Bochums Trainer Funkel im Interview: Mit Geduld zum Aufstieg
VON FRIEDHELM KÖRNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 17.02.2011 - 07:38Düsseldorf (RP). Am Freitag (18 Uhr/Live-Ticker) ist Fortuna Düsseldorf in der 2. Bundesliga beim VfL Bochum zu Gast – zu einem traditionsreichen Westderby. Bochums Trainer Friedhelm Funkel sieht Hertha BSC Berlin als sicheren Aufsteiger.
Für den zweiten Platz und für Rang drei, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen gegen den Drittletzten der Bundesliga berechtigt, kommen nach Einschätzung des 57-Jährigen nur noch vier Teams infrage: der FC Augsburg, der MSV Duisburg, die SpVgg Greuther Fürth und sein Team. Eine sehr kleine Chance habe auch Fortuna, glaubt er, "aber dann müsste sie schon fast alle Spiele gewinnen".
Herr Funkel, Sie sind in Neuss geboren und wohnen in Düsseldorf-Oberkassel. Was bedeuten Ihnen die beiden Städte?
Funkel Hier ist meine Heimat, mein Zuhause, hier bin ich aufgewachsen und als junger Mann über die Südbrücke in die Altstadt gefahren. Als ich die Arbeit beim VfL Bochum begann, war für mich klar, dass ich in diese Region ziehen wollte. Da hat sich Oberkassel angeboten. Von hier bin ich schnell in Neuss, wo mein Bruder und meine Mutter wohnen, und einmal in der Woche bin ich mit meinen Freunden in Düsseldorf oder Neuss zusammen.
Aber Karneval feiern Sie in Köln?
Funkel Das hat noch mit meinen beiden Jahren beim 1. FC Köln zu tun. Da hatte ich Einladungen zum Kölner Karneval bekommen, die "Bläck Fööss", die "Höhner", "De Räuber" und die "Paveier" kennengelernt und mich mit ihnen angefreundet.
Gehen Sie auch in diesem Jahr wieder zum Karneval?
Funkel Ich war schon auf drei Sitzungen, und die eine oder andere wird noch folgen.
Ein Jahr ohne Friedhelm Funkel beim Neusser Schützenfest kann man sich gewiss auch nicht vorstellen.
Funkel Das gab es auch noch nicht, egal, wo ich war. Das Einzige, was mich schon mal davon abhielt, aktiv mitzumachen und mitzumarschieren, war eine nicht so gute sportliche Situation bei einem Klub.
Was macht für Sie die Attraktivität Düsseldorfs aus?
Funkel Der Standort, der Flughafen und die internationalen Messen, die viele Touristen anziehen. Düsseldorf ist eine offene Stadt. Früher war ich fast jedes Jahr beim Tennisturnier im Rochusclub, die Galopprennbahn ist mit die schönste in Deutschland. Und da ist die Nähe zum Rhein, die Kö. Ich bin einer, der gern shoppen geht. All das macht Düsseldorf für mich lebenswert, hier fühle ich mich sauwohl.
Sie haben für keinen Klub im Ausland gespielt oder als Trainer gearbeitet. War das nie ein Thema?
Funkel Nie. Ich hatte Angebote aus der Türkei und aus China, wo ich sehr viel Geld bekommen hätte, aus Salzburg und Bulgarien. Aber dann wäre ich hier vielleicht aus dem Blickfeld gewesen und vergessen worden. Ich bin heimatverbunden, ich fühle mich in Deutschland unglaublich wohl. Zudem beherrsche ich nicht so gut Fremdsprachen. Gerade als Trainer ist es für mich nicht denkbar, irgendwo zu arbeiten, wo ich nicht eins zu eins ausdrücken kann, was ich will.
Sie kennen aus eigener Erfahrung das Gefühl, wenn man als Trainer beurlaubt wird wie jetzt Michael Frontzeck bei Borussia Mönchengladbach. Wie empfindet man einen solchen Tag?
Funkel Man lässt dann noch einmal alles Revue passieren, versucht, ein, zwei Tage lang völlig abzuschalten. Man schaltet das Handy aus und will nicht über die Situation sprechen. Wenn später dann Kollegen anrufen, tut das gut. Ich werde das in der nächsten Woche mit Sicherheit auch bei Michael machen. In dieser Woche wäre es einfach noch zu früh.
Was zeichnet einen Aufstiegstrainer aus wie Sie, der Sie fünfmal auf Anhieb mit einer Mannschaft den Sprung in die Bundesliga schafften?
Funkel Man muss auf jeden Fall geduldig und beharrlich sein. In Bochum fällt die Entscheidung möglicherweise erst am letzten Spieltag.
Wie empfanden Sie die Kritik, wenn man Ihnen nachsagte, dass das Spiel Ihrer Mannschaft zu defensiv oder unattraktiv gewesen sei?
Funkel In der Regel konnte ich die Kritik eigentlich nicht nachvollziehen. Man muss ja versuchen, aus einer Mannschaft das Optimale herauszuholen. Wenn man einmal in dieser Schublade steckt, ist es schwer, da wieder herauszukommen. Mannschaften, mit denen ich aufgestiegen bin, haben immer mit die meisten Tore erzielt. Und in der Bundesliga geht es anschließend in erster Linie darum, die Klasse zu erhalten. Das geht nicht, wenn man auf Teufel komm raus nach vorn spielt.
Ist die Erfahrung im Umgang mit Spielern, Vorstand und Medien inzwischen Ihr größtes Kapital?
Funkel Ja, ohne Wenn und Aber. In vielen Situationen, das habe ich in Berlin und Bochum gemerkt, habe ich in Ruhe meine Entscheidungen getroffen, selbstbewusst, nicht hektisch. Erfahrung ist mit das größte Gut, das ich im Beruf habe.
Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal einen eigenen Fußball hatten?
Funkel Das war mit sieben oder acht Jahren. Meine Schwester, mein Bruder und ich kommen aus einer bescheidenen Familie. Mit meinem Bruder bekam ich einen Lederball, er war damals das einzige Weihnachtsgeschenk. Sobald es dann morgens hell wurde, sind wir hinausgegangen und haben auf einer Wiese vor dem Haus an der Neusser Alemannenstraße Fußball gespielt, zwischen zwei Teppichstangen.
Wer war Ihr großes Vorbild?
Funkel Uwe Seeler. Ich habe seinen unglaublichen Ehrgeiz bewundert, seine Besessenheit, seinen Einsatz, seine Bescheidenheit und seine Vereinstreue – er ist ja immer beim Hamburger SV geblieben. Wenn wir uns jetzt mal treffen, bekomme ich immer noch eine Gänsehaut. Ich hätte als Junge nie gedacht, dass ich mich einmal mit ihm duzen würde.
Heute ist im Fußball alles professionell durchorganisiert. Das war früher sicher völlig anders.
Funkel Ganz anders. Vor den ersten Bundesligaspielen mit Uerdingen, die um halb vier begannen, haben wir uns erst um zwei in der Kabine getroffen. Es gab damals noch kein Trainingslager. Und um zwölf habe ich noch bei meinen Eltern richtig zu Mittag gegessen, Roulade, Rotkohl und Kartoffeln. Das war völlig ungesund, aber das wusste man damals noch nicht. Und in den ersten Jahren durften wir als Spieler nichts trinken. Heute weiß man ja: Du musst trinken, dafür unterbrechen wir das Training. Man hat damals auch noch nicht so eng mit Medizinern zusammengearbeitet, weil der Trainer das gescheut hat und meinte, darunter hätte die Autorität eines Trainers gelitten. Heute haben wir viele Spezialisten, und das ist das Beste, was uns passieren kann.
Sie wirken sehr ruhig, doch an der Seitenlinie sind Sie sehr leidenschaftlich. Ist es überspitzt zu sagen: Das sind zwei verschiedene Menschen?
Funkel Das ist nicht überspitzt. Meine Kinder haben sich früher richtig erschrocken, wenn sie mich im Fernsehen sahen, impulsiv, aggressiv, schreiend und gestikulierend. Da bin ich mittlerweile schon ruhiger geworden. Aber das Feuer darf nicht verloren gehen, dann würde ich aufhören.
Sind Sie abergläubisch?
Funkel Nur im Fußball. Das ist Quatsch und kindisch, und ich weiß nicht, warum ich so bin. Da trage ich, solange wir nicht verlieren, immer dasselbe T-Shirt unter der Jacke, ungewaschen. Inzwischen hält die Serie ja seit neun Spielen. Dann sagen meine Trainerkollegen, dass ich erst drei Minuten vor dem Anpfiff auf den Platz kommen soll, sonst könnten sie mich nicht ertragen. Und ich nehme Parfüm, damit das halbwegs erträglich ist.
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