Sieg nach Zweisatz-Rückstand: Haas unberechenbar wie Becker
zuletzt aktualisiert: 02.06.2000 - 10:40Paris (dpa). Diesen Krimi hätte Alfred Hitchcock nicht besser inszenieren können. Alle Welt hatte Thomas Haas schon abgeschrieben, da raffte er sich wie ein jugendlicher (Tennis-)Held auf und schrieb die längst geschriebene Geschichte des Matches gegen Andrea Gaudenzi noch einmal völlig neu.
Unberechenbar wie einst der junge Becker stemmte er sich nach zwei grauenhaften Sätzen gegen das scheinbar Unausweichliche und rang den sich schon in der Siegerpose wähnenden Italiener mit atemberaubender Nervenstärke nieder. Fünf Sätze und knapp viereinviertel Stunden fesselte der Hamburger die Zuschauer und nahm den einmaligen Erfolg so unspektakulär an wie eine Niederlage.
"Es war, glaube ich, erst das zweite Mal, dass ich nach einem 0:2 noch das Spiel gewonnen habe", meinte er und verzog dabei keine Miene. "Das ist schon ein gutes Gefühl." Auf der ATP-Tour war es sogar das erste Mal. Dass ihn viele nach den peinlichen beiden ersten Sätzen bildlich schon in der Luft zerrissen hatten, störte ihn wenig. "Natürlich hätte ich lieber in drei Sätzen gewonnen." Die lakonischen Statements des 22-Jährigen, der seine rhetorische und sportliche Ausbildung in Florida genossen hat, sind gewöhnungsbedürftig. Das Sonnyboy-Image trägt ihn nicht überall zu Höchstleistungen.
Auf dem Court jedoch bewies der Daviscup-Spieler seine ganz speziellen Gaben, die ihn für die Tennis-Freunde und Sponsoren zu einem Spieler mit großem Unterhaltungswert machen. Wie weiland Boris Becker. Auch bei dem dreimaligen Wimbledonsieger konnte man zu seinen besten Zeiten erst dann sagen, dass ein Match verloren ist, wenn der letzte Ball geschlagen war. Haas hat an guten Tagen diese Gabe, die ihm schon im Daviscup zu einem gewissen Kultstatus verholfen hat.
Doch bei aller Euphorie nach dem Tennis-Krimi in fünf Akten gegen Gaudenzi muss sich Haas dringend Gedanken um die Zukunft machen. "In drei Jahren will ich ein kompletter Spieler sein. Dann kann ich auch ein so großes Turnier wie die French Open gewinnen", sagte er und meinte jede Silbe davon. Doch es hat schon viele Spieler gegeben, die solange in der Zukunft gelebt haben, bis sie Vergangenheit war. Für die Gegenwart muss er schnellstmöglich sein Umfeld bestellen.
In Roland Garros vertraute der Youngster wieder auf Trainer David "Red" Ayme. Warum er den Mann weiter beschäftigt, dessen er vor Wochen bereits überdrüssig war, bleibt sein Geheimnis. Nick Bollettieri war am "Vatertag" zumindest nicht mehr da. Dafür unterstützte ihn seine junge Freundin Sandy, die Tocher des verstorbenen Becker-Beraters Axel Meyer-Wölden. Einen Berater wie ihn der Leimener in den wichtigsten Jahren seiner Karriere in Sandys Vater hatte, stünde Thomas Haas gut zu Gesicht. Das Werben um die Gunst der Wimbledonsieger Boris Becker oder Michael Stich ist vergeblich geblieben. Beide hatten Interesse, wollten wegen der bestehenden Verträge des Weltranglisten-31. (IMG) aber nicht. Entweder ganz oder gar nicht, hieß die Devise.
Den Machtkampf mit Nicolas Kiefer um die Nummer eins im deutschen Tennis hat Haas neu belebt. Doch schon die nächste Hürde hat es gewaltig in sich: "Marat Safin ist ein schwerer Gegner. 9:7 im Fünften habe ich ihn im Daviscup im April letzten Jahres geschlagen", erinnerte sich Haas. Den zweiten Vergleich im selben Monat in Monte Carlo gewann der Russe aus Monaco glatt in zwei Sätzen. Am Samstag werden die Karten neu gemischt. Dann will Haas gegen den einstigen Tennis-Rüpel, der unter seinem neuen Trainer Andrei Tschesnokow das Racket-Zertrümmern verlernt hat, die Dramaturgie selbst bestimmen.
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