| 23.20 Uhr

Showdown in Wien
Wada-Bericht schickt Russland wohl endgültig ins Olympia-Abseits

Reaktionen zum Dopingskandal: "Birgt die Dimension, unseren Sport zu zerstören"
Reaktionen zum Dopingskandal: "Birgt die Dimension, unseren Sport zu zerstören"
Wien. Der Leichtathletik-Weltverband will am Freitag entscheiden, ob die Suspendierung Russlands über die Olympischen Spiele ausgedehnt wird. Seit Mittwoch stehen die russischen Chancen noch schlechter als ohnehin schon.

Athleten flüchten filmreif vor Kontrolleuren, bewaffnete Geheimdienstkräfte hindern Fahnder an ihrer Arbeit, Sportler manipulieren mit gefälschten Urinproben: Unmittelbar vor der Entscheidung des Weltverbandes IAAF über eine weitere Suspendierung der russischen Leichtathleten, die für sie das Olympia-Aus bedeuten könnte, stellt die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in ihrem neuesten Bericht Russland erneut an den Pranger. Und die IAAF kann eigentlich gar nicht mehr anders, als hart durchzugreifen.

"Ich werde nichts vorher kommentieren", sagte Sebastian Coe der österreichischen Tageszeitung Krone vor der Entscheidung des Weltverbands-Councils, die am Freitagnachmittag im Ballsaal Quadrille des noblen Wiener Grand Hotels verkündet werden soll. Der Brite hält sich zum Thema Russland seit Monate bedeckt, verweist auf die zur Aufklärung eingesetzte Task Force und auf deren Unabhängigkeit.

In der Krone machte Coe den seit dem 13. November suspendierten Russen am Mittwoch zarte Hoffnungen: "Wir haben Kriterien, wonach die Russen zurückkommen können. Die Task Force sagte, in einigen Gebieten habe es Fortschritte gegeben", sagte der zweimalige Olympiasieger. Sollte die Task Force aber nur ansatzweise zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen sein wie die WADA bei ihren jüngsten Untersuchungen, sieht es für Russland zappenduster aus.

Die WADA zeichnete ein verheerendes Bild des Anti-Doping-Kampfes im Riesenreich, an dessen Reform angeblich seit November 2015 verbissen gearbeitet wird. "Wir können nur durch klare Aktionen das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft zurückgewinnen", hatte Natalia Schelawanowa gesagt, die Anti-Doping-Beraterin des umstrittenen Sportminister Witali Mutko. Angesichts der Ausführungen der Wada ist das blanker Hohn.

Demnach hätten zwischen dem 15. Februar und dem 29. Mai 2016 insgesamt 736 geplante Dopingkontrollen aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt werden können. 52 Kontrollen hätten ein positives Ergebnis ergeben - alleine 49 davon auf die seit dem 1. Januar verbotene Substanz Meldonium.

Dopingkontrolleure kamen nicht an Athleten ran

Die Wada berichtet weiter von eklatanten Versäumnissen der Athleten bei der erforderlichen Angabe des Aufenthaltsortes, sogenannte Whereabouts, der Zugang zu den Sportlern sei den Kontrolleuren in großem Ausmaß erschwert worden. Häufig würden militärische Einrichtungen als Aufenthaltsort angegeben, zu denen der Zutritt nur mit einer Sondergenehmigung möglich sei. Kontrolleure seien von Geheimdienstagenten eingeschüchtert und bedroht worden.

Sportminister Mutko stellt dies freilich gänzlich anders da: "Wenn Doping-Kontrolleure Hilfe von der Regierung brauchen, sollen sie uns Bescheid sagen", sagte Mutko am Donnerstag der Nachrichtenagentur Interfax: "Wir werden alles Mögliche tun, damit Kontrolleure jede Stadt besuchen können. Sie müssen uns nur informieren - aber wartet damit nicht bis zur letzten Minute!" Ein Grundsatz eines erfolgreichen Anti-Doping-Kampfes ist die Möglichkeit, ohne jegliche Vorankündigung jederzeit kontrollieren zu können.

Zwei von der Wada explizit geschilderte Fälle zeigen derweil, wie vogelwild es in Russlands Leichtathletik auch nach der IAAF-Suspendierung vor mehr als einem halben Jahr zugeht. Eine Sportlerin wurde demnach beim Einsatz eines - im Körper - versteckten Urinbeutels erwischt und versuchte danach, den Dopingfahnder zu bestechen. Eine weitere Athletin entzog sich einer Wettkampfkontrolle, indem sie während ihres Rennens das Stadion verließ und nicht mehr aufzufinden war.

All das sind klare Verstöße gegen den Katalog an Kriterien, den die IAAF dem suspendierten russischen Leichtathletik-Verband RUSAF zur Erfüllung auferlegt hatte, um rechtzeitig zur EM in Amsterdam (7. bis 10. Juli) wieder aufgenommen zu werden. Dennoch zeigte sich Mutko unerschütterlich optmistisch: "Am Ende des Tages sind wir allem nachgekommen, was man von uns gefordert hat. Alle Athleten werden kontrolliert, stehen unter Kontrolle."

Die neuen Erkenntnisse lassen der selbst schwer angezählten IAAF und ihrem Boss Coe allerdings keinen Raum für Milde gegenüber den Russland oder wenigsten einen Kompromiss, ohne darüber komplett ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Das wahrscheinliche Szenario bleibt somit: Die IAAF teilt am Freitag mit, dass die Russen auf unbestimmte Zeit suspendiert bleiben. Es wäre eine Entscheidung von historischem Ausmaß. Freilich wurden bereits Länder von Olympischen Spielen ausgeschlossen, dies aber ausschließlich aus politischen Gründen. Ein Ausschluss wegen Sportbetrugs - das hätte eine neue Qualität.

Sollte die IAAF den Daumen über Russland senken, kann das IOC eigentlich nicht anders, als dem zu folgen. Bach, wenngleich Intimus des russischen Staatschefs Wladimir Putin und Gegner genereller Ausschlüsse, hat hinlänglich seine Null-Toleranz-Politik betont, sein Gastbeitrag im Mai für USA Today lässt keine Fragen offen.

"Wir verfolgen eine 'Zero Tolerance Policy', die nicht nur Athleten, sondern auch ihr Umfeld betrifft. Maßnahmen können von lebenslangen Olympia-Sperren über finanzielle Sanktionen bis zur Akzeptanz des Ausschlusses eines Verbandes wie im Falle der russischen Leichtathletik durch die IAAF reichen." An diesen Worten muss er sich messen lassen.

(sid)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Doping: Entscheidung über Olympia-Ausschluss Russlands


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.