Vorschau: Gruppe B: Schweiz - Frankreich: Zidane und Desailly prangern Taktikfehler an
zuletzt aktualisiert: 20.06.2004 - 17:11Coimbra (rpo). Die Stars Zinedine Zidane und Kapitän Marcel Desailly sind sich einig: Die Strategen haben vor dem entscheidenden Gruppenspiel bei der EM von Titelverteidiger Frankreich am Montag (20.45 Uhr/live in der ARD) in Coimbra gegen die Schweiz von Trainer Jacques Santini einen Systemwechsel gefordert.
Anderthalb Stunden lang diskutierten die beiden Führungsspieler mit dem Coach in dessen Hotelzimmer. Ihre unmissverständliche Mitteilung: Santini soll seine Taktik ändern und Zidane nicht wie bisher auf der linken Seite, sondern zentral hinter den Sturmspitzen zaubern lassen.
Für den Star von Real Madrid soll Robert Pires auf die linke Außenbahn rücken und das Flügelspiel der Franzosen beleben. "Wir müssen wieder die ganze Breite des Platzes nutzen", begründete Zidane seine Forderung. Unterstützung erhielt "Zizou", der mit Desailly "im Namen der Mannschaft" sprach, von den Angreifern des EM-Favoriten. "Wir bekommen nicht viele Torchancen, das ist frustrierend", klagte David Trezeguet, der beim 2:2 gegen Kroatien das bislang einzige Stürmertor der Franzosen in Portugal erzielte.
Henry beschwert sich über fehlende Anspiele
Auch Thierry Henry bemängelte die fehlenden Anspiele: "Wir kriegen keine Bälle." Bundesliga-Profi Bixente Lizarazu forderte ebenfalls Änderungen: "Wenn die anderen ein Mittel gegen unsere Offensive gefunden haben, müssen wir jetzt ein Gegenmittel finden", sagte der bisherige Linksverteidiger von Bayern München.
Santini, nach dessen Amtsantritt vor knapp zwei Jahren die "Grande Nation" nur eines von 26 Spielen verlor, ist damit erstmals unter Druck geraten. Der 52-Jährige, der bereits vor der Euro seinen Wechsel zum englischen Premier-League-Klub Tottenham Hotspur ankündigte, hat die Wahl: Entweder bleibt er stur bei seiner Taktik und bringt die Stars gegen sich auf, oder er wirft seine Überzeugungen über Bord und riskiert es, seine Autorität zu verlieren. "Jetzt muss Santini entscheiden", titelte die Sporttageszeitung L'Equipe.
Die Unzufriedenheit der Spieler war schon nach dem enttäuschenden Remis gegen die Kroaten nicht zu überhören. Lizarazu, der nur auf der Bank saß, war sauer: "Santini wollte etwas ändern, und ich war das Opfer." Gegen die Schweiz kann der Baske mit seiner Rückkehr in die Startelf rechnen, denn ohne ihn war die Abwehr die Schwachstelle des Titelverteidigers.
Santini überrascht nur die eigene Mannschaft
Die ständigen Umstellungen in der Abwehr, die seit sechs Partien nicht mehr in der gleichen Formation spielte, wird Santini auch in der Presse zum Vorwurf gemacht. Der Tenor: Der Coach überrasche damit nicht, wie vor der Euro angekündigt, die Gegner, sondern nur die eigene Mannschaft.
Bei all dem Wirbel um den Trainer könnte man meinen, Frankreich drohe am Montag das Aus. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der "Equipe tricolore" reicht gegen den krassen Außenseiter Schweiz ein Punkt zum Weiterkommen. Trezeguet merkte deshalb zu Recht an: "Es gibt viele, die uns um diese Ausgangsposition beneiden." Die Schweizer beispielsweise, die nicht nur gegen das französische Starensemble gewinnen müssen, sondern auch auf Schützenhilfe der Konkurrenz angewiesen sind, um noch in die Runde der letzten Acht zu kommen.
Eine Konstellation, an die selbst im Lager der Eidgenossen kaum jemand glaubt. "Frankreich hat die beste Mannschaft der Welt", betonte Trainer Köbi Kuhn: "Sie hat so viel Potenzial, dass sie, selbst wenn sie schlecht spielt, gewinnen kann." Beim eigenen Team müsse dagegen alles optimal laufen, damit es eine Chance zum Sieg habe, meinte der Schweizer Coach und forderte, allerdings nicht wirklich im Brustton der Überzeugung: "Wir brauchen mal wieder einen Sieg gegen eine große Fußball-Nation. Jetzt wäre eigentlich der Moment dafür." - Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen:
Schweiz: 1 Stiel - 8 Wicky (3 Berner), 20 Müller, 5 Murat Yakin (4 Henchoz), 17 Spycher - 18 Huggel (8 Wicky), 6 Vogel, 15 Gygax, 7 Cabanas - 10 Hakan Yakin - 9 Frei (22 Vonlanthen)
Frankreich: 16 Barthez - 5 Gallas, 8 Desailly (13 Silvestre), 15 Thuram, 3 Lizarazu - 6 Makelele, 4 Vieira, 7 Pires - 10 Zidane - 12 Henry, 20 Trezeguet
Schiedsrichter: Lubos Michel (Slowakei)
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