Skandal-Tour de France 1998: Gerichtliches Nachspiel beginnt
zuletzt aktualisiert: 23.10.2000 - 16:45Lille (sid). 27 Monate nach dem größten Dopingskandal der Tour-Geschichte 1998 hat am Montag im nordfranzösischen Lille der Prozess in der "Festina-Affäre" begonnen. Vor einem Großaufgebot von Kameras nahm als erster der zehn Beschuldigten (davon sechs von Festina) der damalige Festina-Kapitän Richard Virenque auf der Anklagebank Platz. Der 30-Jährige verweigerte vor Sitzungsbeginn jeden Kommentar.
Während des Verhörs gab Virenque zu Protokoll, er habe nicht gewusst, was Mannschaftsarzt Eric Rijckaert ihm seinerzeit indiziert habe. Er habe zwar Spritzen von Rijckaert bekommen, "aber ich bin davon ausgegangen, dass es Vitamine und Stärkungsmittel gewesen sind". Rijckaert selbst konnte wegen einer Krebserkrankung nicht erscheinen, wurde aber wegen der Verabreichung von Dopingmitteln bereits im Vorfeld zu einer Geldstrafe von knapp 30.000 Mark verurteilt. Sein Fall wurde abgetrennt und wird separat behandelt.
Virenque, fünfmal Gewinner des Bergtrikots, war 1997 Tour-Zweiter hinter Jan Ullrich geworden. Er wurde wie die gesamte Festina-Mannschaft zur Tour-Halbzeit 1998 aus dem Rennen genommen. Zuvor hatten Rijckaert, Betreuer Willy Voet sowie Sportdirektor Bruno Roussel "langjähriges systematisches Doping" im Team gestanden. Die drei Ex-Funktionäre ebenfalls angeklagt.
Virenque hat bisher jedes Doping geleugnet, während sieben andere Fahrer für zumeist sechs Monate gesperrt wurden, als bekannteste die Ex-Weltmeister Alex Zülle (Schweiz) und Laurent Brochard (Frankreich). Gegen Virenque konnte der französische Verband nicht vorgehen, weil die Protokolle der Verhöre vor Prozessbeginn nicht zugängig waren. Er ist nicht wegen Dopings angeklagt, sondern wegen "aktiver Teilnahme", also auch der Verbreitung von Dopingmitteln.
Begonnen hatte der Dopingskandal mit der Verhaftung des Belgiers Voet vor Beginn der Tour 1998. Der Festina-Masseur war an der Grenze zwischen Belgien und Frankreich mit 400 Ampullen unerlaubter Substanzen im Kofferraum seines Wagens gestoppt worden.
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