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Paralympics-Star unter Mordverdacht
Der Fall Oscar Pistorius ist ein Rätsel
Mordanklage: Oscar Pistorius festgenommen
Mordanklage: Oscar Pistorius festgenommen FOTO: afp, STR
Tödliches Drama um den sechsmaligen Paralympics-Gewinner Oscar Pistorius: Der "Blade Runner" hat in seinem Haus in Südafrika seine vier Jahre ältere Freundin Reeva Steenkamp erschossen. Er soll am Freitag einem Haftrichter vorgeführt werden. Vieles liegt noch völlig im Dunkeln. Von Jannik Sorgatz

Massive Mauern, davor ein paar Palmen – es ist eine Mischung aus Sicherheitsbedenken und Idylle, die das Silver Woods Country Estate in Pretoria ausstrahlt. Diese "Gated Community" am Rande der Hauptstadt ist typisch für Südafrika, das Land mit der enorm hohen Mordrate, in dem sich die wohlhabende Bevölkerung immer noch in abgeriegelten Wohngebieten vom Rest der Gesellschaft trennt.

Polizeiwagen stehen am Donnerstagmorgen vor dem mächtigen Eingangskomplex in Silver Woods. Um 4 Uhr soll einer der bekanntesten Söhne Südafrikas in seinem Haus eine Frau erschossen haben. Oscar Pistorius, sechsmaliger Paralympics-Gewinner, hat mit einer 9-mm-Pistole vier Schüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp abgegeben. Die 29-Jährige starb noch am Tatort, getroffen in Kopf und Oberkörper. Das sind die Fakten, die die Polizei bestätigt. Es wird spekuliert, dass das Opfer ihren Freund am Valentinstag mit einem Besuch überraschen wollte. Die Tatwaffe war auf Pistorius zugelassen.

"Behauptungen kommen nicht von uns"

Der Vater des beinamputierten Pistorius sagte wenig später, dass nur sein Sohn erzählen könne, was genau in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag passiert sei. Die Polizei zeigte sich ein paar Stunden nach Bekanntwerden der Tat "überrascht" über Berichte, der Leichtathletik-Star könne seine Freundin für einen Einbrecher gehalten haben."Diese Behauptungen kommen nicht von uns", sagte Polizeisprecherin Denise Beukes den zahlreichen Medienvertretern vor dem Zugangstor der Wohngegend.

Unabhängig von den Hintergründen, erregt der Fall riesige Aufmerksamkeit. Pistorius gilt als Ikone des Behindertensports und für viele Sportler weltweit als Vorbild. Er wurde im vergangenen Jahr vom "Time Magazine" sogar in die Top 100 der einflussreichsten Menschen weltweit aufgenommen. Im Alter von elf Monaten wurden Pistorius beide Beine unterhalb der Knie amputiert, weil er aufgrund eines Gendefekts ohne Wadenbeine geboren wurde. Er läuft auf Karbonstelzen. Sein Spitzname: "Blade Runner".

Historischer Auftritt in London

Der heute 26-Jährige wollte bereits bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 antreten, erhielt aber vom Leichtathletik-Weltverband IAAF keine Starterlaubnis. Die IAAF sah in den Wunderstelzen einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil. Pistorius zog gegen diese Entscheidung vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne – und bekam Recht. Somit war der Weg frei für seinen historischen Auftritt bei Olympia 2012 in London.

Dort trat er mit der 4x400-m-Staffel seines Landes und auch über die Einzelstrecke an, auf der er im Halbfinale ausschied. Unabhängig von der Frage um das sogenannte "Techno-Doping" ist Pistorius ein Pionier. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) und andere offizielle Stellen halten sich mit Statements zurück. Pistorius' Management selbst hat reagiert, indem es eine durch die Vorfälle geschmackslos gewordene Werbung von seiner Webseite nahm. "Ich bin ich die Patrone in der Kammer", hieß es dort auf einem Banner, wie ein Screenshot bei Twitter zeigt.

Pistorius sollte noch am Donnerstag einem Haftrichter vorgeführt werden. Dies wurde nach Angaben des zuständigen Staatsanwaltes auf Freitag verschoben. Dann wird auch entschieden, ob er formell wegen Mordes angeklagt wird. Auf eine baldige Freilassung kann Pistorius nicht hoffen. Nein, es gebe keine Sonderbehandlung für den prominenten Festgenommenen, sagte eine Polizeisprecherin dem Fernsehsender eNCA. Die Staatsanwaltschaft werde sich gegen eine Freilassung auf Kaution wenden, weil es bereits in der Vergangenheit Berichte über "Sreitigkeiten im Haus des Beschuldigten" gegeben habe.

"#ValentinesDay"

Besonders tragisch erscheint einer der letzten Einträge von Pistorius' Freundin auf Twitter. "Und was habt ihr für eure Lieben geplant?", fragte Steenkamp dort am Mittwochnachmittag, versehen mit dem Hashtag "#ValentinesDay". Dass die 30-Jährige ihrem Freund, mit dem sie seit einem Jahr liiert war, einen Überraschungsbesuch abstatten wollte, ist nichts als ein unbestätigtes Gerücht. Was ist passiert hinter den Mauern von Silver Woods? Noch gibt es deutlich mehr Fragen als Antworten.

Quelle: csi/pst/csr/seeg/das
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