Econ-Buch schon Bestseller / "Größten Druck mache ich mir selbst": Jan Ullrich: "Ganz oder gar nicht!"
zuletzt aktualisiert: 25.06.2004 - 14:03Köln (rpo). Tief in den Wäldern von British Columbia entschloss sich Jan Ullrich Anfang Juli 2002 zur inneren Umkehr. Wenige Tage zuvor war er am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt, hatte vor laufenden Kameras zugegeben, unerlaubte Tabletten geschluckt zu haben. Vor der Tour de France 2004 präsentiert sich der Öffentlichkeit ein völlig neuer Ullrich.
Am 6. Juli vor zwei Jahren befand er sich auf der Flucht. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere. Kurz zuvor hatte Deutschlands Radstar vor laufenden Kameras und Mikrofonen in Frankfurt die Einnahme unerlaubter Tabletten gestanden, sechs Monate Dopingsperre sollten folgen. Nun war er auf dem Flug nach Kanada, mit Lebensgefährtin Gaby Weis an seiner Seite, aber innerlich getrennt: "Ich hatte furchtbare Angst, dass sie mich nicht mehr wollte."
Zwei Tage später begann sein zweites sportliches Leben. "Jetzt geht es wieder richtig los - 8.7.02 - Jan Ullrich", schrieb der 28-Jährige auf das Etikett einer "sündhaft teuren" Rotweinflasche. In den Wäldern von British Columbia hatte er sich zur inneren Umkehr entschlossen.
"Diese Krise überstieg meine Kräfte. Aber ich war schon immer ein Kämpfer, und als ich mich doch zum Comeback entschloss, habe ich mir gesagt: Ganz oder gar nicht", sagte er in Köln bei der Vorstellung seiner Autobiographie, die auch diesen Titel trägt, eine Woche vor dem Start zur Tour de France.
Erwartungen kein Problem
Noch nie ist er mit so schmalen Wangen und voll austrainiert in eine Frankreich-Rundfahrt gegangen: "Ich will die Tour noch einmal gewinnen, sonst würde ich meinen Neustart als unvollständig empfinden." Die Erwartung der Öffentlichkeit ist dabei für ihn kein Problem: "Den größten Druck mache ich mir doch selbst."
Er selbst hatte den Anstoß zu dem Buch gegeben, wollte sich seinen tiefen Absturz "von der Seele reden, bei der Wahrheit bleiben und dabei auch an persönliche Grenzbereiche gehen". Die große Krise hatte 2002 mit zwei Knieoperationen begonnen: "Mit zehn Jahren habe ich mein erstes Rennen bestritten und es gleich gewonnen. Seitdem hatte ich sechsmal auf dem Rad die Erde umrundet, nun konnte ich ein Jahr lang nicht mehr in den Sattel steigen."
Heilsamer Schock
In ungewöhnlich offener Form gesteht der gebürtige Rostocker seine folgenden Trink- und Porsche-Eskapaden bis zum Unfall unter Alkoholeinfluss und den Aufputschpillen bei einem der zahlreichen Discobesuche. Erst die positive Dopingprobe wurde zum heilsamen Schock.
Aufgezeichnet hat die sehr persönlichen Erzählungen Hagen Boßdorf, ARD-Sportkoordinator und langjähriger Wegbegleiter, der dennoch nie die kritische Distanz des Journalisten verloren hat: "Selbst für mich war vieles neu", sagt der Kenner der Szene. Zum Beispiel, dass Ullrichs Sucht nach Schokolade davon kommt, dass er von seinem älteren Bruder schon als Baby damit gefüttert wurde.
Familie ist Thema Nummer eins
"Ich habe mich immer schwer getan, die Unterstützung anderer anzunehmen", bekennt Ullrich, dessen Vater nach Alkoholproblemen die Familie verließ, als Jan erst fünf Jahre jung war. Im Westen Kanadas aber öffnete sich der verschlossene Mecklenburger. Die Beziehung zu Gaby wurde gerettet, die 2003 geborene Tochter Sarah Maria trägt Ullrichs Namen, obwohl Gaby und er nicht verheiratet sind, und Jan schwärmt: "Die Familie ist für mich Thema Nummer eins."
Nun aber gilt alle Konzentration nur der Tour de France, die das Jahrhunderttalent 1997 als erster Deutscher gewann. Danach galt er bei aller Welt als Tour-Seriensieger der folgenden Jahre. Viermal ging er seitdem wieder an den Start, viermal - wie schon bei seinem Debüt 1996 - wurde er Zweiter, dreimal geschlagen von Armstrong.
"Ich fühle, dass ich Lance besiegen kann", sagt Ullrich: "Aber es geht nicht hauptsächlich um ihn. Ich respektiere ihn, aber ich möchte nicht wie er sein. Wir sind grundverschieden. Er will andere schlagen, ich mich selbst."
Vom 3. bis 25. Juli wird Deutschland das Duell wieder gebannt vor den Bildschirmen verfolgen. "Ein gefallener Held erhebt sich aus dem Staub, das hat beinahe spirituelle Bedeutung", war sich der frühere Telekomchef Ron Sommer bei der Buch-Präsentation sicher.
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