2. Bundesliga 17/18 2. Bundesliga
| 10.54 Uhr

Aus dem Leben eines MSV-Fans
Zebrastreifen weiß und blau

Zebrastreifen weiß und blau: Aus dem Leben eines Fans des MSV Duisburg
Fans des Zweitligisten MSV Duisburg. FOTO: dpa, Kevin Kurek
Duisburg. Als Fan des MSV Duisburg muss man leidensfähig sein. Häufig schrammte der Verein am ganz großen Erfolg vorbei. Unser Autor erinnert sich. Von Christian Schwerdtfeger

Ich sehe viele weißblau gekleidete Männer vor mir. Sie versperren mir die Sicht aufs Spielfeld. Es ist dunkel, die Flutlichtmasten sind an. Mein Vater nimmt mich auf den Arm, damit ich etwas sehen kann. Aber er kann mich nicht die ganze Zeit hochhalten. Dafür bin ich mit meinen acht Jahren schon zu schwer. Es wird gesungen, gegrölt und gepfiffen. Die Männer in Weiß-Blau vor mir skandieren "Koitka, du A ... loch." Das sei der Torwart des Hamburger SV, erklärt mir mein Vater. Der habe sich irgendetwas zu Schulden kommen lassen. Was genau, weiß auch mein Vater nicht. Aber ich stimme damals mit in den Schmähgesang ein und rufe stolz und laut: "Koitka ...."

Es ist die erste Erinnerung, die ich an den MSV Duisburg habe. Mein erster Besuch im altehrwürdigen Wedaustadion 1988. Und das gleich bei einem DFB-Pokalspiel gegen den damals noch großen HSV, während die große Zeit des MSV schon lange zurückliegt. Die Zebras spielten damals in der Oberliga Nordrhein gegen Mannschaften wie den 1. FC Viersen, den Rheydter SV und den SV Wermelskirchen. Man war also krasser Außenseiter gegen Hamburg. Dennoch wurde es ein Spiel auf Augenhöhe. 3:3 nach 90 Minuten. Verlängerung, die dann 3:5 verloren ging. Toll gekämpft. Noch besser gespielt. Und fast die große Sensation geschafft. Aber eben nur fast. Knapp vorbei ist auch vorbei, wie man im Fußball zu sagen pflegt. Eine abgedroschene Phrase, die aber nicht maßgeschneiderter sein kann für den Meidericher Spielverein, der in seiner langen Vereinsgeschichte immer mal wieder denkbar knapp am ganz großen Erfolg vorbeigeschrammt ist.

Das wusste ich an dem Pokalabend natürlich noch nicht. Es wäre mir auch egal gewesen. So wie es mir heute ist - naja fast. Für mich waren und sind die Spieler Helden, die sich damals im Flutlicht vor den Fans der Nordkurve trotz der Niederlage feiern ließen. Von nun an war ich Fan des MSV. Es waren die Zeiten von Patrick Notthoff, Ewald Lienen, Heribert Macherey und Toni Puszamszies. Und es war die große Zeit des Tornados, von Michael Tönnies. Auf der Spielerbrust prangte das rote Logo der Duisburger Stadtsparkasse. Das für mich bis heute schönste Trikot der Vereinsgeschichte. Die Werbedurchsagen des legendären Stadionsprechers Günter Stork hatten hohen Unterhaltungswert. Slogan wie "Jetzt aber flott zu Teppichboden Knott" und "Wohin? Wohin? Nach Sinn" kann ich noch heute im Schlaf aufsagen. Auch weiß ich noch, dass "Sport Kowolik" an der Hombergerstraße in Moers liegt. Jahrelang sagte Stork bei jedem Heimspiel mit seiner markanten Stimme die immer selben Werbetexte auf. Auf der Haupttribüne roch es meist nach Brat- und Currywurst, worüber mein Vater sich noch mehr aufregte als über die Aufstellungen und den Schiedsrichter. Für mich hingegen war das ein Genuss.

Der war es dann auch, als der MSV Anfang der 90er Jahre endlich zurück in der ersten Liga war. Mein Vater hatte stets mehrere Vip-Karten, so dass ich auch immer noch Freunde mit zu den Heimspielen nehmen durfte. Im Vip-Raum des Wedaustadions, der sehr klein und eng war, traf man immer den ein oder anderen Fußballstar - und kam mit ihnen ins Gespräch, auch als Kind und Jugendlicher. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Franz Beckenbauer, der mir über den Kopf streichelte, als ich gemeinsam mit ihm vor der Toilette anstand. "Die Klos sehen hier ja aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg", sagte er zu mir. Und ich nickte und erwiderte: "Wir sind hier auch nicht in München."

Die 1990er gehörten trotz mehrerer Abstiege zu den erfolgreichsten der Zebras. Es waren die Jahre, die mich als Fan besonders prägten. Sieben Jahre spielte man in der Bundesliga. Spielzeiten, in denen man häufig am ganz großen Erfolg kratzte. So reiste man etwa am 22. Spieltag der Saison 93/94 als Tabellenführer mit einem negativen Torverhältnis voller Zuversicht zu den Bayern nach München - und holte sich eine böse Klatsche ab. Schon zur Halbzeit stand es 0:4. Davon erholte sich die Mannschaft nicht mehr - und man flog sogar noch aus den Europapokalrängen. Aber damals waren viele Fans, insbesondere auf der Haupttribüne, wo auch ich saß, nicht mehr mit Mittelmaß zufrieden. Immer häufiger waren Pfiffe zu hören - selbst wenn die Mannschaft führte. Eine 1:0-Führung war für manche zu der Zeit eben nicht genug. Fanliebling Peter Közle zerstörte man sogar seine Kneipe, weil er gegen die Bayern mal einen Elfmeter verschoss.

Unvergessen bleibt für mich das DFB-Pokal-Endspiel 1998. Der MSV führte 1:0 gegen die Bayern - und alles sah bis Mitte der zweiten Halbzeit nach Pokalsieg aus. Auch wenn man es heute kaum glauben mag: Duisburg war die bessere Mannschaft und hatte das Spiel im Griff. Dann aber foulte ausgerechnet der ehemalige MSV-Spieler Michael Tarnat Baschirou Salou, als dieser allein aufs Tor zulief. Salou musste verletzt vom Platz, Tarnat bekam nur die gelbe Karte. Kurz darauf fiel der Ausgleich, in der Schlussminute der Siegtreffer für die Bayern. Und alles war wie immer. Man war dicht dran.

So wie aktuell auch an den Aufstiegsrängen zur Bundesliga. Völlig überraschend steht der MSV in der Zweiten Liga auf Platz vier. Dennoch wollen die meisten Fans noch nicht von Aufstieg reden. Nach dem Zwangsabstieg in die dritte Liga vor fünf Jahren und der Beinahe-Insolvenz des Vereins herrscht im Fanlager eine neue, sehr angenehme Bescheidenheit. Die Bundesliga käme noch zu früh, meinen nicht wenige. Ich gehöre nicht dazu. Ich sehne mich nach Erstligafußball in Duisburg. Was Mainz und Augsburg können, das kann der MSV auch. Aber vermutlich wird es am Ende der Saison heißen wie immer. Man war dicht dran.

Quelle: RP
 
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