22-Jähriger Entdeckung des Giro: "Italien hat neuen Radstar"
zuletzt aktualisiert: 27.05.2004 - 11:19Bruneck/Hamburg (rpo). Er ist gerade einmal 22 Jahre jung, doch er hat das Feuer der Radsport-Tifosi neu entfacht: Damiano Cunego hat die Herzen seiner Landsleute mit drei Etappensiegen beim Giro, viel Charme und seinem jugendhaften Lachen im Sturm erobert.
Drei Monate nach dem Tod ihres Lieblings Marco Pantani hat die Rad-Nation Italien in dem jungen Veroneser offenbar schon den Nachfolger des im Februar verstorbenen "Piraten" entdeckt.
Auf der 17. Etappe von Bruneck nach Fondo trug Cunego am Donnerstag zum siebten Mal das Rosa Trikot des Spitzenreiters. Bei der Fahrt durch die Dolomiten sorgte der Youngster vom Saeco-Team wie an den Tagen zuvor für große Begeisterung an der Strecke. "Cunego lässt Pantanis Mythos aufleben", schrieb die Gazzetta dello Sport. Und auch La Repubblica verkündete: "Italien hat einen neuen Radstar."
Die Vergleiche mit dem Giro- und Tour-de-France-Sieger von 1998 weist Cunego zurück. "Pantani war ein großer Champion. Ich stehe noch am Anfang", sagt der Kletterspezialist, der mit seinem kämpferischen, bisweilen ungestümen Fahrstil tatsächlich ein wenig an seinen berühmten Landsmann erinnert.
Viele trauen Cunego sogar schon den Giro-Gesamtsieg zu - in einem Alter, in dem dies nur den ganz Großen gelang: Fausto Coppi, Gino Bartali und Giuseppe Saronni, die ebenfalls noch keine 23 Jahre alt waren, als sie die Italien-Rundfahrt erstmals gewannen. Sein Mannschaftskapitän Gilberto Simoni hat die "Gefahr" im eigenen Lager jedenfalls längst erkannt: "Ich muss mich vor ihm in Acht nehmen", erklärte der Girosieger von 2001 und 2003: "Aber es überrascht mich nicht, denn ich habe geahnt, dass Damiano riesiges Potential hat."
Der so Gelobte zeigt sich derweil unbekümmert und gibt die Komplimente höflich zurück: "Gilberto ist ein großer Kapitän. Ich bin hier um zu helfen und zu lernen." Doch bei aller Bescheidenheit des Newcomers ist die Entscheidung über den Sieg längst auch eine Frage der Stallorder bei Saeco, denn außer dem 32-jährigen Simoni scheint ihn niemand sonst gefährden zu können.
Und das, obwohl sich Cunego erst relativ spät für den Profi-Radsport entschied; bis zu seinem 16. Lebensjahr spielte er Eishockey und gehörte als Cross-Läufer sogar dem italienischen Nachwuchs-Kader an. Nach seinem Wechsel in den Rennsattel folgte allerdings ein steiler Aufstieg. Schon ein Jahr später wurde er 1999 in seiner Heimatstadt Verona Straßen-Weltmeister der Junioren. Anfang 2002 nahm ihm dann Saeco unter Vertrag.
Zwölf Siege feierte der Rockmusik-Fan und glühende Verehrer des legendären Doors-Sängers Jim Morrison bislang als Profi - allein acht in diesem Jahr. Vor seinen Giro-Tageserfolgen gewann er im April innerhalb von nur zwölf Tagen zwei Etappen und das Gesamtklassement der Trentino-Rundfahrt, die Appennin-Rundfahrt sowie den Grand Prix Larciano.
Ob Cunego schon das Zeug hat, auch am Sonntag in Mailand ganz oben auf dem Podium zu stehen, wird sich zeigen. In seiner Heimat sind sie sich sicher, dass er bald den Radsport-Thron besteigen wird. Schließlich ist im Veroneser Dialekt Cunego der "König".
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