Kritik von Fassbender: "Reißleine ziehen": Kiefer gewinnt Respekt
zuletzt aktualisiert: 30.05.2001 - 12:43Paris (rpo). Wieder mal hat Nicolas Kiefer ein Tennismatch verloren. Doch diesmal war vieles anders als sonst: Trotz der erneuten Schlappe gegen einen in der Weltrangliste schlechter platzierten Kontrahenten hatte sich der unglückliche deutsche Tennisprofi eines verdient: Anerkennung.
"Das Kämpferische ist wieder da, die Emotionen sind wieder da", sagte Kiefer nach der unglücklichen Niederlage gegen den Spanier Juan Balcells, der für den Holzmindener zweimal binnen sechs Tagen der personifizierte Albtraum war.
Die nackte Bilanz bei den French Open verschlechterte sich trotz des zähen, dreieinhalb Stunden langen Ringens gegen den Katalanen, der mit 8:6 im fünften Satz am Ende wie in Düsseldorf die Oberhand behalten hatte. Nunmehr fünf Niederlagen in Paris steht weiterhin nur ein Sieg gegenüber - 1998 gegen Thomas Haas.
Doch anders als zum Beispiel bei seinen Daviscup-Niederlagen gegen den Rumänen Andrei Pavel und den Niederländer Jan Siemerink tat Kiefer auf dem Court Nummer vier alles, aber auch wirklich alles, um das Match zu gewinnen: Er kämpfte und holte zwei Breaks im letzten Satz wieder auf. Er schimpfte, er schoss einen Ball Richtung "Court Suzanne Lenglen", wo sich zur gleichen Zeit Pete Sampras quälte, er meckerte auf den Schiedsrichter, er trat einen Schläger kaputt, er ließ den Oberschiedsrichter kommen - es nützte am Ende nichts, ein Doppelfehler zum 6:7 machte alle Bemühungen zunichte.
Die Doppel-Konkurrenz an der Seite von US Open-Sieger Marat Safin aus Russland ist für Kiefer der letzte Auftritt in der diesjährigen Sandplatzsaison. Als bestes Resultat steht für den 23-Jährigen das Viertelfinale von Mallorca zu Buche. Dazu kommt die Erkenntnis, nach etlichen Verletzungen wieder gesund zu sein. "Im letzten Jahr war ich verletzt und habe immer gedacht: Passiert bei diesem Schlag jetzt etwas oder nicht."
Ein verlorenes Jahr seien die vergangenen zwölf Monate nicht gewesen, befand der im Januar 2000 immerhin auf Platz vier der Weltrangliste notierte Niedersachse. "Ich bin reifer geworden und habe gelernt, dass die Gesundheit an erster Stelle steht", sagte Kiefer, der jetzt schon die siebte Woche hintereinander Turniere spielt und sich etwas schlapp fühlte. Auch zu zu Beginn des vierten Satzes gegen Balcells, als er den Physiotherapeuten kommen ließ. Es folgen nun die Rasenturniere in Halle und Wimbledon, dann ist Pause: "Ich bin froh, dass ich dann die Füße hoch legen kann", bekannte Kiefer, der weiterhin Zielscheibe von Kritik ist.
Sein ehemaliger Trainer Bob Brett hatte ihm im "Spiegel" vorgeworfen, nicht den Willen zu haben, "alles aus sich heraus zu holen". Der einstige deutsche Spitzenspieler Jürgen Fassbender forderte die Verantwortlichen beim Deutschen Tennis Bund (DTB) auf, "die Reißleine zu ziehen und dem jungen Mann einmal zu sagen, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt ist". Kiefer, der im Vorjahr nicht im Daviscup angetreten war, sollte "einfach einmal aus der Nationalmannschaft verbannt werden", forderte Fassbender im Karlsruher Radiosender "Die Welle".
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