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Medaillen-Macher
"Eisblock" Sigurdsson ist der Baumeister des Handball-Wunders

Fotos: Sigurdsson und die Schale fliegen hoch
Fotos: Sigurdsson und die Schale fliegen hoch FOTO: dpa, jew hpl
Krakau. Bundestrainer Dagur Sigurdsson ist für den deutschen Handball ein Glücksgriff. Der Isländer formte aus 16 Debütanten einen EM-Finalisten, die Spieler vertrauen ihm blind.

Vorbild, Motivator, Taktik-Tüftler: Dagur Sigurdsson ist der Baumeister des deutschen Handball-Wunders. Innerhalb kürzester Zeit formte der Bundestrainer aus einem Team der Nobodys einen Titelanwärter und führte eine darbende Sportart zurück ins Rampenlicht. Die Spieler vertrauen ihm blind, die Fachwelt überschlägt sich mit Lobeshymnen.

"Wir haben uns den Respekt der Handballwelt wieder erarbeitet", sagte der frühere Welthandballer Daniel Stephan dem SID: "Der größte Dank gilt Trainer Dagur Sigurdsson. Alle seine Maßnahmen haben gefruchtet." Und selbst Fußball-Weltmeistertrainer Joachim Löw zeigte sich beeindruckt. "Genauso wie wir stellt auch Dagur Sigurdsson das Team in den Mittelpunkt, jeder kämpft für den anderen", sagte Löw auf SID-Anfrage.

Mit isländischer Akribie und seiner durch und durch unaufgeregten Art führte Sigurdsson das deutsche Team in den letzten anderthalb Jahren wieder in die Spur. Als viele Experten die deutsche Mannschaft aufgrund der vielen Verletzten vor der EM schon abgeschrieben hatten, blieb er erstaunlich cool. Den Druck, Platz sieben bei der Wüsten-WM vor Jahresfrist in Katar nun vor einem Millionenpublikum bei ARD und ZDF bestätigen zu müssen, ließ sich Sigurdsson - zumindest äußerlich - nie anmerken.

Sigurdsson ruht in sich selbst. Seine Akkus lädt der frühere Jugend-Nationalspieler im Fußball, der in seiner Heimat als Unternehmer unter anderem ein Hostel mit 215 Betten betreibt, beim Gitarrespielen, Motorradfahren oder Joggen auf - Hobbys, für die er in Polen allerdings keine Zeit hatte.

Stattdessen sorgte Sigurdsson unabhängig vom Ausgang des Finales gegen Spanien mit seinem Team für eine wahre Renaissance des deutschen Handballs - und für den größten Erfolg seit dem goldenen Wintermärchen 2007 im eigenen Land. Nach den Nackenschlägen der verpassten Olympia-Quali 2012 und der EM 2014 ohne deutsche Beteiligung gehört die DHB-Auswahl plötzlich wieder zur Weltspitze.

Sigurdsson gab dem DHB-Team eine neue Spielidee und sorgte für eine taktische Variabilität, die es so noch nie gab. Immer wieder verwirrte er die Gegner mit neuen Taktik-Variationen, wechselte ständig zwischen den Abwehrformationen und sorgte so für allgemeine Verunsicherung. Auch im Angriff verblüffte er mit Aufstellungen, die in dieser Form noch nie zusammen gespielt hatten.

Die größtenteils blutjungen Spieler hängen förmlich an Sigurdssons Lippen. In einem Klima des bedingungslosen Vertrauens wuchs bei den deutschen Grünschnäbeln auch das Vertrauen in die eigene Stärke - mit jeder Minute, von Tag zu Tag. "Dagur gibt uns einen Matchplan an die Hand, und den ziehen wir hundertprozentig durch", sagte der neue Abwehrchef Finn Lemke. Erik Schmidt ging sogar noch einen Schritt weiter. "Wir vertrauen ihm blind", so der Kreisläufer.

Sigurdsson ist kein Mann der großen und auch nicht der vielen Worte. Mit kurzen, klaren Ansagen gibt der "isländische Eisblock" (O-Ton Carsten Lichtlein) die Richtung vor. Am Spielfeldrand strahlt der 42-Jährige im Gegensatz zu seinen Vorgängern stets Gelassenheit aus, die Ruhe überträgt sich auf seine Spieler. Auf dem Weg ins Finale wurden vier Spiele erst in den letzten Minuten, der sogenannten Crunch-Time, entschieden - vier Mal gewann Deutschland, das jüngste aller EM-Teams.

Selbst die verletzungsbedingten Ausfälle von sechs Stammkräften konnten den charismatischen Coach vor und während des Turniers nicht aus dem Konzept bringen. Jammern? Das ist nicht Sigurdssons Sache. Ohne zu lamentieren, machte er aus der (Personal-)Not eine Tugend und impfte seinem mit inzwischen 16 (!) EM-Debütanten gespickten Kader in Rekordzeit das Sieger-Gen ein.

"Dagur ist der Schlüssel zum Erfolg und derjenige, der das Schiff lenkt. Das macht er sehr, sehr gut", sagt Bob Hanning. Der DHB-Vizepräsident hatte Sigurdsson im Sommer 2014 von den Füchsen Berlin zur Nationalmannschaft gelotst - ein Glücksgriff für den deutschen Handball, wie sich schnell herausstellte.

(ems/sid)
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