dass die Attraktivität des Spiels" leidet: "Wenn die Fußball-WM insgesamt an Attraktivität verliert, leidet die Akzeptanz bei Fans und Sponsoren, und dann leidet zwangsläufig auch die Vermarktung."

Bundestrainer Joachim Löw machte keinen Hehl daraus, dass er "das bisherige WM-Format mit 32 Mannschaften immer noch gut" findet und deshalb "aus rein sportlicher Sicht einer Aufstockung gar nichts abgewinnen" kann: "Man sollte das Rad nicht überdrehen." Für Manager Oliver Bierhoff "fühlen sich 48 Teams beim größten und wichtigsten Turnier der Welt zu viel an."

Infantino schert sich nicht um Kritiker

Infantino scherte sich nach der historischen Entscheidung am Dienstag nicht um die Kritiker beim DFB. "Auch wenn wir eine WM mit nur zwei Mannschaften organisieren würden, wäre Deutschland immer noch eine davon", sagte er süffisant: "Aber für die vielen anderen Länder bietet sich jetzt eine neue Chance. Wir müssen die WM ins 21. Jahrhundert bringen", sagte der Schweizer Infantino, und er jubilierte: "Der Fußball ist global! Das Fußballfieber in einem qualifizierten Land ist die größte Werbung für den Fußball, die es geben kann."

Reaktionen: "Wer soll das denn alles angucken?"

Noch bleiben aber viele Fragen. Etwa danach, wie die 16 neuen Startplätze auf die sechs Konföderationen verteilt werden sollen, und danach ob es bei einem Unentschieden in der Gruppenphase ein Elfmeterschießen geben wird. "Es gibt da verschiedene Lösungsansätze", sagte Infantino, der beteuerte, das neue Format bedeute "keine große Veränderung des Modus".

Der Weltmeister soll wie bisher in 32 Tagen ermittelt werden, sieben Spiele führen zum Titel. Insgesamt bekommen die Fans aber nun 80 anstatt 64 Partien zu sehen - die Gefahr der Übersättigung und Verwässerung wächst.

In Deutschland gibt es massive Bedenken

Die Spieler- und Trainer-Ikonen Uwe Seeler, Berti Vogts, Michael Ballack und Horst Hrubesch stehen der Entscheidung dagegen ebenfalls skeptisch gegenüber. "Da habe ich überhaupt kein Verständnis für. Das finde ich ganz schlecht", sagte Seeler dem sid: "Das wird für den Fußball nicht gut sein."

Vogts zeigte sich im SID-Gespräch "sehr, sehr erschrocken": "Das ist furchtbar. Wenn man die WM zugrunde richten will, muss man diesen Weg weitergehen. Das ist nicht mehr meine WM. Was soll das bloß? Es ist ganz schlimm." Noch deutlicher wurde Ballack: "Eine verantwortungslose Entscheidung der Fifa! Das ist ein Angriff auf den Fußball!" Hrubesch monierte, dass "die Überlastung der Spieler" im "alten Modus schon sehr hoch" war.

So sieht es auch die von Karl-Heinz Rummenigge angeführte europäische Klub-Vereinigung ECA. "Wir sehen keinen Nutzen darin, das bestehende System mit 32 Teams zu verändern, das sich für alle Seiten als perfekt erwiesen hat", teilte die ECA mit. Sie hält die Entscheidung für übereilt und beklagt, "dass aus politischen, nicht aus sportlichen Gründen sowie unter erheblichem politischem Druck entschieden wurde".

Ebenso kritisch reagierten die Bundesliga-Verantwortlichen. "Ich bin generell gegen mehr Spiele. Der Terminkalender ist jetzt schon voll", sagte Trainer Carlo Ancelotti von Rekordmeister Bayern München.

Noch deutlicher wurden die Sportchefs Jörg Schmadtke (1. FC Köln) und Alexander Rosen (1899 Hoffenheim). "Das ist idiotisch. Wir haben ohnehin immer mehr Belastung, und dann wird die WM auch noch aufgeblasen, das finde ich nicht gut", sagte Schmadtke. Nach Ansicht seines Kollegen Rosen "hätte unbedingt am aktuellen Modus festgehalten" werden müssen: "Diese Entwicklung ist meiner Meinung nach gefährlich." Manager Christian Heidel von Schalke 04 wartet "nur darauf, dass die Idee kommt, wir können auch mit 64 spielen."

Mainz-Trainer Schmidt kann das Vorhaben nachvollziehen

Lediglich Trainer Martin Schmidt vom FSV Mainz 05 kann das Vorhaben seines Landsmanns und Freundes Gianni Infantino nachvollziehen. "Ich denke, dass der Fußball der ganzen Welt gehört und dass jeder die Chance haben muss, bei so einem Turnier dabei zu sein", kommentierte der Schweizer den Beschluss, der den Plänen des Fifa-Präsidenten entspricht.

Die Reaktionen der Medien in Europa sind geteilt. "The World is not enough" ("Die Welt ist nicht genug"), titelte das englische Massenblatt The Sun in Anlehnung an einen James-Bond-Film. Für die Konkurrenz von der Daily Mail ist es "ein Sieg der Mittelmäßigkeit über die Exzellenz".

Die spanische Marca sieht die "WM der Armen" gekommen. Für die französische L'Equipe ist es eine "politische Entscheidung", für die italienische Gazzetta dello Sport eine "kommerzielle". Auch das dänische Ekstra Bladet geht davon aus, dass es um "Geld, Geld, Geld" geht. Nur die Schweizer Boulevardzeitung Blick feiert ihren Landsmann: "Ein großer Sieg für Infantino."

(old/sid/dpa)
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