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Bonn
Kleibrink verpasst die Rückkehr zu Olympia

Bonn. Zum ersten Mal seit 1956 fehlt die deutsche Mannschaft der Florettfechter bei den Spielen. Von Martin Beils und Dietmar Fuchs

Der chinesische Nationaltrainer wippt mit dem Fuß und klopft im Takt von "Viva Colonia" auf ein Geländer der Tribüne. Ob er den Text versteht? "Da simmer dabei, dat is prima." Das österreichische Team gönnt sich derweil im Foyer der Bonner Hardtberghalle ein paar Feierabend-Kölsch. Ganz ungeniert ziehen sich Fechter auf der Tribüne bis auf die Unterhose aus. Beim Florett-Weltcupturnier "Löwe von Bonn" herrscht eine familiäre Atmosphäre. Hier gibt es Weltklassesport bei freiem Eintritt.

Benjamin Kleibrink fühlt sich in dieser Umgebung wohl. Der gebürtige Düsseldorfer hat seine sportliche Pause beendet und greift nun wieder an. Drei Jahre hatte der Olympiasieger von Peking 2008 pausiert. Er hat seinen Bachelorabschluss in Wirtschaftsrecht gemacht und seinen Master in Betriebswirtschaftslehre. Bis September hat er in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet. Doch Gefallen fand er nicht an dieser Tätigkeit. Es zog ihn zurück auf die Planche. "Das hat sich einfach so ergeben. Ich hatte Lust drauf", sagt der Rheinländer, der für den FC Tauberbischofsheim startet und vornehmlich in Bonn trainiert. Das Florettfechten hat sich in seiner Auszeit verändert. "Noch actionreicher" sei es nun, meint er. Ganz so schnell wie in jungen Jahren ist Benjamin Kleibrink nun nicht mehr, durch Erfahrung macht er dieses Defizit wett.

Die Chancen auf eine neuerliche Olympia-Teilnahme standen gut, als er sein Comeback im Herbst anging. Seit gestern ist aber klar: Deutschland fehlt beim Mannschaftswettbewerb der Florettfechter in Rio de Janeiro. "Da simmer dabei, dat ist prima" - das gilt für Kleibrink & Co. nach dem Viertelfinal-Aus in Bonn gegen Europameister Frankreich nicht. Deutschlands einstmals erfolgsverwöhnten Fechtern drohen erstmals Olympische Spiele gänzlich ohne Team-Event. Die Sportart steckt in der Krise.

Der neue Präsident des Deutschen Fechter-Bundes, Dieter Lammer, sagte: "Wir werden in Brasilien nur mit einer kleinen Mannschaft vertreten sein." Nach aktuellem Stand der Qualifikation sind es vier Einzelstarter: Säbel-Ass Max Hartung und ein zweiter Deutscher mit dieser Waffe, Weltmeister Peter Joppich und die ehemalige Florett-WM-Zweite Carolin Golubytskyi. Nutzen die Degenfechter am kommenden Wochenende in Vancouver ihre letzte Chance ebenfalls nicht, wäre das Debakel perfekt. Schon die einst so erfolgreichen Degenfechterinnen um Britta Heidemann hatten den Team-Start in Brasilien nicht geschafft. Heidemann hat noch eine kleine Chance, sich bei den Weltcups in Buenos Aires und Budapest für ihre vierten Spiele zu qualifizieren. "Wir haben uns zu lange von unseren Topathleten ernährt", meinte der enttäuschte Florett-Bundestrainer Uli Schreck. Spätestens jetzt soll der Verband "voll auf die Jugend setzen. Dann können wir vielleicht 2024 wieder richtig wettbewerbsfähig sein".

Lammer, erst vor einer Woche zum Verbandschef gekürt, will nicht lange warten, um seine Fechter wieder hoffähig zu machen. Der Kriminalbeamte aus Tauberbischofsheim kündigte schon bei seiner Amtsübernahme an, "über alles reden" zu wollen. Lammer möchte die Leistungssport-, Ausbildungs- und Trainerstrukturen einer kompletten Überprüfung unterziehen. Uli Schreck weiß: "Das wird ein langer Prozess."

Quelle: RP
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