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Zoff um Handball-Regel
Der verflixte siebte Mann

Zoff um Handball-Regel: Der verflixte siebte Mann
Alfred Gislason hält von der Regel überhaupt nichts. FOTO: dpa, skh fpt hjb kno
Düsseldorf. Seit dieser Saison braucht der für den Torhüter eingewechselte Feldspieler nicht mehr ein Extra-Leibchen tragen. Eine Regeländerung, die viel Kritik hervorruft. Würfe ins leere Tor steigern nicht die Attraktivität des Spiels. Von Eckhard Czekalla

Es war ja gut gemeint. Das Handballspiel sollte attraktiver werden. Die von der Regelkommission des Weltverbandes (IHF) mit dem früheren Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Prause an der Spitze geschaffene Realität sieht jedoch anders aus. Kiels Meistertrainer Alfred Gislason spricht von "Sabotage an der Sportart". Viktor Szilagyi, angesichts zahlreicher Verletzungen beim Bundesligisten Bergischer HC neben dem Job des Sportlichen Leiters auch wieder als Aktiver unterwegs, betont: "Es gibt keinen Spieler, der diese Regel mag." Gislason ergänzt: "Ich kenne auch keinen Trainer."

Dass für den Torhüter ein Feldspieler eingewechselt werden kann, ist nicht neu. Seit dieser Saison muss dieser allerdings nicht mehr gekennzeichnet sein. Der Vorteil: Jeder Feldspieler kann nun im Tausch mit dem Torhüter zurück auf die Bank. Der Nachteil. Viel zu oft schaffen es die Schlussleute nicht mehr in ihr zwei Meter hohes und drei Meter breites Tor. Ohne großen Aufwand und Gegenwehr kann der Gegner nach der Balleroberung einen Treffer erzielen.

"Es ist unglaublich unattraktiv für die Zuschauer. Es sollte nicht im Sinn des Spiels sein, ständig Würfe auf ein leeres Tor zu bekommen", sagte Kiels Schlussmann Andreas Wolff. Der Europameister war in der Partie gegen den Bergischen HC nach 23 Minuten (Spielstand 12:9) der Toptorjäger seines Teams. Dreimal hatte er getroffen. Am Ende hatte Kiel beim 31:25 den Ball elfmal (!) im leeren Tor versenkt.

Blaue Karte - neue Regeln für die Handballer

"Mit dieser Regel hast du 90 Prozent der Taktik gelöscht", kritisierte Kiels Coach Gislason. Für Sebastian Hinze, Trainer des Bergischen HC, nimmt diese Neuerung den Akteuren die Kreativität. Beim Spiel "zu siebt gegen zu sechs" gehe es nur noch um zwei Entscheidungen. "Wenn ich einen Gegenspieler vor mir habe, passe ich den Ball weiter, wenn nicht, werfe ich aufs Tor", erklärt Hinze. In Schablonen denken statt individuelle Qualitäten entwickeln - ein Rückschritt für den Handballtrainer.

Hinze mag die modifizierte Regel nicht. Aber er nutzt sie, weil ihre Anwendung erfolgreich sein kann. Allerdings ist der Druck auf die eigene Mannschaft groß. Ein Fehlpass oder Fehlwurf - und der Gegner hat oft freie Bahn. Auch die Hoffnung, das Spiel werde schneller, hat sich nicht erfüllt. Laut Gislason fährt der THW schon mal bis zu zehn Angriffe weniger pro Halbzeit. Es dauert, bis die Angreifer ihre Formation eingenommen haben, und es dauert oft sehr lange, ehe die Schiedsrichter Zeitspiel anzeigen und ahnden.

Ein weiterer Effekt ist, dass der Vorteil, bei einer Zeitstrafe des Gegners mit einem Mann mehr in der Abwehr agieren und dadurch die Räume enger machen zu können, wegfällt, wenn der Torhüter durch einen beliebigen Feldspieler ersetzt werden kann. "Wir sollten jetzt mal ein halbes Jahr abwarten", sagte Frank Bohmann. Dann, so der Geschäftsführer der Bundesliga (HBL), müsse man Bilanz ziehen und sehen, ob das Handballspiel attraktiver und besser geworden ist. In Dänemark sei man von der Neuerung überhaupt nicht angetan. Man könnte eine von den IHF-Vorgaben abweichende Durchführungsbestimmung erlassen, aber das sei nicht im Sinne der Sache. "Wir müssen eine gemeinsame Position in allen Ligen haben", betonte Bohmann.

"Warum", fragte nicht nur Stefan Kretzschmar, "muss man unsere Sportart so verändern?" Handball sei das Spiel "sechs gegen sechs", und der Torwart sollte den Torraum nicht verlassen dürfen, forderte der ehemalige Nationallinksaußen und heutige TV-Experte.

Übrigens: In der offiziellen Torschützenliste der HBL werden zwar 250 Spieler aufgeführt, aber Torhüter wie Wolff nicht. Er hat immerhin schon vier Treffer erzielt.

Quelle: RP
 
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