Deutschland steht im Daviscup-Viertelfinale: In der nächsten Runde gegen Australien
zuletzt aktualisiert: 06.02.2000Leipzig (sid). Deutschlands Daviscup-Team steht erstmals seit zwei Jahren wieder im Viertelfinale der Weltgruppe. Beim 4:1-Triumph in der ersten Runde gegen die Niederlande in Leipzig sorgte der souveräne "Zwei-Punkte-Mann" Tommy Haas mit einem 6:2, 6:2, 6:3 gegen Sjeng Schalken am Sonntag für die entscheidende 3:1-Führung und baute seine beachtliche Daviscup-Bilanz auf 9:1 aus. Der nächste deutsche Gegner wurde in Zürich zwischen der Schweiz und Titelverteidiger Australien ermittelt. Die Australier setzten sich mit 3:2 durch.
Am Samstag hatten die beiden Rekonvaleszenten Marc Goellner (Handgelenkverletzung) und David Prinosil (Achillessehnen-Operation) die deutsche Mannschaft durch ein 4:6, 6:3, 7:6 (7:3), 6:3 im Doppel gegen Jan Siemerink und Paul Haarhuis in Führung gebracht. Haas hatte zum Auftakt am Freitag durch einen Viersatzsieg gegen John van Lottum den ersten Punkt gemacht, Nervenbündel Rainer Schüttler durch die Niederlage gegen Schalken allerdings den Ausgleich kassiert. Den Schlusspunkt setzte Prinosil mit 6:3, 6:3 im bedeutungslosen letzten Einzel gegen van Lottum.
Nach dem Matchball trugen Goellner und Prinosil den neuen deutschen Daviscup-Helden Tommy Haas auf ihren Schultern durch die Halle und ließen sich von den Fans feiern. "Es ist für mich eine Ehre für Deutschland zu spielen und zu gewinnen. Es macht mir Riesenspaß und ist etwas ganz Besonderes", sagte Haas, der den ersten Matchball gegen Sjeng Schalken nach 1:56 Stunden verwandelte. Team-Kapitän Carl-Uwe Steeb meinte: "Das war ein Triumph der Mannschaft und eine Super-Leistung von Tommy."
Für den erstmals alleine verantwortlichen Carl-Uwe Steeb war Leipzig trotz des allgegenwärtigen Boris Becker ein voller Erfolg. Georg von Waldenfels, der Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB), bestätigte am Sonntag, dass der Verband eine langfristige Zusammenarbeit mit dem 32-jährigen plant. "Wir haben uns ganz klar für Charly Steeb entschieden, er genießt unser aller Vertrauen", erklärte der entscheidungsfreudige DTB-Boss. Becker soll dabei kein Hindernis sein: "Herr Steeb ist selbstbewusst genug, um sich in seiner Rolle zu etablieren, aber auch ein Boris Becker auf der Tribüne ist gut für die Mannschaft. Alles zusammen halte ich für eine gelungene Kombination."
Noch nicht hundertprozentig gelungen ist die Kombination innerhalb der Mannschaft, in der Tommy Haas nach wie vor die einzige feste Größe ist. Wie sein Freund und Mentor Boris Becker, der von seinen 41 Daviscup-Einzeln nur drei verlor, so wird auch Haas immer mehr zum verlässlichen Erfolgsgaranten. "Er ist derjenige, um den es geht", sagte Becker über den 21-Jährigen, den er nach eigenen Worten "eigentlich schon seit Jahren sportlich berät". Wie einst Becker, so rettet sich auch Haas aus kritischen Situationen eiskalt mit einem Ass und lässt sich selbst von einem scheinbar aussichtslosen Rückstand nicht entmutigen. "Wer so spielt, gewinnt große Turniere", sagt Becker, der dem Youngster eine große Zukunft voraussagt.
Das Problem des zweiten Einzelspielers wird Steeb und den DTB dagegen auch in Zukunft begleiten. Dass Rainer Schüttler nervlich nicht in der Lage ist, dem Druck im Daviscup Stand zu halten, stellte er bei seiner kläglichen Niederlage gegen Schalken unter Beweis. Schon bei seinem Daviscup-Debüt im September 1999 in Bukarest hatten in Schüttlers Match gegen Andrei Pavel die Nerven und das Handgelenk blockiert, der sympathische Hesse ist keiner, auf den in einer kritischen Situation Verlass ist. Fraglich scheint, ob Trainer Dirk Hordorff Schüttler die nötigen Impulse auf dem geplanten Weg nach oben vermitteln kann.
Fraglich ist auch, wie schlagkräftig das Doppel Goellner/Prinosil auf Dauer sein kann. Zwar zeigte Prinosil bei seinem ersten Match nach dreimonatiger Tennispause am Samstag eine grandiose Leistung, doch profitierten er und der deutlich schwächere Goellner dabei auch von den Fehlern ihrer Gegner. "Es hat mich nervös gemacht, zum ersten Mal nach langer Zeit wieder vor einer deutschen Kulisse Daviscup zu spielen", erklärte Goellner sein wechsel- und fehlerhaftes Spiel.
Dennoch will der DTB davon absehen, mit dem rebellischen Nicolas Kiefer Kontakt aufzunehmen. "Er ist sportlich erste Wahl, und ich bin auch nach wie vor gesprächsbereit, aber Kiefer hat die Tür zugeschlagen, und deshalb muss er sie auch wieder öffnen", erklärte von Waldenfels unmissverständlich: "Ich erwarte von ihm zumindest ein normales soziales Verhalten." In jedem Fall will der DTB spätestens im Herbst wissen, welche Spieler für den Daviscup 2001 zur Verfügung stehen und zu diesem Zweck Verträge mit den Spielern abschließen, in denen diese schriftlich ihre Bereitschaft erklären.
Vielleicht wäre der DTB auch gut beraten, junge Spieler künftig früher an die große Aufgabe Daviscup heranzuführen. Junioren wie der hochtalentierte Münchner Maximilian Abel könnten sich beispielsweise als Sparringspartner der Mannschaft ohne Druck mit dem besonderen Daviscup-Ambiente vertraut machen. "Wenn Australien oder Frankreich ein Heimspiel haben, sitzen bis zu zehn junge Spieler in offizieller Teamkleidung in der Box", sagt Boris Beckers früherer Trainer Günter Bosch: "Über diesen Weg sollte auch der DTB nachdenken."
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