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Freshfields-Report
Neue Spur im WM-Skandal führt zu Beckenbauer

WM-Affäre: die Protagonisten
WM-Affäre: die Protagonisten FOTO: dpa, pe_ae hpl gfh nic
Frankfurt/Main. Der Freshfields-Abschlussbericht belastet Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach schwer. Viele Anzeichen weisen auf Bestechung oder Stimmenkauf hin - eindeutige Beweise gibt es aber nicht.

Die Spur führt zum Kaiser: Der Freshfields-Bericht hat den Bestechungsverdacht gegen Franz Beckenbauer und andere Macher der Fußball-WM 2006 in Deutschland massiv erhärtet. Millionen flossen von einem Beckenbauer-Konto auf dubiosem Wege nach Katar, Versprechungen an den zwielichtigen Fifa-Funktionär Jack Warner wurden ohne Genehmigung eingelöst, eine Mitarbeiterin von Wolfgang Niersbach ließ brisante Akten verschwinden - und dennoch gibt es weiter keinen Beweis für ein gekauftes Sommermärchen.

Die DFB-Führung fällte jedoch ein vernichtendes Urteil. "Es war völliges Versagen interner Kontrollmechanismen, sowohl im WM-OK als auch innerhalb der DFB-Spitze", sagte Interimspräsident Rainer Koch am Freitag in Frankfurt/Main bei der Vorstellung des Abschlussberichts der Wirtschaftskanzlei: "Dem Präsidium wurden über Monate Informationen vorenthalten. Das ist ein inakzeptabler Vorgang."

Der Geldfluss vor der WM 2006

Auf 361 Seiten listen die Ermittler akribisch die Verfehlungen des früheren Führungspersonals auf. Der nachvollzogene Weg der 6,7 Millionen Euro ist weiter höchst verdächtig - und Beckenbauer steht bei den dubiosen Geldtransfers im Fokus.

Von einem Oder-Konto auf die Namen Beckenbauer und Robert Schwan, dessen Ex-Manager, flossen im Sommer 2002 in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei. Von dort wurde das Geld nach Katar an eine Firma weitergeleitet, die offenkundig Mohamed Bin Hammam gehört - damals Mitglied der Fifa-Exekutive und -Finanzkommission. Schließlich überwies der frühere adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken auf das Schweizer Konto. Mit sechs Millionen wurde Beckenbauer "ausgelöst", vier Millionen gingen erneut nach Katar.

Bleibt die Frage: Wofür das Ganze, wenn nicht zum Zwecke der (nachträglich eingelösten) Bestechung? Laut Bericht gibt es für die Vorgänge keine "plausible Erklärung". Ob das Geld nur der Sicherung des Fifa-WM-Zuschusses diente, wie von Beckenbauer und seinen WM-Mitstreitern behauptet, oder ein "weiterer, dahinterliegender Zweck" verfolgt wurde - offen.

Immer noch steht auch eine mögliche Finanzierung des Wahlkampfes von Fifa-Boss Joseph S. Blatter 2002 im Raum. 2005 zahlte der DFB das Geld an Dreyfus zurück, laut Freshfields ganz bewusst verschleiert.

Die Schlüsselpassagen des Berichts

"Nach dem Ergebnis unserer Untersuchung steht fest, dass die Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005 vom WM-Organisationskomitee bewusst falsch deklariert worden ist. Sie war als Betrag für die Fifa-Eröffnungsgala ausgewiesen, aber für Dreyfus gedacht", teilten die Ermittler mit. Wer von den damals Beteiligten wann Kenntnis von dem Betrug gehabt habe, sei "strittig".

Zwanziger schließt Täuschung durch Beckenbauer nicht aus

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger schließt eine Täuschung durch Beckenbauer nicht aus. Nach seinem damaligen Kenntnisstand sei die Zahlung 2005 die Ablösung einer Fifa-Provision gewesen. "Wenn sich jetzt herausstellt, dass es keine Provision ist, hat Franz Beckenbauer uns getäuscht", sagte Zwanziger.

Beckenbauer, dessen Name im Bericht allein 564-mal erwähnt wird, gerät noch an einer weiteren Front schwerstens unter Druck. Der von ihm unterschriebene Vertragsentwurf, der dem skandalumwitterten Funktionär Warner vier Tage vor der WM-Vergabe im Juli 2000 erhebliche Vorteile zusagte, wurde zumindest teilweise in die Tat umgesetzt. Bisher sprach der DFB von einem "Bestechungsversuch" - durch die neuen Erkenntnisse spricht alles für vollzogene Bestechung. Immerhin trat der Entwurf laut Angaben der Ermittler "formal wohl nicht in Kraft".

Das Verschwinden wichtiger Akten hat die Freshfields-Ermittlungen zudem erheblich gestört, was wiederum den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Niersbach belastet. Eine seiner Mitarbeiterinnen hat demnach auf eigene Faust im Juni 2015 den Aktenorder "Fifa 2000" beim DFB entliehen - der Ordner ist verschwunden.

Niersbach sei zudem entgegen seiner Darstellung schon Anfang Juni 2015 über alle Vorgänge informiert gewesen, habe es aber abgelehnt, seine Präsidiumskollegen zu informieren. "Ich habe mich zum damaligen Zeitpunkt bemüht, die Hintergründe des Sachverhalts zu recherchieren und zufriedenstellende Antworten zu erhalten, bevor ich das Präsidium informiere. Dass mir dies nicht gelungen ist, bedauere ich zutiefst", schrieb Niersbach in einer persönlichen Erklärung.

Zum Thema Aktenlage teilte Freshfields mit: "Die beim DFB auffindbaren Unterlagen waren nicht vollständig." Darüber hinaus sei "nicht auszuschließen, dass frühere DFB-Mitarbeiter Akten nach ihrem Ausscheiden vernichtet haben. Manche Akten wurden oder werden privat verwahrt."

Koch sagte, dies sei nicht der Zeitpunkt, "über Konsequenzen zu sprechen". Rechtliche Schritte will der DFB in Ruhe prüfen. Die Aufarbeitung der Affäre sieht Koch als beispielhaft an: "Mir ist in der Welt des Sports keine vergleichbar transparente und selbstkritische Aufarbeitung in Bezug auf das eigene Haus bekannt." Der Bericht war zeitgleich zur Pressekonferenz im Internet veröffentlicht worden.

Auf den Weltmeisterverband kommen aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Konsequenzen zu. Die Untersuchung der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die wegen Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall ermittelt, ist noch nicht abgeschlossen. Im Zentrum stehen Niersbach, dessen Vorgänger Zwanziger und Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt.

(can/dpa)
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