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Doping-Skandal in der Leichtathletik
Druck auf Russland nimmt zu – Putin duckt sich weg

Doping: Druck auf Russland wächst - Wladimir Putin duckt sich weg
Wladimir Putin (l.) unterhält sich mit Witali Mutko, dem Chef des russischen Sportministeriums. FOTO: afp, an/ej/pav
Hamburg. Der Druck auf Russland nimmt immer mehr zu, in der internationalen Presse machen Schlagzeilen wie "Weltskandal" und "neuer Kalter Krieg" die Runde, doch Wladimir Putin will von eine Affäre ungeahnten Ausmaßes nichts wissen. Der Kreml-Chef duckte sich einen Tag nach den Veröffentlichungen zum flächendeckenden Doping im russischen Sport weg und schickte seinen Pressesekretär vor.

"Wenn es irgendwelche Anschuldigungen gibt, dann müssen sie durch Beweise belegt sein", sagte Dmitri Peskow am Dienstag und wies die Vorwürfe der Korruption, Erpressung und Vertuschung von positiven Dopingproben zurück: "Bis Beweise vorliegen, sind solche Anschuldigungen nur schwer zu akzeptieren, zumal sie eher gegenstandslos erscheinen."

Während die internationale Leichtathletik um ihre Zukunft ringt, kämpft Russland um seinen Ruf. Und der nimmt immer mehr Schaden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zog am Tag nach der denkwürdigen Pressekonferenz ihrer unabhängigen Kommission erste Konsequenzen und sperrte das Moskauer Anti-Doping-Labor mit sofortiger Wirkung für mindestens ein halbes Jahr. Damit reagierte die Wada auf eine zentrale Forderung des Kommissionsvorsitzenden Richard Pound. Der Kanadier hatte am Montag den systematischen Betrugsskandal in der russischen Leichtathletik dargelegt und den russischen Sport endgültig ins Zwielicht gestellt.

Allerdings erklärte das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Statement, dass es nach eingehender Prüfung keine Zweifel an der Arbeit des akkreditieren Anti-Doping-Labors während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi gebe. Die unabhängige Ermittlungsbehörde hatte jene in Frage gestellt. Das IOC will allerdings die entnommenen Proben für zehn Jahre aufbewahren und nötigenfalls erneut untersuchen.

Athleten und Trainer weisen Anschuldigungen entschieden zurück

Russische Athleten und Trainer reagierten empört und wiesen alle Anschuldigungen reflexartig zurück. Das russische Sportministerium forderte "die Wada auf, sich auf Fakten und Beweise zu konzentrieren. Von den meisten Punkten des Berichts sind wir nicht überrascht." Walentin Balachnitschew, offiziell zurückgetretener Präsident des russischen Leichtathletik-Verbandes ARAF, kündigte an, vor den internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen.

Der Rest der Welt sieht diesem Schritt gelassen entgegen. Die internationalen Medien gingen angesichts der von Pound präsentierten Fakten ein knappes Jahr vor Olympia in Rio mit dem russischen Sport hart ins Gericht. "Die Sportnation hat die Leichtathletik zurück in den Kalten Krieg katapultiert. Russland lacht der internationalen Justiz ins Gesicht", schrieb die englische Times. Und die italienische Gazzetta dello Sport meinte: "Horror aus Russland: Die Leichtathletik hat einen Weltskandal. Im Sport ist ein neuer Kalter Krieg ausgebrochen. Das Ausmaß der Vorwürfe, die auch die russische Regierung betreffen, ist enorm."

Der Ausschluss russischer Leichtathleten für Olympia 2016 ist längst kein tabu mehr, sondern wird öffentlich gefordert. "Mein nachdrücklicher Rat ist: Ihr solltet das auf jeden Fall tun", sagte Ed Warner, Chef des britischen Leichtathletik-Verbandes, der BBC. Unter anderem plädiert auch das nationale Olympische Komitee Australiens für eine Sperre. "Sollten die Russen nicht in Rio antreten, glaube ich, dass das Ansehen der Leichtathletik gestärkt wird, weil die Öffentlichkeit weiß, dass jeder Athlet sauber und im wahren Geist der Olympischen Spiele antritt", sagte Australiens Chef de Mission, Kitty Chiller.

In einem ersten Schritt entzog das IOC dem früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der wohl zentralen Figur im Skandal, am Dienstag die Ehrenmitgliedschaft - provisorisch, wie das IOC mitteilte. Allerdings forderte das IOC von der IAAF und der Wada lückenlose Aufklärung. Der Ton wird deutlich schärfer.

Kenia zittert

Auch in Kenia wird angesichts der jüngsten Aufklärungswelle offenbar gezittert. "Eine ganze Generation von Athleten aller Disziplinen könnte verloren gehen", schrieb die Tageszeitung Star und kritisierte, das Läufer-Land sei im Kampf gegen Doping "zurückgefallen". Bei der WM in Peking hatte Kenia als erfolgreichste Nation völlig überraschend den Medaillenspiegel gewonnen und sogar die USA abgehängt. Die Zeitung Daily Nation rief Athleten und Politiker dazu auf, den Bericht der Wada-Kommission "genau zu studieren" und ihn zum Anlass zu nehmen, "Doping zu entdecken, zu stoppen und zu bestrafen".

Längst ist allen Experten klar, dass der Skandal noch viel weitere Kreise ziehen könnte. "Russland ist nicht das einzige Land, das Probleme hat. Und die Leichtathletik nicht die einzige Sportart", sagte Pound.

Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann macht sich Sorgen. "Nach den Ergebnissen der Wada-Kommission ist der Sport natürlich beschädigt. Da zeigt sich eine Systematik, die mehr als bedrohlich ist", sagte Hörmann während eines Diskussionsforums beim Bayerischen Rundfunk: "Da kann man auf Selbstheilungskräfte nur noch bedingt hoffen."

(seeg/sid)
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