Tennis: Australien Open in Melbourne - Kuerten raus: Haas und Kiefer verspielten ihre große Chance
zuletzt aktualisiert: 18.01.2001 - 14:37Melbourne (sid). "Scheiße." Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb brachte die Stimmung im deutschen Tennislager nach dem vierten Tag der Australian Open in Melbourne drastisch aber treffend zum Ausdruck. So groß war die Chance von Nicolas Kiefer und Tommy Haas auf eine Überaschung und das Vordringen in die dritte Runde, so unnötig, dumm und teilweise leichtfertig wurde sie vergeben. Die deutschen Spitzenspieler haben das Weiterkommen beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres verspielt und damit gezeigt, dass sie zumindest augenblicklich dem eigenen Anspruch absoluter Weltklasse nicht gerecht werden.
Vor allem Tommy Haas erlebte bei seiner 5:7, 6:7 (5:7), 4:6-Niederlage gegen Lleyton Hewitt ein Debakel, als er 5:0 im ersten Satz führte, 4:1 und 4:2 im zweiten und dritten und dennoch nicht einen Satz gewinnen konnte. Nicolas Kiefer lag bei seiner 2:6, 6:3, 6:3, 3:6, 0:6-Niederlage mit 2:1 Sätzen und einem Break in Front und unterlag noch. Alexander Popp schied mit 6:4, 3:6, 4:6, 4:6 gegen den US-Amerikaner Chris Woodruff aus.
So konnten nur Lars Burgsmüller (Essen) und Rainer Schüttler (Bad Homburg) David Prinosil in die dritte Runde folgen. Burgsmüller bezwang den Österreicher Stefan Koubek 7:6 (7:3), 6:4, 6:3 und spielt nun gegen Greg Rusedski (Großbritannien), der dem Brasilianer Gustavo Kuerten überraschend mit 4:6, 6:4, 6:3, 2:6 und 9:7 nach 2:44 Stunden das Nachsehen gab. Daviscup-Spieler Schüttler setzte sich gegen den Armenier Sargis Sargsian 6:3, 7:5, 4:6, 6:4 durch. Sein nächster Gegner ist der Kanadier Daniel Nestor.
Bei den Damen erreichte Marlene Weingärtner (Leimen) durch den 4:6, 7:6 (8:6), 6:0-Sieg über Tina Pisnik (Slowenien) erstmals in ihrer Karriere die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers, in der sie nun auf Amanda Coetzer trifft. Andrea Glass verpasste diesen Erfolg. Die Darmstädterin unterlag der an zehn gesetzten Russin Jelena Dementiewa 6:2, 6:7 (6:8), 3:6 und vergab dabei einen Matchball.
Das symbolische Bild des Matches von Tommy Haas schlechthin konnten die Fotografen bereits zum Ende des zweiten Satzes schießen, als der Hamburger bei 6:5 zwei Satzbälle nicht nutzen konnte - sekundenlang lag er nach einem vergeblichen Hechtvolley in der Mitte des Platzes auf dem Bauch. "Es war dumm, ich bin traurig, weil ich so viele Chancen hatte", sagte Haas, "so etwas darf mir in Zukunft nicht mehr passieren. Ich darf den ersten Satz niemals weglaufen lassen. Ich muss noch mehr an meiner Konzentration arbeiten."
Haas hatte das gesamte Match eigentlich dominiert. Er machte Druck, er bestimmte das Tempo, er scheuchte den Australier in die Ecken, aber er machte "den Sack nicht zu". Drei Satzbälle im ersten Durchgang, zwei im zweiten blieben ungenutzt. "Ich hätte leicht 0:3 verlieren können", räumte Hewitt ein. 67 unerzwungene Fehler weist die Statistik für Haas aus gegenüber Hewitts 43. Wie der Hamburger die "Big Points" ausgelassen hat - missglückte Volleys ins Netz, Passierbälle statt ins freie Feld ins Aus, Doppelfehler - das erinnerte an eine systematische Selbstzerstörung.
"Manchmal denke ich zu viel nach, was ich mit dem Ball mache, wenn ich Zeit dazu habe", sagte der 22-Jährige, "und dann kommt das Falsche dabei raus." Doch Haas wäre nicht er selbst, würde er nun nicht wieder gleich nach vorne schauen. Optimistisch natürlich und voll unzerstörbarem Selbstvertrauen. "Ich weiß, dass ich eigentlich ganz nach oben gehöre", meinte er, "ich kann eigentlich nicht sagen, dass ich schlecht gespielt habe."
Das mochte Nicolas Kiefer auch nicht sagen, und er hatte mehr Recht dazu als sein Daviscup-Kollege. Denn der Niedersachse ist schließlich an einem Weltklassegegner gescheitert, der gegen Matchende perfekt spielte. "Es war ein sehr gutes Spiel, ein großer Kampf", sagte der 23-Jährige, "vor allem im zweiten und dritten Satz."
Kiefer schaffte es lange Zeit, den Ball im Spiel zu halten und Kafelnikow zu Fehlern zu provozieren. Er ging dem hohen Mitfavoriten auf den Turniersieg mit seinem cleveren Spiel so auf die Nerven, dass der Vorjahresfinalist nach einem Aufschlagverlust zu Beginn des vierten Satzes einen Ball wild ins Publikum drosch und dafür eine Verwarung kassierte. "Das habe ich gebraucht, danach ging es viel besser", sagte Kafelnikow. Er schaffte sofort das Rebreak zum 1:1 statt 0:2 in Rückstand zu geraten und spielte danach praktisch fehlerfrei bis zum am Ende souveränen Matchgewinn.
"Da hat man hat gemerkt, dass ihm Spiele fehlen", meinte Steeb, das kommt bei solch schweren Matches dann doch durch." Die Zwangspause seit Oktober wegen der Handgelenkverletzung fordert noch immer Tribut. "Natürlich ist es frustrierend zu verlieren. Ich wusste, dass ich ihn schlagen kann, aber ich bin noch nicht so weit, wie in Hannover im November 1999 als ich gewonnen habe", meinte Kiefer, "aber ich weiß jetzt, dass ich zurück im Spiel bin. Ich brauche Spielpraxis, dann werde ich wieder Turniere gewinnen."
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