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"Sein Anteil am Erfolg ist sehr hoch"
Sigurdsson ist der Architekt des deutschen Höhenflugs

Handball-EM: Dagur Sigurdsson ist der Architekt des deutschen Höhenflugs
Dagur Sigurdsson ist seit Sommer 2014 Bundestrainer. FOTO: dpa, jkm mr
Breslau. Dagur Sigurdsson ist für den deutschen Handball ein Glücksfall. Der Bundestrainer trägt den Löwenanteil am rasanten Aufschwung der Nationalmannschaft.

Dagur Sigurdsson ist im Tunnel. Für den maximalen Erfolg mit den deutschen Handballern bei der EM verzichtet der Isländer zurzeit sogar auf die sonst so geliebte Joggingrunde am Morgen. "Dafür habe ich hier leider keine Zeit", sagte der Bundestrainer vor dem "Endspiel um das Halbfinale" gegen Dänemark am Mittwoch (18.15 Uhr/Live-Ticker).

Sigurdsson ist voll fokussiert. Selbst die tragischen Ausfälle von Kapitän Steffen Weinhold und Torjäger Christian Dissinger, den verletzten Stammkräften Nummer fünf und sechs, brachten den 42-Jährigen nur kurz aus dem Konzept. "Natürlich sind wir an der Schmerzgrenze angekommen, aber es ist trotzdem eine tolle Aufgabe.
Wir werden das Spiel volle Pulle angehen", sagte Sigurdsson.

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Jammern? Das ist nicht seine Sache. Nicht zuletzt wegen dieser positiven Herangehensweise ist Sigurdsson zum viel gelobten Architekten des deutschen EM-Höhenflugs geworden, die größtenteils blutjungen Spieler vertrauen ihm blind. "Dagur gibt uns einen Matchplan an die Hand, und den ziehen wir hundertprozentig durch", sagt der neue Abwehrchef Finn Lemke.

Mit isländischer Akribie und seiner durch und durch unaufgeregten Art führte Sigurdsson das deutsche Team in den letzten anderthalb Jahren wieder in die Spur. Als viele Experten die deutsche Rasselbande aufgrund der vielen Verletzten vor der EM schon abgeschrieben hatten, blieb er erstaunlich cool. Den Druck, Platz sieben bei der Wüsten-WM vor Jahresfrist in Katar nun vor einem Millionenpublikum bei ARD und ZDF bestätigen zu müssen, ließ sich Sigurdsson - zumindest äußerlich - nie anmerken.

Ohne zu lamentieren, machte er aus der (Personal-) Not eine Tugend und impfte seinem mit 14 (!) EM-Debütanten gespickten Kader in Rekordzeit das Sieger-Gen ein. In einem Klima des bedingungslosen Vertrauens wuchs bei den deutschen Grünschnäbeln auch das Vertrauen in die eigene Stärke - mit jeder Minute, von Tag zu Tag.

DHB-Team siegt mühelos gegen Ungarn FOTO: dpa, dw hm

"Dagur ist der Schlüssel zum Erfolg und derjenige, der das Schiff lenkt. Das macht er sehr, sehr gut", sagt Bob Hanning. Der DHB-Vizepräsident hatte Sigurdsson im Sommer 2014 von den Füchsen Berlin zur Nationalmannschaft gelotst - ein Glücksgriff für den deutschen Handball, wie sich schnell herausstellte. "Rein sportlich sind wir jetzt auf dem Weg von einem großen Kahn hin zu einem immer schneller werdenden Schnellboot", sagt Hanning.

Händchen für Talente

Sigurdsson ist der komplette Gegenentwurf zu seinen Vorgängern, strahlt an der Seitenlinie stets Ruhe aus, wirkt distanzierter und ein Stück weit professioneller. Sein Händchen für Talente ist hinlänglich bekannt. "Er ist schon sehr ruhig", sagte Rechtsaußen Tobias Reichmann unlängst in der ARD: "Aber wenn er dann mal auf den Tisch haut, dann kann auch der Tisch kaputt gehen." So soll es auch nach dem EM-Auftakt gegen Spanien (29:32) in der Kabine etwas lauter geworden sein. Seitdem gewann die deutsche Mannschaft alle vier Spiele.

Seine Führungsqualitäten bewies Sigurdsson auch bei der Kader-Nominierung im Dezember. Völlig überraschend strich er die bisherige Nummer eins Silvio Heinevetter, immerhin sechs Jahre sein Vereinstorwart bei den Füchsen und prominentestes Gesicht des DHB-Teams, aus seinem EM-Kader.

"Keiner ist größer als die Mannschaft", begründete Sigurdsson seinen Schritt: "Manchmal trifft das Leute, die gute Freunde sind und lange bei mir im Team waren." Der für Heinevetter nominierte Andreas Wolff gehört zu den Senkrechtstartern der EM und ist inzwischen zur Nummer eins aufgestiegen.

Sigurdsson trifft den Nerv der Spieler

Fast schon Kult ist die blaue, verbeulte Taktik-Tafel, mit der Sigurdsson seine Schützlinge vor den Spielen und in den Auszeiten instruiert. Mit seinen kurzen, präzisen Anweisungen trifft er den Nerv der Spieler. "Sein Anteil am Erfolg ist sehr hoch", sagt Wolff und lobt zudem die "Leader-Qualitäten" des Trainers: "Er pusht die Mannschaft auch mal und hat hier eine sehr tolle Einheit geformt."

Zudem besticht das deutsche Team bei den Vorstellungen von Breslau mit seiner taktischen Variabilität. Als in der Vorrundenpartie gegen Schweden angesichts eines 13:17-Pausenrückstands bereits das Aus drohte, überrumpelte Sigurdsson den Gegner mit seiner offensiven 4:2-Abwehrvariante. Ein spezieller Kniff, den seine Co-Trainer Alexander Haase und Axel Kromer in der Pause ausgetüftelt hatten.

"Sechs Augen sehen mehr als zwei", sagt Sigurdsson trocken. In der Zusammenarbeit mit seinen beiden Kollegen im Trainerteam, die ihn auch bei der Gegneranalyse unterstützen, sieht er einen Eckpfeiler für den momentanen Erfolg. "Man braucht immer einen Plan B und C", sagt Sigurdsson.

Die wird der Bundestrainer mit Sicherheit auch gegen Dänemark im Köcher haben. Denn er spürt, dass die wundersame Reise seiner Mannschaft bei dieser EM am Mittwoch noch lange nicht zu Ende sein muss.

(old/sid)
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