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Neue Perspektive in Deuscthland
Geflüchtete Profi-Sportler als Nachwuchs-Trainer gefragt

Syrischer Flüchtling trainiert Kinder in Essen
Syrischer Flüchtling trainiert Kinder in Essen FOTO: dpa, bt
Essen. Unter den Flüchtlingen, die in die Bundesrepublik kommen, sind auch Vollzeit-Sportler. Sie finden hier neue Trainingsstätten und Perspektiven - nicht nur im Sport.

Zum ersten Mal geht bei den Olympischen Spielen ein reines Flüchtlingsteam an den Start. In das Wettkampfbecken von Rio de Janeiro springt auch eine junge Frau aus Berlin, die aus Syrien flüchtete. "Yusra Mardini? Natürlich kenne ich sie!" Als ihr Name fällt, muss Rami Knaan lachen. "Sie ist eine Freundin von mir, wir waren in Jordanien bei den arabischen Meisterschaften und haben zusammen trainiert", erzählt der 25-Jährige und wischt sich Wassertropfen aus dem Gesicht.

Soeben hat Knaan im Becken des Schwimmzentrums Rüttenscheid in Essen noch Nichtschwimmer unterrichtet. Auch er ist aus Syrien geflüchtet, auch er war im syrischen Nationalteam. Nach der Flucht aus seiner vom Krieg zerstörten Heimat schwimmt er nun bei der SG Essen.

In Deutschland sei Knaan sportliches Mittelmaß, erklärt sein Trainer Jürgen Voigt. "Manche unserer 14-jährigen Schwimmer sind schneller als er." Großes Potenzial sieht Voigt in Knaan trotzdem. "Die Flüchtlinge verschwinden ja nicht von heute auf morgen." In Knaan könne der Verein auf einen wettkampferfahrenen Lehrer mit arabischen Sprachkenntnissen setzen.

Voigt blickt zu Knaan hinüber, der Trockenübungen mit den Nichtschwimmern macht. "Beine strecken! Arme hoch!", ruft der Syrer ihnen zu. "Wir wären froh, wenn er bei uns bleibt", sagt Voigt.

Asienmeister spielt Basketball in Wuppertal

Solche Gedanken gehen auch Thomas Braun durch den Kopf, wenn er Tarek Ali Moussa beim Werfen beobachtet. Der 2,08 Meter große Syrer kam im vergangenen Jahr nach Deutschland, inzwischen trainiert er bei den SW Baskets Wuppertal.

"Ich hatte Tarek auf einem Foto gesehen, das einer unserer Spieler bei einem Turnier in Bonn gemacht hatte - und habe sofort gesagt, dass der Große vorbeikommen soll", berichtet Trainer Braun. Dass Moussa in Syrien Nationalspieler war, hat er da noch nicht geahnt.
Basketballer Moussa hat mit seinem Team in der Heimat drei nationale Titel gewonnen und darf sich zudem Asienmeister nennen.

"Es macht mir Spaß, zu trainieren und gleichzeitig Deutsch zu lernen", trägt Moussa in noch schwachem Deutsch vor. Inzwischen setzt ihn Braun als Trainer für den Nachwuchs ein. Schon in Syrien hat Moussa als Jugendcoach gearbeitet.

Auch bei Moussa sei der Leistungsunterschied zu hiesigen Spielern bemerkbar, sagt Braun. "Aber wir sind ein kleiner Verein, uns geht es darum, gute Trainer zu haben." Moussa habe sich - trotz allem, was er und seine Familie erlebt haben - eine positive Ausstrahlung bewahrt.

"Die Menschen, die nach der Flucht in Deutschland ankommen, haben zuerst andere Probleme, als sich gleich eine Sportstätte zu suchen", meint Frank-Michael Rall. Der Sprecher des Landessportbundes NRW sieht im Sport aber einen Anker für Zugezogene.

Er hält es für schwierig, geflüchtete Spitzensportler in Deutschland gezielt zu fördern. "Die Sportfunktionäre wissen ja noch nicht einmal, wer im Land ist." Es sei nachvollziehbar, dass Geflüchtete in ihrer Heimat zur Sportelite zählen, in Deutschland aber zurückfallen.
"Von Land zu Land unterscheiden sich Sportfördersysteme", betont Rall.

Das können Moussa und Knaan nur bestätigen. Eine Sport- und Sportvereinskultur wie in Deutschland gibt es in Syrien nicht. Ein Großteil der Bevölkerung habe nur sehr begrenzte Trainingsmöglichkeiten. Und wer es tatsächlich in den Profibereich schaffe, werde von staatlicher Seite oft für Propagandazwecke vereinnahmt, erklärt Moussa.

Flüchtlinge können es aber auch in Deutschland in den Spitzensport schaffen. Das zeigen Beispiele aus dem Fußball. Im Juni etwa nahm der Hamburger SV den 18-jährigen Bakery Jatta aus Gambia unter Vertrag. Auch Ousman Manneh flüchtete aus Gambia und kickt nun für die U23 bei Werder Bremen.

Schwimmer Knaan und Basketballer Moussa hoffen beide, mit Hilfe des Sports in Deutschland Fuß zu fassen. In Syrien sei alles zerstört, es sei unwahrscheinlich, dass der Krieg bald ende, sagt Moussa. In Deutschland sei vieles besser. Der Erziehungsstil und das Bildungssystem seien weniger restriktiv. Er wünsche sich, dass seine Kinder davon profitieren könnten.

Auch Knaan setzt auf die Bildungschancen in Deutschland. Nach Abschluss eines Deutsch-Kurses möchte er den deutschen Master zu seinem syrischen Bachelor in Sportwissenschaften machen.

(lnw)
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