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Stefan Kretzschmar im Interview
"Gesunde Härte gehört zum Handball"

Stefan Kretzschmar: "Gesunde Härte gehört zum Handball"
Stefan Kretzschmar war einst einer der weltbesten Linksaußen. FOTO: Sport1
Düsseldorf. Wenn das Männer-Nationalteam heute (19 Uhr/Sport1) in Mannheim gegen Russland testet, wird Stefan Kretzschmar (43) als TV-Experte die Leistung der Männer von Bundestrainer Dagur Sigurdsson beurteilen. Der 43-Jährige, beim Bundesligisten DHfK Leipzig im Aufsichtsrat, war einst einer der weltbesten Linksaußen. Von Eckhard Czekalla

Was bringt ein Länderspiel am Ende einer anstrengenden Saison wie nun gegen Russland?

Stefan Kretzschmar Du testest deine Leute, schaust, wie die Wackelkandidaten drauf sind und wer sich vielleicht noch anbietet. Mit Blick auf den durchaus limitierten Kader von nur 14 Mann in Rio werden auch Mechanismen eingespielt.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat für Rio das olympische Viertelfinale als Ziel ausgegeben. Understament oder realistische Einschätzung?

Kretzschmar Ich finde das als externe Maßgabe nicht schlecht. Intern glaube ich schon, dass man eine Medaille als Ziel formuliert. Alles andere wäre nach dem EM-Titel sinnlos. Man muss aber realistisch sein und die Jungs teilweise auf den Boden zurückholen. Das trifft auch auf die Öffentlichkeit zu. Dass man demütig ist, finde ich sehr sympathisch und gut. Was die Mannschaft leisten kann, haben wir bei der EM in Polen gesehen. Deshalb kann man selbstbewusst ins olympische Turnier gehen und sagen: Wir haben den Anspruch, keine Eintagsfliege gewesen zu sein, sondern wollen den positiven Trend fortsetzen und vielleicht eine Medaille holen.

Hat die Mannschaft das Potenzial, so stark zu werden wie zuletzt die dominierenden Franzosen?

Kretzschmar Ich weiß nicht, ob man es in dieser Konstanz abrufen kann, über mehrere Jahre Titel zu gewinnen. Das hatte in Frankreich auch ganz viel mit dem Führungsspieler Nikola Karabatic zu tun. So eine Ausnahmefigur haben wir in Deutschland nicht. Unsere Stärke ist eine mannschaftliche Geschlossenheit. Die kann und wird auch der Schlüssel für weitere Erfolge sein. Ich glaube, dass unsere Zukunft nie rosiger ausgesehen hat. Wir haben so viele Talente –  und da sehe ich viele Parallelen zum Fußball -, dass wir in den kommenden Jahren immer wieder viel Freude an neuen Leuten haben werden. Und die Europameister sind ja auch erst am Anfang ihrer Karriere. Ich kann mir vorstellen, dass das eine Mannschaft ist, die dauerhaft um Medaillen spielt. So eine junge Mannschaft muss auch mal einen Rückschlag verkraften, wenn sie ein Viertel- oder Halbfinale verliert. Wir werden nicht so eine Dominanz entwickeln, die Titel automatisch zur Pflicht macht.

Nach Hamburg vor fünf Jahren haben nun die Rhein-Neckar Löwen den THW Kiel, der seit 2005 alle übrigen Meistertitel holte, abgelöst. Ein Machtwechsel?

Kretzschmar Ich glaube, dass es eine Momentaufnahme ist. Aber es wird in den nächsten Jahren keine Dynastie geben, wie wir sie jahrelang durch Kiel kannten. Ich denke, dass mehrere Mannschaften wettbewerbsfähig sind und angreifen. Dazu gehören neben den Löwen auch Flensburg, Melsungen, Berlin und natürlich die Kieler. Die Spannung in der Liga wird noch weiter steigen.

Der THW Kiel ist in dieser Saison ohne Titel geblieben. Hat er aber angesichts der vielen Verletzten nicht aus wenig doch viel gemacht?

Kretzschmar Wenig bei Kiel ist beim Rest der Liga immer noch viel. Mit ihrem kompletten Kader hätten die Kieler wohl eine andere Saison gespielt und wären sicherlich bis zum Ende im Rennen um die Meisterschaft geblieben. Aber sie haben ja gute Leute als Ersatz geholt – auch wenn es schwierig ist, diese so schnell in ein Mannschaftsgefüge zu integrieren. Die erste Sieben ist immer noch Weltklasse. Man hat trotz der Verletzten eine Wahnsinnsmannschaft gehabt. Beispielsweise ist die Leistung von Domagoj Duvnjak für mich eine riesengroße Überraschung, bei dem Pensum, was er gehen musste. Hut ab, was der THW abgeliefert hat.

Die Belastung ist auch Folge der Qualität der 18 Bundesligisten. Ist es aber nicht hausgemacht, da andere Ligen kleiner sind und es dort weniger Topmannschaften gibt. Muss das Problem in Deutschland gelöst werden?

Kretzschmar Das wäre ja schlimm. Das würde ja bedeuten, dass wir die Qualität unserer Liga herunterschrauben müssten. Die Bundesliga ist unser Premiumprodukt. Der Handball in Deutschland lebt von der Spannung. Deshalb sind die Hallen voll, deswegen interessiert es die TV-Zuschauer, und deshalb geht es den Bundesligavereinen generell finanziell auch nicht so schlecht.

Aber ist die Belastung der Spieler nicht zu groß?

Kretzschmar Es betrifft nur die Spitzenvereine. Alle anderen klagen ja nicht. Im Gegenteil, manche Klubs haben drei, vier Wochen lang kein Pflichtspiel wegen dieses irrwitzigen Terminplans, den wir europaweit haben. Die Klagen kommen nur aus den Champions-League-Vereinen, deren Akteure naturgemäß auch Nationalspieler sind. Für die ist es ein Horror. Deren Programm ist nicht mehr zu rechtfertigen. Alle anderen Klubs wünschen sich eher mehr Spiele – auch mit Blick auf die Einnahmen.

Also sollte die Liga den Einsatz von 16 Spielern statt bisher 14 erlauben?

Kretzschmar Da bin ich zwiegespalten. Das macht für die Spitzenvereine Sinn. Aber die Kieler setzten ihre Spieler 13 oder 14, manchmal auch nur zwei, drei Minuten ein. Dann werden sich die Topklubs die Spitzenspieler der anderen Vereine holen, die sonst nicht auf ihrem Radar gewesen wären. Damit schwächen sie die kleineren Klubs, die ihre Topleute verlieren, die dann im neuen Verein nur die Nummer 14, 15 oder 16 sind. Man müsste daher festlegen, dass diese Plätze mit jungen bzw. Nachwuchsspielern besetzt werden.

Wie viele Spiele kommentieren Sie während einer Saison für Sport1?

Kretzschmar Ich bin bei rund 50 Spielen als Experte im Einsatz.

Wie ist die Resonanz in der Liga?

Kretzschmar Das würden sie mir nicht verraten. Aber ich muss sagen, dass ich im Laufe der Jahre einfach neutraler geworden bin. Meine Begeisterung für den Sport ist natürlich nach wie vor da, aber im Laufe der Jahre bin ich mit einzelnen Vereinen nicht mehr so emotional verbunden.

Beim Final4 in Köln war vor allem das Halbfinale zwischen Veszprem und Kielce sehr intensiv, teilweise fast brutal. Ist der Männerhandball in dieser Form auf dem richtigen Weg?

Kretzschmar Wir haben uns ja alle diesen Sport ausgesucht, weil er körperlich ist. Das war in den 80er Jahren noch schlimmer. Man kann ja schon von Glück reden, dass Leute wie Peter Krebs und Thomas Happe nicht mehr dabei sind. Der Männerhandball lebt von der Physis. Sie ist ein hohes Attraktivitätspotenzial unseres Sports. Natürlich darf es nicht zu einer Schlägerei kommen, und die Unfairness muss im Rahmen bleiben. Ich bin mit der Entwicklung meines Sports zufrieden. Da ist eine gesunde Härte dabei.

Müssen die Schiedsrichter nicht mehr eingreifen?

Kretzschmar Es ist sehr schwierig für sie zu beurteilen, wer da gerade wen foult. Aber was mich immer beschäftigt, ist die Einflussnahme der Schiedsrichter auf unseren Sport. Da spielen sie eine entscheiden Rolle und können über Sieg oder Niederlage entscheiden. Es ist noch nicht so, dass objektiv der Beste auch immer gewinnt. Ein falscher oder ein ausgebliebener Pfiff kann ein Spiel entscheiden. Im Viertelfinale der Champions League wurde in der Schlusssekunde ein klarer Siebenmeter für Flensburg nicht gegeben und Gastgeber Kielce fuhr zum Final4 nach Köln und holte sich den Titel. Die Einflussnahme ist zu groß. Ich wüsste aber auch nicht, wie man es ändern kann.

Die Bundesliga ist die spielstärkste Liga der Welt. Muss sich der deutsche Handballfan aber darauf einstellen, dass andere Klubs in der Königsklasse dominieren werden?

Kretzschmar Wir werden sicherlich weiter Mannschaften haben, die sich fürs Final4 qualifizieren können. Aber das große Geld wird nun mal in Paris, Skopje, Veszprem, Barcelona und vielleicht auch in Kielce verdient – und da gehen die Topspieler natürlich hin. Dennoch finde ich die neue Ausrichtung der Kieler, auf junge Spieler zu setzen und sich neu zu erfinden, nicht unsympathisch. Auch in anderen Vereinen sieht man, dass viele deutsche Spieler eine hohe Relevanz bekommen. Das ist auch dem Mut von Dagur Sigurdsson geschuldet, viele junge Spieler in der Nationalmannschaft einzubinden. Dort haben sie nachgewiesen, dass sie das Potenzial haben, international mitzumischen. Da würde ich mir wünschen, dass dies etwas auf unsere Spitzenteams abfärbt und die Bundesliga-Manager sagen: Die sind doch gar nicht so weit weg. Warum holen wir nicht unsere eigenen Jungs und fördern sie? Ein Verein wie Kiel wird in Europa immer mithalten können, und hat auch die ökonomischen Möglichkeiten. Aber es wird spannend, denn die anderen Spitzenklubs haben ebenfalls große finanzielle Möglichkeiten.

Was macht Stefan Kretzschmar, wenn er sich nicht um Handball kümmert?

Kretzschmar Für mich gibt es nicht nur Handball. Ich habe mir ein berufliches Leben geschaffen, das mir genug Freiraum für Privates gibt. Deswegen bin ich sehr zufrieden. Ich spiele viel Golf, verbringe viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Ich habe aber auch genug Zeit für andere geschäftliche Dinge, die ich verfolge und die ich gerne mache.

Wann sehen wir denn Ihre Tochter Lisa-Marie, die als großes Talent gilt und beim A-Juniorenteam von HC Leipzig spielt, in der Nationalmannschaft?

Kretzschmar Das kann ich nicht sagen. Sie ist erst 16 Jahre alt und hat noch etwas Zeit. Wenn wir sie dort nie sehen, dann ist das auch nicht so schlimm. Sie hat sehr viel Spaß am Handball. Mal sehen, wohin ihr Weg führt.

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