Trotz Freispruchs der IOC-Ethikkommission: Gosper ohne Chance auf Samaranch-Nachfolge
zuletzt aktualisiert: 16.05.2000 - 13:36Sydney (dpa). Der Australier Kevan Gosper hat trotz eines Freispruchs durch die Ethikkommission des Internationalen Komitees (IOC) keine Chance mehr auf die Nachfolge von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch. Das ist die einhellige Meinung von Kommentatoren und Prominenten in seinem Heimatland. "Das Schlimmste ist, dass wir die Chance verloren haben, einen Australier als Kopf des IOC zu sehen", schrieb Robert de Castella in der Hauptstadt-Zeitung "Canberra Times".
Castella, der erste Marathon-Weltmeister, war jahrelang Chef des Australischen Sportinstitutes in Canberra (AIS) und gilt als eine der einflussreichsten Stimmen im australischen Sport. "Seine Fehler", so schrieb er über Gosper, "könnten bei einem weniger wichtigen Offiziellen vergeben werden, aber nicht bei jemanden, der sich um die wichtigste Position im Weltsport bewirbt."
Der IOC-Vizepräsident hat Ambitionen, Samaranch im nächsten Jahr abzulösen. Es war damit gerechnet worden, dass Gosper den strahlenden Glanz erfolgreicher Spiele in Sydney nutzen wollte, um unmittelbar danach seine Kandidatur offiziell zu erklären. So wird das Wettrennen im Oktober wohl ohne den ambitionierten 66-Jährigen beginnen. Ohnehin scheint es, als laufe die Entscheidung auf ein Duell zwischen dem Belgier Jacques Rogge und den Kanadier Richard Pound hinaus.
Nach der Fackel-Affäre um seine elfjährige Tochter Sophie scheint der Ruf des ehemaligen 400-Meter-Läufers trotz der Entscheidung der Ethikkommission, Gosper von einer Verfehlung im Korruptionsskandal um Salt Lake City frei zu sprechen, im eignen Land irreparabel beschädigt zu sein. Die Tochter des IOC-Vizepräsidenten hatte am vergangenen Mittwoch in Griechenland nach der Entzündung des Olympischen Feuers den Vorzug als erste australische Fackelträgerin erhalten vor einer ursprünglich vorgesehenen Schülerin aus Sydney.
Zwischenzeitlich hieß es gar, dass das Organisationskomitee für die Spiele (SOCOG) ihn von allen offiziellen Pflichten mit dem Staffellauf entbunden hatte. Olympiaminister Michael Knight machte aber später einen Rückzieher. Am Dienstag wurde das Informations- Chaos mit "Kommunikations-Problemen" begründet.
Tatsache ist, dass sowohl Knight als auch der mächtige Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees (AOC), John Coates, vergeblich versucht hatten, Gosper zum Verzicht auf die vorrangige Stellung seiner Tochter zu bewegen. Dass er sich über den Rat der beiden hinwegsetzte und damit das SOCOG erneut in einen peinlichen Skandal verwickelte, wird ihm innerhalb des Organisationskomitees keinen neuen Freunde verschafft haben. Zudem hat Gosper das Ansehen des IOC weiter getrübt.
"Gosper hat jetzt praktisch keine Chancen, Samaranch-Nachfolger zu werden", schrieb der Olympia-Reporter des angesehenen "Sydney Morning Herald" am Dienstag. Der Funktionär stünde vor den "rauchenden Trümmern" seiner olympischen Karriere. "Große Politiker treffen den richtigen Ton", schrieb das Blatt, "aber Gosper ist kein richtiger Politiker. Mit Sicherheit nicht einmal die Hälfte des Politikers, den das IOC jetzt braucht." Ein vernichtendes Urteil für jemanden, der als Vorsitzender der IOC-Pressekommission den Einfluss von Medien auf die öffentliche Meinung besonders gut kennen müsste.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum











