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Tennis: Behrend fordert Kiefer heraus: Knippschild ausgeschieden - Haas in Runde zwei

zuletzt aktualisiert: 18.01.2000

Melbourne (sid). Als ein gewisser Tomas Behrend dieser Tage zu den Australian Open nach Melbourne reiste, sprach sein Trainer Marko Seidensticker einen gewagten Satz. "Du bist der einzige, der sich in drei Tagen für zwei Daviscup-Teams qualifizieren kann." Was als Scherz gemeint war, war am Dienstag plötzlich keiner mehr.

Tomas Behrend aus Aachen, 25 Jahre alt und Brasilianer mit deutschem Pass, schlug im ersten Grand-Slam-Spiel seiner Karriere den favorisierten Brasilianer Fernando Meligeni nach großem Kampf mit 6:2, 4:6, 6:7, 6:3, 6:0 und fordert in der zweiten Runde ausgerechnet den deutschen Daviscup-Verweigerer Nicolas Kiefer, der sein Auftaktspiel gegen den Argentinier Guillermo Canas mit etwas weniger Aufwand in vier Sätzen (4:6, 6:3, 6:4, 6:4) gewann.

Auch Tommy Haas zog gegen den französischen Qualifikanten Cyril Saulnier in vier Sätzen (7:6, 6:4, 4:6, 6:2) in die zweite Runde ein und trifft nun auf den Marokkaner Younes El Aynaoui. Überglücklich war der Vorjahres-Halbfinalist allerdings nicht: "Ich habe immer noch Probleme mit der Hüfte, außerdem jetzt auch mit dem Schläger. Meine Firma hat neue Griffe gemacht, ich habe kein Gefühl damit, das regt mich tierisch auf."

Der eine skeptisch, der andere voller Selbstvertrauen. "Im Großen und Ganzen kann ich zufrieden sein. Ich habe gut gekämpft und die wichtigen Punkte sehr gut gespielt", lobte sich der an Nummer vier gesetzte Kiefer, der drei Stunden lang mehr gegen den heftigen Wind und die schwüle Wärme (32 Grad) kämpfte als gegen den Gegner. Unbeeindruckt von der Aufregung um seine Daviscup-Absage gab sich der 22-jährige Hannoveraner gelassen: "Die Erwartungen sind hoch, ich bin hier, um zu gewinnen. Ich will die Grand Slams besser spielen als letztes Jahr."

Für Jens Knippschild (Essen), der sichtbar an einem körperlichen Problem (Überbein am linken Knöchel) litt, war das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres dagegen nach dem ersten Auftritt beendet. Obwohl er gegen Titelverteidiger Jewgeny Kafelnikow stark begann, musste er sich am Ende 7:6, 4:6, 1:6, 2:6 geschlagen geben. "Ich fahre jetzt nach Hause und muss mich mit dem Gedanken an eine Operation befassen", sagte Knippschild geknickt: "Bevor mein Fuß nicht in Ordnung ist, ist der Daviscup sowieso kein Thema für mich."

Selbiges nahm auch Nicolas Kiefer für sich in Anspruch: "Zum Daviscup sage ich gar nichts mehr." Auch über sein Verhältnis zu Tommy Haas mochte er sich nicht mehr äußern, dafür redete sein Gegner Tomas Behrend. Über sich, über seine deutschen Großeltern und die Geschichte, warum er 1993 als 18-Jähriger das sonnenverwöhnte Brasilien verließ und ausgerechnet nach Deutschland zog, um ein berühmter Tennisspieler zu werden.

"Das war der wichtigste Tag meines Tennislebens", meinte der 1,93 m große Rechtshänder aus Aachen nach dem größten Erfolg seiner Karriere gegen Meligeni, immerhin 29. der alten Weltrangliste und Brasiliens Nummer zwei. Auch sein Plan gegen Kiefer war schnell erklärt: "Ich gehe raus und sage mir: Den hau ich weg." Ansonsten verstehen sich die beiden prächtig. "Er ist ein lustiger Mensch", sagt Kiefer über den neuen Kollegen, der sich selbst als "positiven Typen" sieht: "Wir waren schon ein paar Mal gemeinsam essen."

Foto: Julia Abe scheiterte 2:6, 2:6 an Altstar Arantxa Sanchez-Vicario.

Es war 1993, als Behrend nach geglücktem Abitur seinen deutschen Pass erhielt und beschloss, zu seiner Tante nach Bochum zu ziehen und Tennisprofi zu werden. Vater Claudio, wohlhabender Besitzer einer Druckerei in Novo Hamburgo und mit Brasilien als Spieler und als Trainer Volleyball-Weltmeister, drückte ihm das Ticket in die Hand und gab ihm einen Rat mit auf den Weg: "Du wirst es jetzt nicht verstehen, aber der deutsche Pass ist wie ein Sechser im Lotto für dich."

Sohn Tomas ("Bitte ohne H") verstand, startete als Bezirksliga-Spieler in Bochum und lernte dort seinen heutigen Trainer Marko Seidensticker kennen. Die beiden fanden sich nett, stellten einen Sechsjahresplan auf ("Bis 1999 unter die ersten 100"), und trotz macher Rückschläge ging der fast auf. Ende letzten Jahres erreichte der typische Brasilianer - schwarzes Haar, dunkler Teint - Platz 119 der Weltrangliste und war damit erstmals gut genug für ein Grand-Slam-Turnier.

Das nötige Geld verdiente sich Behrend beim Bundesligisten Rot-Weiß Hagen, für den er fünf Jahre lang spielte. Seitdem wird er von einem Drei-Mann-Team betreut: Marko Seidensticker kümmert sich um die Technik, Klaus Regnault um den mentalen Bereich, Walter Springer um die körperliche Fitness. Auch Karsten Braasch arbeitet als Strategie-Berater mit.

"Wir sind noch lange nicht fertig", sagt Seidensticker über die Perspektiven: "Jetzt geht es erst richtig los." Behrend selbst nennt als Ziel vorläufig "die ersten 50", alles weitere wird man sehen: "Ich habe sehr viel investiert, es läuft alles nach Plan, deshalb sehe ich die Zukunft sehr entspannt."

Nur mit dem Daviscup wird er noch ein bisschen warten müssen. "Anfang Februar in Leipzig gegen die Niederlande kommt für ihn noch zu früh", sagte Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb in Melbourne: "Aber längerfristig gehört er sicher zu den Kandidaten."

Quelle: RPO Archiv

 
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