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Riesen-Überraschung: Glückskind Hilde Gerg: Tränen nach dem Bronze-Coup

zuletzt aktualisiert: 29.01.2001 - 19:15

St. Anton (sid). Sie blickte zurück zur Anzeigetafel, schlug die Hände vor's Gesicht und schüttelte immer wieder den Kopf. "Ich glaube es erst, wenn die Medaille um meinen Hals hängt", stammelte Hilde Gerg nach ihrem völlig überraschenden Bronze-Stück im Super-G der alpinen Ski-WM in St. Anton/Österreich und wischte sich die Freudentränen aus den Augen: "Dass es zu einer Medaille reicht, hätte ich mir nie erträumt."

Dann fiel sie Katja Seizinger, Super-G-Weltmeisterin 1993 und heute ARD-Reporterin, um den Hals und fasste das unglaubliche Comeback ein Jahr nach ihrer schweren Verletzung zusammen: "Es war schwer, zurückzukommen, jetzt ist alles nur noch schön. Das Warten im Ziel war schlimmer als das Runterfahren."

Einen Platz unter den ersten Fünf hatte sich Hilde Gerg nach den kleinen Weltcup-Erfolgen in Haus (10.) und Cortina (11.) zugetraut, mehr auf keinen Fall. Doch als die Österreicherinnen auf der weichen Piste patzten und Renate Götschl sogar stürzte, nutzte sie entschlossen die Gunst der Stunde.

"Ich habe am Start gehört, dass Renate raus ist. Da habe ich mir gedacht: Jetzt hast du eine Chance", verriet die 25-jährige Lenggrieserin später: "Entscheidend war, dass ich mich in den steilen Passagen überwunden habe. Ich habe alles riskiert, Gott sei Dank hat's geklappt." Zwei Jahre nach der WM-Pleite in Vail bescherte sie dem DSV gleich im ersten Rennen die erste Medaille.

Keine Spur von Enttäuschung darüber, dass ihr in 1:23,52 Minuten nur acht Hundertstelsekunden zur Goldmedaille fehlten. Die gewann die französische Topfavoritin Regine Cavagnoud (1:23,44), nach drei Weltcup-Erfolgen in Serie die verdiente Siegerin eines spannenden Rennens. Silber ging an Italiens Abfahrts-Königin Isolde Kostner (1:23,49). Petra Haltmayr (Rettenberg) als Elfte und Sybille Brauner (Aising-Pang) als 17. rundeten den deutschen Erfolgstag ab.

Schon 1997 in Sestriere hatte Hilde Gerg WM-Bronze im Super-G gewonnen, 1998 in Nagano krönte sie sich sogar zur Olympiasiegerin im Slalom. Diesmal war alles ganz anders, vor allem kam es völlig unerwartet: "In Nagano habe ich mit einer Medaille gerechnet, diesmal nicht im Traum daran gedacht. Deshalb setze ich diese Medaille mit dem Olympiasieg auf eine Stufe."

Exakt vor einem Jahr hatte Hilde Gerg bei einem schweren Trainingssturz in Maria Alm einen komplizierten Bruch des linken Schien- und Wadenbeins erlitten, auch das Muskelgewebe wurde dabei verletzt. Schon Mitte November kehrte sie in Nordamerika in den Weltcup zurück, nach einem frustrierenden 44. Platz in Val d'Isere aber hatte sie genug.

"Es war zu früh. Damals habe ich schon daran gedacht, alles hinzuschmeißen", verriet sie sechs Wochen später in Haus im Ennstal, wo sie nach ihrer Trainingspause mit den Plätzen zehn und elf in Super-G und Abfahrt erneut zurückkehrte: "Da wusste ich, das ich wieder dahin kommen kann, wo ich schon mal war."

Nach der medaillenlosen WM in Vail 1999 erfüllte der krisengeplagte Deutsche Skiverband gleich im ersten Rennen von St. Anton das Soll. "Diese Bronzemedaille ist unheimlich wichtig für die ganze Mannschaft", meinte Cheftrainer Wolfgang Maier im Zielraum: "Noch eine WM ohne Medaille wäre auch für mich als Trainer das Ende gewesen. Das hätte ich mir nicht mehr angetan."

Schwer beeindruckt zeigte sich Katja Seizinger, dreimalige Olympiasiegerin, im Mai 1999 zurückgetreten und mittlerweile verheiratete Frau Weber: "Es ist auch für mich unglaublich. Dass Hilde sich nach dieser schweren Verletzung so zusammenreißen konnte - einfach traumhaft. Sie hat ihre Chance beim Schopf gepackt, besser geht's nicht."

Das Gegenteil galt für das stärkste Skiteam der Welt. Alle drei Medaillen hatte die Österreicherinnen 1999 im Super-G gewonnen, diesmal erwischten sie ausgerechnet im eigenen Land einen schwarzen Tag. Titelverteidigerin Alexandra Meissnitzer belegte als Beste den achten Platz, Weltcup-Spitzenreiterin Renate Götschl stürzte nach Zwischenbestzeit in der Feuersteinkehre, blieb aber unverletzt. "Ich mag gar nichts mehr sagen, ich bin völlig frustriert", gestand die Abfahrtsweltmeisterin von 1999: "Jetzt muss ich es halt in der Abfahrt gut machen."

Quelle: RPO Archiv

 
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