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Interview mit BVB-Spieler
"Mickis" neue Freiheit: "Ich genieße es"

Fotos: Henrich Mchitarjan vergibt Großchance gegen Gladbach
Fotos: Henrich Mchitarjan vergibt Großchance gegen Gladbach FOTO: dpa, hak
Bad Ragaz. Für Borussia Dortmund wird es am Donnerstagabend ernst: Das erste Pflichtspiel der Saison in der Europa League steht an. Dabei steht vor allem auch Henrich Mchitarjan im Fokus. Der Trainerwechsel beim BVB kommt für den Armenier zur rechten Zeit. Von Robert Peters

Henrich Mchitarjan (26) baut erst einmal die Lobby des Grand Resort in Bad Ragaz ein bisschen um. Einen Sessel zieht er näher zum Fenster, einen anderen holt er vom Nebentisch. Erst als die Sitzgruppe passt, beginnt das Gespräch. Nach dem Interview führt er die Möbel an ihren ursprünglichen Standort zurück. Erster Eindruck: gut erzogen.

Herr Mchitarjan, wie sprechen wir Sie an?

Mchitarjan In Armenien sagen alle Henno, hier Micki. Ich finde, Micki geht.

Sie haben schon viel Leid gesehen. Als Sie mit sieben Jahren aus Frankreich zurück nach Armenien kamen, tobte dort der Bürgerkrieg.

Mchitarjan Wir sind alle froh, dass wir es überlebt haben. Das waren harte Zeiten für ganz Armenien. Heute ist alles anders. Ich bin stolz, wie das Land überlebt hat.

Es waren nicht nur wegen des Kriegs schwierige Zeiten. Mchitarjans Vater, ebenfalls Fußballprofi, starb unmittelbar nach der Rückkehr der Familie an einem Hirntumor. Sein Sohn setzte alles auf den Fußball. Als 17-Jähriger spielte er in Armeniens erster Liga, dann ging er nach Donezk in die Ukraine.

In Ihrem Heimatland sind Sie ein großer Star. Haben Sie sich das als Siebenjähriger manchmal vorgestellt?

Mchitarjan Natürlich habe ich davon geträumt, das tut ja jedes Kind. Aber ich habe gemerkt: Wenn du etwas unbedingt willst, dann kann alles geschehen.

Es gibt da ein Bild, das Sie als Heranwachsenden zeigt. Sie tragen das Dortmunder Trikot.

Mchitarjan Damals war das ein Zufall. Wenige Klubs konnten die Spieler ausstatten. So wurde immer wieder etwas gespendet. Ich hatte Trikots vom BVB, von der niederländischen Nationalmannschaft, von der deutschen Nationalmannschaft. Auf jeden Fall war das Dortmunder Trikot ein glückliches Shirt. Mit ihm habe ich gewonnen.

Mchitarjan hat oft gewonnen. Er war schneller als seine Mitspieler, hatte das bessere Ballgefühl, er schoss viele Tore. Und er hatte ein großes Vorbild.

Mchitarjan In meiner Familie war immer Fußball, ich habe Fußball gespielt, und ich habe Fußball geguckt. Und Zinedine Zidane war mein großes Vorbild. Ich habe mir immer wieder einen Film über die französische Nationalmannschaft angeschaut, manchmal mehrmals am Tag. Dabei habe ich wichtige Dinge gelernt, zum Beispiel, wie man sich als Profi außerhalb des Platzes verhalten muss. Ich bin sehr froh darüber.

Gab es für Sie denn da mal Schwierigkeiten?

Mchitarjan Außerhalb nie, meine Schwierigkeiten hatte ich immer auf dem Platz.

So wie in Ihrer ersten Zeit in Dortmund?

Mchitarjan Ja, da war am Anfang dieser Druck. Der Verein hatte einen hohen Preis gezahlt (27,5 Millionen Euro/d. Red.). Es hat ein halbes Jahr gedauert, in den Zeitungen wurde über die Erwartungen geschrieben. Heute fühle ich mich frei, und ich lese nicht mehr so viel.

Das glaubt er natürlich selbst nicht. Und weil ein leises Lächeln über sein Gesicht huscht, muss man es auch nicht glauben. Wie alle sensiblen Fußballer ist Mchitarjan immer auf der Suche nach Bestätigung - auch in den Medien.

Sie kamen nach dem Abgang von Mario Götze. War das eine Belastung?

Mchitarjan Man kann Spieler nicht ersetzen, keiner kann das. So ist ja das Fußballleben. Einer geht, ein anderer kommt. Wir sind unterschiedliche Typen. Das war mir klar. Aber sicher war Dortmund schon ein ganz anderes Level.

Ihr früherer Trainer Jürgen Klopp hat gesagt, Sie beschäftigten sich während des Spiels zu sehr mit Ihren Fehlern.

Mchitarjan Das war früher. Heute weiß ich, dass es sofort weitergehen muss. Es gibt keine Zeit, sich während des Spiels mit Fehlern zu befassen. Das habe ich gelernt.

Lange sah das nicht so aus. Es dauerte bis in die Schlussphase der vergangenen Saison, bis der Armenier auf dem Platz keine Pausen verzweifelter Grübeleien mehr einlegte.

Was haben Sie denn schon von Ihrem neuen Trainer Thomas Tuchel gelernt?

Mchitarjan Wir spielen einen anderen Fußball, es gibt neue Übungen, ich genieße es. Wir haben viel Spaß. Aber auf dem Platz habe ich jetzt keine grundsätzlich neuen Aufgaben.

Sie haben in Dortmund mal Extraklasse gespielt, mal - vorsichtig ausgedrückt - nicht so gut. Wie bekommt man da Kontinuität hin?

Mchitarjan Mein Job ist es, Fußball zu spielen. Ich weiß immer am besten, ob ich gut oder schlecht war. Ich weiß das nach jedem Spiel. Und ich erwarte viel von der neuen Saison, auch von mir. Ich hoffe, sie wird viel besser.

Es sieht ganz danach aus. Mchitarjan scheint mit Rückenwind in die Spiele zu gehen. Beim 2:0-Testspielsieg über Juventus Turin lieferte er eine ganz starke Vorstellung ab. Heute Abend (21.05 Uhr/Sport 1)) will er diesen Eindruck im Hinspiel der Europa League-Qualifikation beim Wolfsberger AC bestätigen.

Sie sollen sich mit Trainer Tuchel vor der Saison getroffen haben.

Mchitarjan Das stimmt, wir haben uns getroffen. Wir haben über Fußball gesprochen, er wollte wissen, was ich denke. Das war ein sehr positives Gespräch.

Wissen Sie nun, auf welcher Position Sie spielen werden?

Mchitarjan Grundsätzlich spiele ich auf jeder Position, auf der ich gebraucht werde. Aber ich habe meinen Platz ja nicht sicher in der Mannschaft, ich muss ihn mir immer wieder verdienen.

Haben Sie eigentlich in Ihrer Jugend mal eine Lieblingsmannschaft gehabt?

Mchitarjan Ich hatte viele Lieblingsmannschaften. Am meisten aber mag ich die guten Spiele, den guten Fußball.

Beim Stichwort "guter Fußball" leuchten seine Augen regelrecht. Man kann sich gut vorstellen, jetzt noch ein Stündchen über alle Schönheiten des Sports zu plaudern. Aber Mchitarjan muss weiter, zum Training. Das beginnt mit dem üblichen "Acht-gegen-Drei-Spiel" im Kreis. In die Mitte muss Mchitarjan kaum einmal, dafür ist er an diesem Tag einfach zu gut. Das verschlechtert die Laune natürlich nicht. Der Mann hat Spaß. Das sagt er nicht nur so dahin.

Quelle: RP
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