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Unfassbare Aufholjagd
Kielce schafft die nächste Sensation

Bilder: Kielce holt nach sensationeller Aufholjagd den Titel
Bilder: Kielce holt nach sensationeller Aufholjagd den Titel FOTO: dpa, mb tba
Köln. Auf der Bank der Handballprofis des MVM Veszprem machte sich schon so etwas wie Vorfreude breit. 14 Minuten vor Schluss des Champions-League-Finales in Köln führte der ungarische Meister mit 28:19 - und nichts deutet daraufhin, dass den Spielern des polnischen Meisters KS Kielce eine ähnliche Überraschung wie am Tag zuvor gelingen könnte. Das 28:26 gegen den Topfavoriten Paris St. Germain war schon eine kleine Sensation, doch im Vergleich zu dem, was sich ab der 46. Minute vor 18.500 Zuschauern abspielte, eher normal. Von Eckhard Czekalla

Talant Dujshebaev, Kielces emotionaler Trainer, hatte auch schon viel von seiner Energie eingebüsst, als das Unglaubliche begann. Hauptdarsteller des Umschwungs waren Polens Nationaltorhüter Slawomir Szmal und Tobias Reichmann. Der Rechtsaußen, beim unerwarteten EM-Triump der deutschen Mannschaft im Januar eine der Stützen, leitete mit drei Toren in Folge (am Ende waren es neun) zum 23:28 die Aufholjagd ein.

Nach 56:14  Minuten war mit dem Ausgleich zum 28:28 das erste Etappenziel erreicht. Drei Sekunden vor Ende der regulären 60 Minuten ließ Kielces Krysztof Lijewski dem Kroaten Mirko Alilovic, der nach dem Ausgleich Strafwürfe von Karol Bielecki und Manuel Strlek gehalten hatte, keine Chance und traf zum 29:29 - Verlängerung!

Schon beim 31:28-Sieg im Halbfinal gegen den THW Kiel musste Veszprem in die Verlängerung, die diesmal aber auch keine Entscheidung brachte. Diesmal waren es ganze zwei Sekunden, die noch zu spielen waren, als Veszprems spanischer Linksaußen Cristian Ugalde zum 35:35 traf.  Das Siebenmeterwerfen musste entscheiden. Zwar hielt Alilovic den ersten Strafwurf (Ivan Cupic), doch Szmal und Marin Sego, die sich abwechselten, blieben Sieger im Duell mit Gaspar Marguc und Mirsad Terzic.

Kiel verliert Halbfinal-Thriller gegen Veszprem FOTO: dpa, mb nic

Julen Aguinagalde, das spanische Kraftpaket, das eigentlich am Kreis für Unruhe sorgt, versenkte dann den zehnten und letzten Strafwurf. Während die Spieler aus Veszprem  vor Enttäuschung auf den Boden sanken und einige ihren Tränen freien Lauf ließen, herrschte beim Gegner und dessen Anhng Jubel pur, nachdem die Partie doch schon verloren schien.

Kielces Trainer Dujshebaev, der als Spieler (1994) und als Trainer (2006, 2008, 2009 und 2016) die Champions League gewann, versuchte nach dem Abpfiff die gegnerischen Akteure  zu trösten. Mit den Ungarn im Team hatte er noch bei der EM im Januar als Nationaltrainer gearbeitet, ehe nach verpasster Olympia-Qzualifikation sein Vertrag nicht mehr verlängert wurde. Nun bereitet er die polnsiche Auswahl auf Spiele in Rio vor.

Kielce nach Coup gegen Paris im Finale FOTO: dpa, mb nic

Die Endrunde in Köln war eine Zäsur. Seit Einführung des Final4 in Köln (2010) gewann erstmals keine spanische oder deutsche Mannschaft den Titel. Überhaupt schafften es nur Montpellier (2002) und Celje (2003) vor Kielce, die Dominanz der beiden Ligen seit 1994 zu durchbrechen.  In Veszprem, das zum zweiten Mal in Folge im Finale scheiterte (2014 am FC Barcelona), in Kielce und in Paris, dessen Starenensemble sich mit dem 29:27 gegen Kiel den dritten Platz sicherte, aber dennoch die größte Enttäuschung war, haben Investoren ihr Interesse am Handball entdeckt und dafür gesorgt, dass sich die Kräfteverhältnisse im europäischen Klubhandball verschieben.

Geld verdienen kann man nicht nur mehr in der Bundesliga. Doch während die Spieler hierzulande Woche für Woche ans Limit gehen müssen und die Liga mit 18 Klubs die größte in den Topnationen ist, ist in Frankreich, Ungarn, Polen und Mazedonien (Skopje) die Herausforderung für die Topteams sehr viel geringer.

Dennoch hat Kiel gezeigt, was ungeachtet einer unglaublichen Verletzungsserie (13 langfristige Ausfälle, sechs Spieler wurden während der Saison nachverpflichtet) machbar ist. Auch die Rhein-Neckar Löwen, die nach zwei Vizemeisterschaften am kommenden Sonntag wohl ihren ersten Meistertitel feiern werden, und die SG Flensburg-Handewitt  haben das Zeug dazu, in Europa mitzuhalten. Ihre Forderung an die Liga, wie international üblich 16 statt 14 Spieler pro Begegnung nominieren zu dürfen, sollte nicht länger am Widerstand einiger Klubs scheitern.

Die Handballprofs sorgten Köln einmal mehr für zwei Tage  Hochspannung. Schon gestern gingen rund 6000 Karten für das Turnier 2017 weg, obwohl noch nicht klar ist, welche   Mannschaften üerhaupt dabei sein werden. Doch die Mischung aus Show und Sport hat längst ihre Fans gefunden.

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