Tanja, es ist zu spät!: Kommentar zu Tanja Szewczenko
zuletzt aktualisiert: 09.01.2000Berlin (sid). Ziemlich genau sieben Jahre ist es her, da sprang eine unbekümmerte 15-Jährige als Dritte der deutschen Meisterschaften unvermittelt ins Rampenlicht. Was damals als Katapult für eine internationale Karriere diente, markiert heute wohl unwiderruflich den Schlusspunkt von Tanja Szewczenkos Laufbahn. Denn weit über diese Platzierung hinaus häuften sich in Berlin die Anzeichen, dass die Deutsche Eislauf-Union (DEU) das Interesse an ihrem einstmals so gehätschelten Aushängeschild verloren hat.
Wo noch vor exakt zwölf Monaten in einer ähnlichen Situation die Preisrichter vergattert wurden, die Düsseldorferin wegen ihrer internationalen Dienste nicht fallen zu lassen, wurde diesmal nur das bewertet, was die einstige Weltklasseläuferin wirklich auf dem Eis zu bieten hatte. Und das war damals wie heute zu wenig, um Anforderungen zu genügen, die bei Europa- und Weltmeisterschaften einfach ein Muss sind.
Und auch vorstellbare Gedankenspiele, Szewczenko statt der zweitplatzierten Zoja Duschin aus München zu nominieren, da die neue Meisterin Susanne Stadlmüller (Stuttgart) noch zu jung ist, wurden nicht weiter verfolgt. Wohl auch deshalb, weil der Eindruck in der Öffentlichkeit verheerend gewesen wäre. Selbst beim Fachpublikum im Erika-Hess-Eisstadion wurde unverhohlen gejubelt, als die Szewczenko-Niederlage feststand.
Die verbalen Durchhalteparolen der Rheinländerin sollte man nicht überbewerten. Der schönen Leidenschaft Eislaufen, die sie gestenreich beschwor, wird sie nur noch bei Schaulaufen frönen können. Eine neue Generation von Läuferinnen ist ihr technisch längst überlegen, und die Defizite im künstlerischen Bereich werden sich im kommenden Winter weiter verringert haben.
Was bleibt, ist die traurige Tatsache, dass das größte deutsche Eislauf-Talent des gerade beendeten Jahrzehnts seine Begabung, wenn auch nicht nur durch eigene Schuld, geradezu fahrlässig verschleudert hat. Tanja Szewczenko hatte sehr vieles, um internationale Titel zu gewinnen. Dass es auch zahlreiche Defizite gab, wollten sie und ihr Umfeld nie wahrnehmen. Schade, jetzt ist es für einen Neubeginn zu spät.
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