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Fortuna-Trainer im Interview: Meier: "Zufriedenheit ist gefährlich"

zuletzt aktualisiert: 18.11.2009 - 06:33

Düsseldorf (RP). Fortuna Düsseldorfs Trainer Norbert Meier über seine Arbeit beim Zweitliga-Aufsteiger, seinen früheren Coach Otto Rehhagel und die Kunst, vom Profifußball abzuschalten.

Nach zwölf Spieltagen der 2. Fußball-Bundesliga belegt Fortuna Düsseldorf den fünften Platz ­ als Aufsteiger. Wundert Sie das manchmal selbst?

Meier Nein, wundern tut mich das nicht. Wir haben uns das verdient und hart erarbeitet. Aber wir wissen um die Realität. Zum selben Zeitpunkt der Vorsaison hatte Ingolstadt 17 Punkte, nur drei weniger als wir jetzt, und ist abgestiegen.

Wie ein Absteiger hat Fortuna bislang aber wirklich nicht gespielt.

Meier Ich will hier ja auch nichts an die Wand malen. Wir sind zufrieden, aber Zufriedenheit ist ein gefährlicher Punkt. Es muss weitergehen. Wir haben gezeigt, dass wir in der Liga mithalten können, aber das musst du auch abrufen.

Sie haben nach dem Aufstieg etliche Spieler neu verpflichtet. Die meisten sind bislang Volltreffer. Perfekte Planung oder Glück?

Meier Wenn du nicht in der Lage bist, 96 Millionen für einen neuen Spieler hinzublättern, dann brauchst du sicher auch Glück. Wir haben nicht in jedem Einzelfall wissen können, dass es passt. Aber wir haben unser Möglichstes dazu getan.

Wie sah das aus?

Meier Zunächst einmal müssen wir schnell sein, sonst hast du als Verein mit geringeren finanziellen Möglichkeiten keine Chance. Dann haben unser Manager Wolf Werner und ich mit jedem Spieler, der für eine Verpflichtung in Frage kam, ein persönliches Gespräch geführt.

Was sind dabei für Sie die wichtigsten Kriterien?

Meier Neben dem Sportlichen halten wir Ausschau nach Leuten, die von morgens bis abends an Fortuna denken. Wenn ich in einem Spielergespräch den Satz höre: „Das Finanzielle ist mir nicht mehr so wichtig, ich will Spaß haben” ­ dann beende ich das Gespräch innerhalb von zwei Sekunden. Denn zum Spaß gehört auch ein gewisses Maß an Ehrgeiz.

In Torhüter Michael Ratajczak und Mittelfeldspieler Claus Costa sind zwei Spieler zu Stammkräften geworden, die zuvor kaum eine Rolle spielten. Wie ist das zu erklären?

Meier Beide haben ständig an sich gearbeitet und sich im Training gezeigt. Als dann ihre Chance kam, haben sie sie genutzt. Deshalb ist es ja so wichtig, dass ein Trainer jedem im Kader zeigt, dass er gebraucht wird. Dass er immer offen und ehrlich mit den Leuten umgeht.

Zu Ihrer aktiven Zeit haben Sie mit einigen prominenten Trainern zusammengearbeitet. Haben Sie sich von jedem etwas abgeschaut?

Meier Man nimmt immer etwas mit, pickt sich die guten Sachen raus. Otto Rehhagel zum Beispiel hatte ein unheimliches Gespür, neue Spieler zu finden. Und von seinem Umgang mit Menschen konnte man eine Menge lernen.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Meier Wir hatten bei Werder Bremen zwei norwegische Testspieler im Training, Vegard Skogheim und Rune Bratseth. Otto Rehhagel kam danach zu mir und frage: „Norbert, was meinen Sie ­- wen nehmen wir?” Ich habe für Skogheim plädiert, weil der viel schneller und wendiger war. Er aber nahm Bratseth, und der wurde eine der wichtigsten Säulen in Bremen.

Rehhagel hat Sie also geprägt?

Meier Wie gesagt, ich konnte von ihm lernen. Aber ein Trainer muss seinen eigenen Stil finden, sich ständig weiterentwickeln. Auch ich trainiere heute ganz anders als noch vor 15 Jahren. Die Zeit des Generalfeldmarschalls ist vorbei.

Zurück zu Fortuna: Wie wichtig war der Aufstieg zu diesem Zeitpunkt?

Meier Sehr wichtig. Unsere Fans haben jahrelang ihre große Treue bewiesen, aber so treu du auch bist, irgendwann willst du was sehen.

Haben Sie keine Befürchtungen, dass das Anspruchsdenken in Düsseldorf sehr schnell wachsen wird?

Meier Die 50.000 Zuschauer, die wir beim entscheidenden Spiel um den Aufstieg hatten, haben bewiesen, wie sehr Düsseldorf nach Bundesliga-Fußball gedürstet hat. Viele Fans haben den nötigen Durchblick, können unsere Möglichkeiten einschätzen. Aber irgendwann werden die Ansprüche wachsen, das war damals in Bremen nicht anders. Wir wollen die Euphorie auch nicht bremsen.

Zwei wichtige Spieler, der Brasilianer Anderson und Martin Harnik, sind nur ausgeliehen. Welche Möglichkeiten hat der Verein, sie zu binden?

Meier Wenn es nach mir ginge, würde ich Martin Harnik sofort kaufen. Bei Anderson verhält sich das transferpolitisch etwas anders. An ihm hält Bayer Leverkusen die Transferrechte, er wohnt weiter dort. Solche Win-Win-Geschäfte habe ich mit Bayer auch früher schon gemacht.

Heißt das, dass er am Saisonende auf jeden Fall zu Bayer zurückkehrt?

Meier Nein, das heißt es nicht zwingend. Leverkusen muss das abwägen, und meine Meinung ist: Wenn Anderson dort nicht direkt zum Spielen kommt, sollte er besser noch bei uns bleiben.

Fortuna hat noch nicht die finanziellen Möglichkeiten, teure Spieler zu kaufen. Wäre es da nicht wichtig, den eigenen Nachwuchs zu stärken?

Meier Auf jeden Fall, und wir sind da auch auf einem ordentlichen Weg. Aber Fortuna war zehn Jahre weg vom Fenster. Die Bundesligisten, die in dieser Zeit Internate aufgebaut haben, besitzen viel Vorsprung.

Wie lange wird es dauern, bis man in Düsseldorf aufgeholt hat?

Meier Man sagt, eine gute Kneipe braucht fünf Jahre, um richtig zu funktionieren. Wenn sie denn so weit kommt. So viel Zeit müssen wir auch unserem Nachwuchs geben.

Kommen wir zum Menschen Norbert Meier. Auf welche Weise schalten Sie ab vom Fußball?

Meier Das gelingt mir heute viel besser als noch vor ein paar Jahren. Heute weiß ich, das es Momente gibt, in denen man verliert, und ich kann damit umgehen. Nach einem Spiel gehe ich erst einmal in die Kabine, komme runter vom Geschehen, spreche mit Vertrauten, bevor ich mich vor ein Mikrofon stelle. In der Vergangenheit habe ich schon mal emotional drauflos geredet und stand hinterher da wie ein begossener Pudel.

Sie spielen auf das Ende Ihrer Trainerzeit beim MSV Duisburg an. Haben Sie sich verändert in der schweren Zeit der Entlassung und Ihrer Sperre?

Meier Auf jeden Fall. Das ist ein Einschnitt gewesen. Heute ist für mich ein Spiel, egal wie es endet, mit dem Schlusspfiff und den Shakehands beendet. Ich halte mich nicht mehr mit gegnerischen Spielern und Trainern oder den Schiedsrichtern auf.

Sehen Sie Fußball also gelassener?

Meier Fußball ist etwas Wunderbares. Aber als Trainer ist es wichtig, dass man sich von klarer Analyse und nicht von Emotionen leiten lässt. Klar, man brüllt mal herum, gestikuliert, beleidigt vielleicht auch mal jemanden ­ nur nicht gerade den vierten Schiedsrichter, so dass der es hört.

Und nach dem Abpfiff, zu Hause?

Meier Das hängt natürlich von der Partie ab. Solche Spiele wie zuletzt in St. Pauli, die sind einfach wunderbar. Wir haben verloren, unverdient verloren, aber es war ein Fest. Wenn Begegnungen so ablaufen, wird jeder ermutigt, wieder ins Stadion zu kommen. An solche Highlights denkt man gern zurück. Andere Spiele nimmst du auf ganz andere Weise mit ins Bett, da schläfst du erstmal nicht ein. Aber es geht immer weiter.

Wie wird es mit dem Fußball nach dem Tod Robert Enkes weitergehen? Sie waren in Gladbach sein Trainer.

Meier Richtig, deshalb ging mir Roberts Tod auch persönlich sehr nahe. Es wäre in seinem Sinne, dass wir jetzt langsam zur Normalität zurückkehren. Allerdings nicht ohne die Lehre daraus zu ziehen, dass ein Trainer seine Spieler aufmerksam beobachten muss. Fragen wie „Junge, was ist los mit dir? Kann ich helfen?“ müssen im Umgang mit den Spielern weiterhin gestellt werden.

Wenn es Ihnen trotz allem gelingt, mal ganz vom Fußball abzuschalten - wie sieht das ganz konkret aus?

Meier Viermal die Woche gehe ich laufen, das ist ideal zum Stressabbau, und ich habe dabei die besten Ideen. Und ich lese heute gern Bücher mit 600 Seiten, das konnte ich früher nicht.

Was lesen Sie?

Meier Zurzeit „Das verlorene Symbol” von Dan Brown. Ansonsten gerne actionreiche Romane, Krimis, ich greife aber auch zu Sachbüchern und Geo-Heften, dann zu einem Taktikbuch, querbeet eben. Wie auch bei Musik. Ich bin nicht festgelegt, ich will alles wissen.

Georg Amend, Bernd Jolitz, Robert Peters und Gernot Speck führten das Gespräch.

Quelle: RP

 
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