"Annamania" in Wimbledon: Kournikova, die russische Tennis-Verona
zuletzt aktualisiert: 28.06.2000 - 15:11Wimbledon (sid). Londons Polizei muss sich dieser Tage mit einem ganz besonderem Vandalismus-Problem herumschlagen. Überall werden Werbeposter abgerissen und mitgenommen. Von U-Bahnstationen, Litfaßsäulen, Plakatwänden. Poster, auf denen Anna Kurnikowa zu sehen ist, nur mit einem weißen Sport-BH bekeidet und dem Titel: "Nur die Bälle sollen springen."
"Annamania" ist auch wieder in Wimbledon eingezogen. Die russische Tennisspielerin hat die meisten Fotos, die meisten Schlagzeilen, die meisten Fans - und weiterhin das meiste Geld. Rund sechs Millionen Mark soll sie allein für die Kampagne für den Büstenhalter einstecken. Auf zehn Millionen Dollar wurden die Einkünfte der bestverdienenden Sportlerin der Welt im letzten Jahr taxiert. 90 Prozent durch Werbe-Einnahmen - sportlich repräsentiert sie weiterhin allenfalls gehobenes Mittelmaß.
Aber das spielt alles keine Rolle. Anna ist eine russische "Tennis-Verona". Die mega-clevere Vermarktung als sexy Glamourgirl läßt die sportliche - oder schauspielerische - Substanz des "Produkts" nebensächlich werden. Auch der 7:5, 5:7, 6:4-Erfolg am Montag über die an zehn gesetzte Französin Sandrine Testud war da keine Ausnahme. Testud spielte schwach, Kurnikowa etwas besser. Doch die Qualität des Matches ist den Fans egal. Sie ist weiter dabei. "Die Fans waren großartig heute", sagte Kurnikowa brav nach dem Match, "und ich bin sehr glücklich, dass ich über eine gesetzte Spielerin weiter gekommen bin."
So kann dann eine Boulevardzeitung weiterhin in der so genannten "Kourna-Corner" jeden Tag ein neues Foto drucken, "solange sie noch im Turnier ist". Ihre Trainingssessions werden weiterhin von hysterischen Zuschauern umlagert sein, auch wenn Coach Erik Van Harpen diese Aufläufe gewaltig auf die Nerven gehen: "Es ist schwierig, ihr meine Meinung zu sagen, wenn sie so umlagert ist."
Aber das ist Teil des Geschäfts. Fern ab der Öffentlichkeit im hinteren Eckchen des abgeschotteten Trainingsgeländes zu üben, wie einst Steffi Graf, käme Kurnikowa nicht in den Sinn. Ihr Kapital sind Aussehen und Ausstrahlung, weniger ihr Spiel. "Sie ist die schönste Spielerin und deshalb wie früher Gabriela Sabatini immer in der Mitte der Aufmerksamkeit", weiß auch Von Harpen. Und Martina Navratilova sagte: "Sie hat einen begnadet schönen Körper und der Marktwert bestimmt alles."
Nicht jede Kollegin hat eine derart entspannte Haltung. Neid und Missgunst wuchern. "Sie ist eine blonde Geldmaschine", schrieb Nathalie Tauziat in ihrem Buch über Damentennis, "wer glaubt sie eigentlich zu sein, wenn sie wie eine Königin herumstolziert." Andere beschreiben sie als launisch und unzuverlässig. Ihre Interviews gelten in der Regel als substanzlos und kurz. Nichts Privates dringt an die Öffentlichkeit. Höchstens, welcher russischer Eishockesspieler aktuell als Freund gilt, aber das ist dann wieder Business.
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