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Torsten Jansen
Das letzte Hurra des Weltmeisters

Torsten Jansen: Das letzte Hurra des Weltmeisters
Seit Torsten Jansen im Sommer vom HSV Hamburg zum THW Kiel gewechselt ist, hat er keine einzige Minute gespielt. FOTO: dpa, Axel Heimken
Witzhelden/Kiel . Der Handballer aus Witzhelden war der stärkste deutsche Spieler beim WM-Triumph 2007. Auf seiner letzten Station, beim THW Kiel, plagen ihn rätselhafte gesundheitliche Probleme. Eine große Karriere nähert sich ihrem Ende. Von Martin Beils

Vielleicht haut es noch hin. Vielleicht hält die vermaledeite Wade. Vielleicht nominiert Trainer Alfred Gislason ihn ja doch für dieses Spiel am Sonntag. Torsten Jansen hofft. Es wäre ein Traum, wenn er mitspielen könnte im "Christmas-Fight", wie die Handballer des Bergischen HC die Partie gegen Jansens THW Kiel in der Kölner Lanxess-Arena etwas zu martialisch bezeichnet haben. "Ich trainiere", sagt Jansen knapp. Er will sich anbieten. Doch seit er im Sommer vom HSV Hamburg an die Ostsee gewechselt ist, hat er keine einzige Minute gespielt.

Es soll ein Fest in Köln werden. Dort, wo der deutsche Handball mit dem Gewinn des Weltmeistertitels gegen Polen fast neun Jahre zuvor seinen vorerst größten Tag hatte. 20.000 in der Halle und 16 Millionen Fernsehzuschauer waren damals Zeugen. Mehr als 11.000 Eintrittskarten hat der BHC für die Begegnung am Tag nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag verkauft.

Statt "Christmas-Fight" könnte die Überschrift auch "Die Rückkehr des Weltmeisters" lauten. Torsten Jansen - bei der WM 2007 mit einer Quote von 90 Prozent treffsicherer Schütze von Linksaußen sowie beim Strafwurf und trotz der vergleichsweise geringen Größe von 1,85 Meter herausragender Abwehrspieler - kommt in sein Wohnzimmer.

Nicht nur deshalb ist die Partie eine Reise in die Vergangenheit. Beim BHC bzw. bei der SG Solingen als einem seiner Vorgängervereine gelang Jansen vor mehr als 20 Jahren der Einstieg in den Profi-Handball. Florian Kehrmann, ein anderer Weltmeister, war Jansens Pendant auf dem rechten Flügel, der heutige Berliner Manager Bob Hanning ihr Trainer.

Heute feiert Jansen seinen 39. Geburtstag, am Abend spielt sein Klub gegen die Rhein-Neckar Löwen. Doch dieses Spitzenspiel kommt zu früh für ihn. Jansen erlebte zuletzt schwere Tage. Seit Monaten zieht er von Arzt zu Arzt, von Reha zu Reha, von Pontius zu Pilatus. Dabei sagt er über sich: "Ich bin kerngesund." Noch und nöcher haben ihn die Mediziner durchgecheckt - und nichts gefunden. Das Blut, die Zähne, die Organe - alles in bester Ordnung. Nur eben die rechte Wade macht nicht, was sie soll. "Ich bekomme keine Kraft mehr drauf." Seit März habe er "diese komische Wadengeschichte" immer wieder.

Im Sommertrainingslager in Herzogenaurach wurden die Schmerzen größer. Zunächst in der Wade, später auch an der Achillessehne. Die Ärzte diagnostizierten eine Bandscheibenvorwölbung. Jansen trainierte, näherte sich dem Leistungsniveau der Kollegen. Dann kamen Rückschläge. Jansen sagt: "Diese Situation ist das Unbefriedigendste, was man sich vorstellen kann." Aber auch: "Man muss die ganze Sache auch relativieren." Er sei ja gesund. Das ist nicht selbstverständlich nach mehr als 15 Jahren in den Mühlen von Bundesliga, Champions League, all den Turnieren mit der Nationalmannschaft "und allem Pipapo", wie er sagt.

Er war überrascht, als ihn im Frühjahr der Lockruf aus Kiel erreichte. Dann sagte er sich: "Aufhören kannst du immer noch." Die Aufgabe beim THW zog er einem Engagement als Jugendtrainer beim HSV vor. Er wäre "doch doof gewesen", wenn er die Chancen nicht genutzt hätte, auf der Zielgeraden der Karriere noch einmal beim führenden deutschen Klub zu spielen.

Es sollte seine letzte Saison im großen Handball werden. So war der Plan. Der Routinier sollte seinen zu Beginn der Saison am Kreuzband verletzten Weltmeisterkollegen Dominik Klein ersetzen und die Jungen in der Mannschaft mit Ruhe und Routine führen. Er wollte sich nicht in die Mannschaft drängen, betonte er in seinen ersten Tagen in Kiel, er wolle sich einordnen. So wie er es immer gemacht hat. In der Nationalmannschaft musste er zum Beispiel jahrelang hinter dem extrovertierten Stefan Kretzschmar anstehen, obwohl viele Experten deutliche Vorteile bei Jansen sahen. Doch die lauten, fordernden Töne waren seine Sache nie.

Eine große Laufbahn geht eher still zu Ende. Der Flügelspieler hat 178 Länderspiele bestritten. Er war Welt- und Europameister, Deutscher Meister und Champions-League-Sieger. Mehr geht kaum. Nur eine Szene befleckt diese Karriere: 2013 beging er einen Kopfstoß an einem Berliner Gegenspieler. Zehn Spiele Sperre und eine Geldstrafe von 15.000 Euro waren die Folge.

Jansen lebt im Norden Hamburgs. Er pendelt nach Kiel. Zum Training. Zur Behandlung. Zu Sponsorenterminen. Autogrammstunden in Supermärkten und Einkaufscentern, gesponserte Trainingseinheiten mit Jugendlichen. "Toto der Weltmeister" zieht immer noch.

Zwölf Jahre hat er beim HSV gespielt. Der Klub musste gerade Insolvenz anmelden. "Das tut weh", sagt er, "ich habe zu vielen der Jungs ja noch guten Kontakt." Hamburg ist dem Handballer, der in Leichlingen zum Gymnasium ging und beim TV Witzhelden mit dem Sport anfing, längst zum Lebensmittelpunkt geworden. Ihm und seiner Frau Anke. Die vier Kinder - Hanna (8), Ida (7), Elin (4) und Are (2) sind sein Ein und Alles. "Noch mehr Kinder wären nicht schlecht", sagt er. Allerdings nur im Spaß und um zum Ausdruck zu bringen, wie wohl er sich in seiner Schar fühlt. "Man denkt: Ob vier oder fünf Kinder, das ist ja egal. Aber gerade wenn sie so dicht aufeinander folgen, ist das doch eine Nummer."

Auf die Frage, ob es ihm schwerfalle aufzuhören, entgegnet er: "Wem fällt das nicht schwer?" Und was kommt im Sommer, wenn sein Vertrag ausläuft? Einige Ideen für die Zeit nach der Karriere schwirren ihm im Kopf herum, doch konkret ist noch nichts. Jansen hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen, ein Fernstudium in Politik und Geschichte nicht. Er war und ist Handball-Profi. Im Laufe der Jahrzehnte hat er gutes Geld verdient, "wir haben sparsam gelebt". Ferien in Schweden, am Siljansee - das ist für die Familie das Größte.

Demnächst also Jugendtrainer? "Vielleicht genieße ich aber auch erst mal die Zeit bei meiner Familie und hantiere im Garten herum. Und meine Frau könnte arbeiten." Sie ist Diplompädagogin und hat sich die letzten neun Jahre um die vier Kinder gekümmert.

Jansen sagt: "Es ist alles schön."

Quelle: RP
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