| 18.13 Uhr

Interview mit dem DHB-Präsidenten
Michelmann: "Ich konnte einstecken, aber auch austeilen"

Andreas Michelmann: "Ich konnte einstecken, aber auch austeilen"
Andreas Michelmann FOTO: dpa, jew fpt hak
Düsseldorf. Seit dem 26. September 2015 ist Andreas Michelmann, zuvor beim Deutschen Handballbund für den Breiten- und Freizeitsport verantwortlich, ehrenamtlicher Präsident des DHB. 73 der 119 Delegierten stimmten für ihn. Im Vorfeld der Wahl gab es reichlich Zoff, allerdings weniger um den 56 Jahre alten Diplomgermanisten, als um den für den Leistungssport zuständigen Vizepräsidenten Bob Hanning.

Michelmann, im Hauptberuf seit 1994 im 28.000-Seelen Ort Aschersleben (Sachsen-Anhalt) als Oberbürgermeister erfolgreich (Wiederwahl mit 76 Prozent) will den Mitgliederschwund stoppen, sieht in den Flüchtlingen eine Chance für den Handball, den er zurück in die Schulen bringen will und will den Beachhandball stärken.

Wie bekommen Sie die beiden Aufgaben unter einen Hut?

Andreas Michelmann Ich habe mir den Tag so strukturiert, dass ich mich in meiner Freizeit um den Deutschen Handballbund kümmere und der Arbeitstag im Büro für die Stadt da ist. Dann habe ich mir Zeitfenster geschaffen, wie jetzt am Monatsende, wenn sich das neue Präsidium zur Klausurtagung trifft. Da habe ich eine ganze Woche Urlaub genommen.

Was kann der Handballfunktionär vom Kommunalpolitiker lernen?

Michelmann Visionen und Ziele zu erarbeiten und dafür zu sorgen, dass diese umgesetzt werden.

Nach Ihrer Wahl zum DHB-Präsidenten wollten Ihre politischen Gegner genau hinschauen, ob Ihr Hauptjob nicht leidet.

Michelmann Was bei mir ankommt, ist eher, dass die Ascherslebener stolz sind, dass ihr OB auch DHB-Präsident ist. Natürlich schwingt immer die Sorge mit, ob er beides auch hinbekommt. Aber ich habe ja lange genug dafür trainiert.

Wissen Sie schon, was Sie am 6. November machen?

Michelmann Da bin ich auf dem Flug nach Sotschi zum IHF-Kongress.

Also haben Sie sich gegen das Kabarett-Festival in Ihrer Stadt entscheiden?

Michelmann Das war meine erste schwere Entscheidung. Ich habe da ja fast immer einen eigenen kabarettistischen Auftritt, auf den das Publikum auch wartet. Da muss ich mir was einfallen lassen. Wegen des IHF-Kongresses werde ich übrigens auch nicht beim Supercup unserer Nationalmannschaft in Flensburg, Hamburg und Kiel sein können.

Nach Ihrer Wahl hieß es, der DHB habe einen Befreiungsschlag verpasst. Ärgert Sie so was?

Michelmann Ich habe das Abstimmungsergebnis fast auf die Stimme genau vorausgesagt. Wer etwas anderes erwartet hatte, muss geträumt haben. Der DHB hat auch nichts verpasst, sondern zum Glück noch rechtzeitig die Kurve bekommen in Kassel und Stuttgart, wo wir unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert haben.

Ein Vorwurf war, man habe sich nicht an die Absprache gehalten, dass der neue Mann nicht aus dem Kreis der Vizepräsidenten kommen soll.

Michelmann Das war ein Wunsch aus dem Kreis der Landespräsidenten und ein Auftrag an deren Mitglieder in der Findungskommission. Diese haben das "sollen" so interpretiert, dass zunächst nach externen Kandidaten gesucht und mit diesen gesprochen wird. Danach war die Meinung, dass keiner ausreichend für den Posten geeignet war. Deshalb ist die Findungskommission auf die interne Lösung gekommen.

Wieso gab es dann den öffentlich ausgetragenen Zwist mit einigen Landesfürsten?

Michelmann In Kassel haben wir das Wie und Warum erörtert. Die Kritik der Landesverbände war letztlich, dass man ihnen den Zwischenschritt hin zur internen Lösung hätte mitteilen sollen.

Sie gelten im internationalen Handball als unbeschriebenes Blatt. Würden Sie denn von Mustafa und Brihault, den Chefs des Welt- und europäischen Handballverbandes, erkannt, wenn sie sich in Aschersleben auf der Straße begegnen würden.

Michelmann: Ja. Mustafa und ich haben uns schon vor meiner Wahl in Lausanne getroffen, als sich dort der Beachhandball dem IOC präsentierte. In der vergangenen Woche habe ich gemeinsam mit unserem Generalsekretär Mark Schober den EHF-Präsidenten Jean Brihault und dessen Generalsekretär Michael Wiederer in Wien besucht. Ich arbeite am Ausbau meines Netzwerkes. Es geht voran.

Welches sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Michelmann Ich habe mir drei Bereiche vorgenommen. Das sind die Nationalmannschaften, wobei wir bei den Olympischen Spielen 2020 mit den Männern die Goldmedaille und mit den Frauen eine Medaille gewinnen wollen. Dann wollen wir gemeinsam mit den Ligaverbänden dafür sorgen, dass wir die stärkste Liga bleiben beziehungsweise bei den Frauen werden. Dazu kommt die Mitgliederentwicklung als größte Herausforderung

Der DHB hat von 2010 bis 2014 fast 60.000 Mitglieder verloren, im letzten Jahr allein rund 26.000. Als Vizepräsident für Amateur- und Breitensport konnten Sie diesen Trend nicht stoppen. Was macht Sie so optimistisch, es als DHB-Chef schaffen zu können?

Michelmann Natürlich helfen uns vor allem sportliche Erfolge, Kinder und Jugendliche für den Handballsport zu begeistern. Die Integration der Immigranten ist für uns eine große Herausforderung, angesichts des demografischen Wandels aber auch eine große Chance. Entscheidend ist, dass wir den Weg zurück in die Schulen finden, um dort die Kinder für Handball zu faszinieren.

Klingt gut, aber wie soll das umgesetzt werden?

Michelmann Wir haben Trainerinnen und Trainer, die sich mit der Vermittlung unserer Sportart besonders an Kinder sehr gut auskennen. Die Schwierigkeit ist, diese Fachkräfte zum erforderlichen Zeitpunkt in die Schulen zu bekommen. Deshalb führt der zweite Weg über die Hochschulen, um auch über die Ausbildung mehr Handball-begeisterte Lehrer in die Schulen zu bringen.

Thema Integration...

Michelmann Die war bislang ja nicht unsere Stärke. Da ist uns der Fußball einen Schritt voraus, wenn man sich mal die Nationalmannschaft ansieht.

Sicherlich bieten die Immigranten ein neues Reservoir, aber die Flüchtlingssituation sorgt auch bei Vereinen für Probleme, wenn Sporthallen zweckentfremdet werden.

Michelmann Der Handball hat bewiesen, dass er integrierend wirken kann. Wir haben gezeigt, dass wir uns aktiv dieser Herausforderung stellen wollen. Erste Priorität für die Politik und die Verantwortlichen in den Behörden ist natürlich, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge menschenwürdig untergebracht sind. Als Oberbürgermeister weiß ich, was das bedeutet bei all den Problemen, die wir momentan haben. Bei der Suche nach Wohnraum müssen Lösungen gefunden werden, aber ohne mit der Belegung von Sporthallen das eine Problem zu lösen und damit das nächste zu schaffen. Der Sport muss die Chance haben, seine völkerverbindende Kraft zu entfalten.

Am Monatsende trifft sich das DHB-Präsidium. Was steht auf der Agenda?

Michelmann Es geht darum, im Kreise des neuen Präsidiums das Programm bis zum Jahr 2017 zu besprechen. Dabei werden wir auch sehen, inwieweit wir die in unserem Arbeitsprogramm "Perspektive 2020 – dem deutschen Handball eine Zukunft geben" entwickelten Vision und Ziele fortschreiben müssen, um unser Ziel zu erreichen, die Handball-Nation der 2020er-Jahre zu werden. Ein Punkt ist die Entwicklung des Beachhandballs, der 2024 zum olympischen Programm gehören könnte. Da müssen wir jetzt durchstarten.

Wann entscheidet sich das?

Michelmann Die Olympischen Jugendspiele 2018 in Argentinien, bei denen Beach- den Hallenhandball ersetzt, sind wohl die entscheidende Veranstaltung.

Was bedeutet das für die Hallen-Variante?

Michelmann Es gibt zwei Grundvarianten: Dass der Hallenhandball ins Programm der Winterspiele eingegliedert wird. Das will aber wohl ernsthaft niemand. Oder die beiden Disziplinen teilen sich die Plätze, weil die Zahl der Handballer an Olympischen Spielen ja nicht größer wird.

Was bedeutet das für den DHB, EHF und IHF?

Michelmann Wir müssen uns die Frage beantworten, ob wir weiter der Nabel der Welt sein wollen, oder wollen wir akzeptieren, dass in anderen Ländern Beachhandball möglicherweise interessanter ist, weil es eine preiswerte, einfacher zu spielende Variante ist. Man braucht zum Beispiel keine Sporthallen. Das betrifft ganz besonders Südamerika, aber auch Teile Afrikas, Asiens und Südeuropas.

Wie stellt sich der DHB dazu?

Michelmann Den 2006 gefassten Beschluss, aus dem Beachhandball auszusteigen, haben wir 2014 korrigiert. Wir haben festgelegt, dass beide Varianten sowohl leistungs- als auch spaßorientiert gespielt werden können. Dafür müssen wir aber auch Mittel bereitstellen. Wie überall gibt es dann Debatten über die Verteilung der Ressourcen. Auch darüber werden wir bei unserer Klausurtagung reden.

Welche aktive Erfahrung haben Sie im Handball?

MIchelmann Ich habe in Aschersleben 30 Jahre Handball gespielt – nach der Wende auch in der Oberliga, als ich bereits Oberbürgermeister war.

Auf welchen Positionen?

Michelmann Zunächst 15 Jahre im Tor, dann 15 Jahre am Kreis und im Abwehrzentrum. Ich konnte ausreichend einstecken, aber auch austeilen. Das war eine gute Schule für die Kommunalpolitik, und, wie ich festgestellt habe, auch für die Sportpolitik.

Eckhard Czekalla führte das Gespräch.

(can/RP)
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