Davis Cup: Fernreise nach Australien statt Heimspiel: Keine guten Aussichten für das deutsche Team
zuletzt aktualisiert: 07.02.2000Leipzig (dpa). Als die improvisierte Team-Feier mit Hamburgern und Bier im feinen Mannschaftshotel längst ausgeklungen war, musste Carl-Uwe Steeb doch noch eine bittere Pille schlucken. Aus Zürich erreichte den deutschen Daviscup-Kapitän am späten Sonntagabend die Nachricht, dass die deutsche Tennis-Nationalmannschaft nach dem 4:1- Sieg gegen die Niederlande im Viertelfinale (7. bis 9. April) kein weiteres Heimspiel gegen die Schweiz bestreiten kann, sondern eine strapaziöse und wenig aussichtsreiche Fernreise nach Australien antreten muss. Mark Philippoussis hatte den Titelverteidiger mit seinem Fünfsatzsieg im entscheidenden Einzel gegen den Schweizer George Bastl vor einem Erstrunden-K.o. bewahrt, den bisher in der Daviscup-Geschichte nur drei Cupverteidiger erlitten hatten.
"Ein Heimspiel gegen die Schweiz hätte ganz andere Möglichkeiten eröffnet", stöhnte Steeb - sportlich wie finanziell. Jetzt wird in Adelaide voraussichtlich auf Rasen gespielt, und Steeb muss fürchten, dass der Gegner in zwei Monaten neben Aufschlag-Riese Philippoussis und dem aus Adelaide stammenden Jungstar Lleyton Hewitt vermutlich auch wieder auf den zweimaligen US-Open-Champion Patrick Rafter zurück greifen kann. Rafter dürfte bis dahin seine langwierige Schulterverletzung überwunden haben und könnte damit zumindest im Doppel dazu beitragen, die durch den Daviscup-Rücktritt des weltbesten Doppels Mark Woodforde/Todd Woodbridge entstandene Lücke zu schließen. So blieb dem 32-Jährigen spontan nur Zweckoptimismus: "Jedes Match ist lösbar."
2:3 lautet die Bilanz gegen Australien aus deutscher Sicht. Vor allem das letzte Duell ist noch in bester Erinnerung. 1993 führte ein überragender Michael Stich das DTB-Team in Düsseldorf zum 4:1- Finalsieg, bis heute der dritte und letzte deutsche Daviscup-Triumph. Schon damals dabei war Marc-Kevin Goellner, der seinerzeit zweiter Einzelspieler war.
Genau den muss Steeb bis Anfang April finden. Die Lösung wäre im Prinzip leicht, aber Nicolas Kiefer spielt bekanntlich in diesem Jahr nicht im Daviscup. "Das Thema ist abgehakt, ich kann es nicht mehr hören", gab Steeb zu. Bleibt Haas als einziger Hoffnungsträger im Einzel, "mein Team-Leader", so der Kapitän: "Und Goeller/Prinosil sind die absolute Nummer eins im Doppel." Wie trostlos die Suche nach einem zweiten Einzelspieler von Format derzeit aussieht, beweist die Tatsache, dass Steeb den in Leipzig erneut als Nervenbündel versagenden Rainer Schüttler nicht voreilig von der Kandidatenliste streichen wollte: "So kann man nicht den Stab über ihn brechen."
Darin kennt sich Steeb aus. Beim Debüt als allein verantwortlicher Kapitän wurde er doch wieder nur als "treuer Charly" und Boris Beckers Befehlsempfänger abgestempelt. "Blödsinn", nennt er diese Klischees, und Beckers erdrückende Omnipräsenz in Leipzig, die ihn wieder kaum Profil gewinnen ließ, stört ihn angeblich nicht. "Damit haben die Medien ein größeres Problem als ich", behauptet Steeb.
Dem 32-Jährigen waren am Sonntag die Strapazen der Woche deutlich anzusehen. Der Sieg stärkte seine schwache Position, das Lob von Haas ("Charly hat die ganze Woche einen großartigen Job gemacht") tat ihm ganz besonders gut. "Es ist schön, so etwas von den Spielern zu hören." Auch vom DTB kam Lob. "Die Spätzle-Connection funktioniert", betonte DTB-Sportwart Walter Knapper, wie Steeb ein Schwabe. Dieser bekommt wie versprochen seinen neuen Vertrag. Den langen Flug nach Australien kann der 32-Jährige aber nicht nur deswegen entspannt antreten: Dort erwartet niemand von ihm einen Sieg - und das Weltgruppen-Ticket für 2001 wurde schon in Leipzig gelöst.
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