Erste Runde überstanden: Kiefer: "Ich spiele nur für Madonna"
zuletzt aktualisiert: 27.06.2001 - 14:08London (rpo). Vor dem ersten Auftritt in Wimbledon ging Nicolas Kiefer noch einmal zum Friseur. Ganz kurz ließ er sich die Haare rasieren, Modell Carsten Jancker. "Ich wollte Ballast abwerfen", scherzte der fast 24-Jährige nach seinem Auftaktsieg bei den All England Tennis Championships über den Spanier Alex Calatrava.
Es passt geradezu symbolhaft zu dem Niedersachsen, der beim wichtigsten Tennisturnier des Jahres der große deutsche Hoffnungsträger ist. "Ich bin gesund, ich fühle mich fit, ich habe Spaß", erklärte Kiefer und strahlte fröhlich in die Runde: "Ich kann locker aufspielen, Emotionen zeigen - das bin ich."
Fast ein ganzes Jahr lang war Nicolas Kiefer ein Suchender. Vor genau zwölf Monaten trennte er sich nach der Erstrunden-Niederlage in Wimbledon gegen Tommy Haas von Trainer Bob Brett. Der strenge Australier hatte ihn seit Anfang 1997 mit Disziplin und puritanischer Arbeits-Ethik in die Weltspitze gebracht, selbst der Besuch von Freundin Inga musste genehmigt werden. Es folgten die Trainer Sven Groeneveld, Thomas Dappers und jetzt Lars Wahlgren, Schwede, 39 Jahre.
"Wir arbeiten seit einer Woche zusammen, bis jetzt verstehen wir uns sehr gut", sagt Kiefer zum erneuten "Schnupper-Kurs" mit einem Trainings- und Reisepartner: "Er kann mich gut motivieren und hat Ahnung. Er war schließlich auch lange als Trainingspartner mit Steffi Graf unterwegs." Ob er ihm denn schon ein bisschen von den Erfolgsgeheimnissen der "Gräfin" vermittelt habe? Kiefer grinst in Anspielung auf ein Interview mit Grafs Lebenspartner Andre Agassi: "Jedenfalls nicht, dass Sex vor dem Match gut ist".
Zuletzt trainierte Wahlgren Barbara Rittner. "Ich habe ihn ihr aber nicht ausgespannt", versichert Kiefer. Es ist ein Test, man wird sehen, wie und ob es weitergeht. Das Abschneiden in Wimbledon allein wird dabei nicht den Ausschlag geben, dort wartet am Donnerstag in Kristian Pless (Dänemark) ein schlagbarer Gegner. Vier Stunden täglich hat Nicolas Kiefer trainiert, fleißig war er immer. Seit einem Vierteljahr reist der Niederländer Jan Velthuis als Physiotherapeut mit ihm durch die Welt: "Mein Körper ist mein Kapital, intensive Pflege ist wichtig."
Und schließlich hat Kiefer in London ein großes Ziel. "Ich spiele nur für Madonna", sagt er augenzwinkernd. Der Megastar macht mit seiner "Drowned World Tour" in der kommenden Woche in der Royal Albert Hall Station, und bis dahin will Kiefer in Wimbledon noch nicht untergegangen sein. Die Sehenswürdigkeiten hat er sich schon letzte Woche angeschaut, Tower, Buckingham-Palast, Madame Tussaud: "Ein bisschen Kultur kann nie schaden." Auch das Fernstudium Sportmarketing an der Uni Düsseldorf dient diesem Zweck: "Immer nur Tennis im Kopf kann nicht gut sein."
Im Umkleideraum der Stars ist "Kiwi" einer der populärsten und beliebtesten Spieler. Wenn er Vertrauen gefasst hat und sich wohl fühlt, ist er für jeden Spaß zu haben, ist witzig und zuverlässig ohne jegliche Starallüren. Von Tommy Haas übrigens ist diese Popularität im Kollegenkreis nicht bekannt.
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