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French Open in Paris: Duell der belgischen Teufelinnen: Hingis unter Strom: Gegen Capriati und die Franzosen

zuletzt aktualisiert: 06.06.2001 - 13:10

Paris (rpo). Es wird möglicherweise eine Reise in die Vergangenheit. Wenn Martina Hingis am Donnerstag in Paris zum Halbfinale der French Open antritt, bekommt sie es gleich mit zwei Gegnern zu tun. Zum einen spielt die 20 Jahre alte Schweizerin im vorweggenommenen Endspiel gegen die Amerikanerin Jennifer Capriati, zum anderen gegen 16.500 Franzosen.

Seit dem denkwürdigen Endspiel 1999 gegen Steffi Graf, als Martina Hingis nur drei Bälle vom ersten French Open-Titel entfernt war und danach weinend in den Kabinen verschwand, ehe ihre Mutter sie dazu brachte, zur Siegerehrung auf den Platz zurückzukehren, mögen die Franzosen die Weltranglisten-Erste nicht. Wenn sie die Augenbrauen hochzieht, pfeifen sie, wenn sie einen Ballabdruck vom Schiedsrichter überprüfen lässt, pfeifen sie noch mehr.

Im Viertelfinale gegen die Italienerin Francesca Schiavone (6: 1, 6:4) band sich Hingis einmal die Schnürsenkel, schon reagierte das Publikum mit Pfiffen. Im Match davor gegen Sandrine Testud (6: 1, 2:6, 6:2) flog sogar ein Ei auf den Platz, landete allerdings in der Hälfte der Gegnerin. "Es hat ja keiner auf mich geworfen, deshalb kümmere ich mich nicht darum", beruhigte sich Hingis später selbst. Dennoch sind auch ihr die Franzosen suspekt: "Sie suchen immer nach irgendetwas. Trotzdem nehme ich es nicht persönlich. Sie machen es ja auch mit anderen Spielern."

Auch gegen Capriati werden die Sympathien eindeutig verteilt sein. Zum zweitenmal nach 1990, als sie als 14-jähriges Mädchen mit Zahnspange nach Paris kam und die Herzen der Franzosen im Sturm eroberte, steht die heute 25-jährige Amerikanerin im Halbfinale der French Open. Die Erinnerungen an damals sind längst verblasst, auch das Wunderkind von einst weiß nur noch, "dass mir damals alles sehr leicht fiel."

Damals verlor "Jenny-Baby" gegen die spätere Siegerin Monica Seles, diesmal aber gilt sie als Favoritin. Zwar liegt Capriati im direkten Vergleich gegen Hingis 2:5 zurück, die letzten beiden Spiele aber gewann sie deutlich: Das Finale der Australian Open 6: 4, 6:3, das Finale von Charleston/USA 0:6, 6:4, 6:4. "Ich musste hart arbeiten, um so weit zu kommen, das macht die Erfolge noch süßer für mich", sagte Capriati nach dem 6:2, 5:7, 6:2 gegen Serena Williams. "Alles ist anders als damals. Ich bin viel älter, habe bereits einen Grand Slam und bin voller Selbstvertrauen. Dass ich die letzten zwei Mal gegen Martina gewonnen habe, ist sicher ein Vorteil für mich."

Seit zweieinhalb Jahren hat Hingis keinen Grand Slam-Titel mehr gewonnen, zum fünftenmal in Folge steht sie im Halbfinale von Roland Garros, aber immer noch wartet sie auf den ersten Sieg. Damit es dieses Mal auch sicher klappt, hat sie diesmal auf die Teilnahme am Doppel verzicht und nach der Trennung Ende März ihre Mutter Melanie Molitor als Trainerin zurückgeholt. "Ich hätte keine bessere Entscheidung treffen können. Sie nimmt mir vieles ab, nicht einmal den Wecker muss ich stellen. Sie feilt an meiner Technik, sie gibt mir Selbstvertrauen - und ich kann mich auf Tennis konzentrieren."

Belgiens "rote Teufelinnnen"

Die Tenniswelt staunt über die "roten Teufelinnen", und ganz Belgien feiert ein sporthistorisches Ereignis bei den French Open. Erstmals in seiner Geschichte wird das kleine Land einen Endspiel-Teilnehmer bei einem Grand-Slam-Turnier stellen. Kim Clijsters oder Justine Henin werden am Samstag auf dem Court Central von Roland Garros gegen die Weltranglisten-Erste Martina Hingis oder Australian-Open-Siegerin Jennifer Capriati um die "Coupe Suzanne Lenglen" spielen. "Ein zu 100 Prozent belgisches Halbfinale: Wie wahre Schokolade", schwärmt die Zeitung "La Derniere Heure".

Am Donnerstag wird wie schon zum Viertelfinale ein Teil der königlichen Familie mit Kronprinz Philippe an der Spitze erwartet. "Wir spielen für ein Volk", sagt die in Lüttich geborene und im wallonischen Marloie wohnende Justine Henin. Kim Clijsters stammt dagegen aus der zu Flandern gehörenden Provinz Limburg, dem anderen Teil des zehn Millionen Einwohner zählenden Landes.

Doch beiden liegt Feindschaft wegen unterschiedlicher Sprache oder Kultur fern. Im Gegenteil: Als Justine Henin am vergangenen Freitag ihren 19. Geburtstag feierte, bekam sie von ihrer Freundin Kim und deren Verlobten - dem australischen Jungstar Lleyton Hewitt - einen Pullover geschenkt. Zum 18. Geburtstag von Kim Clijsters an diesem Freitag wird sich Henin etwas einfallen lassen.

Am Donnerstag wird der schmächtige Blondschopf keine Geschenke verteilen. Für Steffi-Graf-Fan Justine Henin zählt ein Versprechen an ihre tote Mutter: "Als Monica Seles 1992 Steffi Graf im Endspiel geschlagen hat, saß ich mit Mama in einer Loge und habe gesagt: Eines Tages werde ich dort spielen. Ich denke, dass sie immer noch sehr gut weiß, was ich jetzt tue." Schon vor zwei Jahren durfte die Juniorensiegerin von 1997 auf den Court Central und brachte bei ihrem Grand-Slam-Debüt Lindsay Davenport an den Rand einer Niederlage.

13 Siege nacheinander feierte Justine Henin am Jahresanfang, gewann die Turniere in Gold Coast und Canberra, scheiterte im Achtelfinale der Australien Open aber ebenso wie Kim Clijsters. Bei den German Open knickte sie im Halbfinale gegen Jennifer Capriati im dritten Satz um, doch die Knöchelverletzung ist verheilt.

Kim Clijsters hat die Finalteilnahme von Indian Wells als bestes Resultat des Jahres auf dem Konto und bezwang auf dem Weg dahin Justine Henin im dritten Anlauf zum ersten Mal. Im Doppel verlor sie in Paris aber gegen ihre Freundin. Vor ihrem 1999 gegen Steffi Graf verlorenen Achtelfinale in Wimbledon konnten eher deutsche Fußball- Experten etwas mit ihrem Zunamen anfangen. Vater Leo Clijsters war Nationalspieler und 1988 Belgiens "Fußballer des Jahres".

"Er hat sich um alles für mich gekümmert, deswegen bin ich mit der ganzen Talentschule nicht so vertraut", sagt Kim Clijsters. Die Tochter einer belgischen Kunstturn-Meisterin erklärt aber: "Wir haben gute Einrichtungen, wir haben zwei Verbände. Es gibt viele Talente, die hoffentlich jetzt zusätzlich motiviert sind." Und von Montag an erstmals zwei Belgierinnen unter den Top Ten bewundern können.

Der belgische Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die jetzige TV- Kommentatorin Sabine Appelmans und Dominique van Roost standen 1997 im Viertelfinale der Australian Open. Filip Dewulf erreichte im selben Jahr das Halb- und 1998 das Viertelfinale von Paris. Justine Henin hat die wallonische der beiden Jugendakademien durchlaufen. Ihr jetziger Coach Carlos Rodriguez hat als zusätzliche Hilfe einen ihrer beiden ersten Trainer einfliegen lassen: Er kennt Justine Henin schon seit ihrem sechsten Lebensjahr.

Quelle: RPO Archiv

 
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