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Doping-Skandal erschüttert Russland
Schweinestall Leichtathletik

Doping: Russland kämpft nach Wada-Bericht um Reputation
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow lacht - wahrscheinlich aber nicht über die Anschuldigungen der Wada. FOTO: afp, pav
Düsseldorf. Nach dem schockierenden Wada-Report über ein korruptes Dopingsystem kämpft das Sport-Reich Russland mit harten Bandagen um seine Reputation – und gegen den drohenden Olympia-Ausschluss. "Solange nicht irgendwelche Beweise genannt werden, fällt es schwer, die Beschuldigungen anzunehmen. Sie haben weder Hand noch Fuß", wies Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag den Ermittlungsbericht der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur zurück. Unbeeindruckt davon entzog die Wada als erste Konsequenz aus dem Skandal dem Moskauer Anti-Doping-Analyselabor die Zulassung.

"Die Wada hat damit rasch auf eine der Schlüssel-Empfehlungen reagiert, die ihre unabhängige Kommission in ihrem Bericht erhoben hatte", erklärte Wada-Chef Craig Reedie. Die große Frage bleibt nach den mit kriminalistischer Akribie in dem 323 Seiten starken Wada-Bericht zusammengetragenen Fakten und Belegen jedoch: Wird es zu weiteren drakonischen Sanktionen gegen Russlands Leichtathleten – bis zum Ausschluss von den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro – kommen?

"Wer im Sport so skrupellos betrügt, muss damit rechnen, dass ihm eine deutliche Sprache entgegenschlägt – und drakonische Strafen gehören sicher dazu", sagte Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende im Bundestag. "Entscheidend ist nun, wie der Leichtathletik-Weltverband IAAF mit dem Vorschlag umgeht." Die IAAF hat vom russischen Verband ARAF inzwischen verlangt, bis Ende der Woche einen Bericht vorzulegen.

Für die SPD-Politikerin sind die Vorgänge in der IAAF und Russland erschreckend. "Wenn sich bestätigen sollte, was bisher an Ergebnissen auf dem Tisch liegt – und ich habe keinen Zweifel , dass es so gewesen ist –, dann muss man sich eigentlich mit Abscheu abwenden."

Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann erwartet empfindliche Strafen. "Wir können nur hoffen, dass alle gemeinsam die Lehren daraus ziehen und dass nun sehr klare und harte Sanktionen umgesetzt werden", sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes in München. "Ich gehe davon aus, dass der Leichtathletikverband im ureigenen Interesse weiß, was er zu tun hat." Die ausgestrahlte ARD-Dokumentation ("Geheimsache Doping") habe bereits "ein sehr gutes Bild" vermittelt. "Was jetzt kam, führt zu ungläubigem Staunen, zu Enttäuschung und auch zu einer gewissen Form von Verbitterung", sagte der 55-Jährige.

"Es geschieht NICHTS"

Deutschlands bester 800-Meter-Läufer, Robin Schembera, erwartet nach dem Doping-Skandal in Russland keine Konsequenzen. "Und nun? Jetzt dürfen wir alle wieder einmal gespannt sein und Hände reibend darauf warten, wie IAAF, EAA, DLV und weitere nationale Fachverbände reagieren", schrieb der 27-Jährige aus Leverkusen auf Facebook. "Ich wage einen Blick in meine private Glaskugel und sage voraus: Es geschieht... Achtung, Trommelwirbel: NICHTS!"

Eine große Frage ist: Beschränken sich die teils kriminellen Machenschaften in Russland nur auf die Leichtathletik? Für Richard Pound, den Vorsitzenden der Wada-Kommission, hat ein "staatlich-unterstützendes" Dopingsystem existiert. "Dieses Prinzip ist in jeder Sportart machbar", sagte der Doping-Experte Fritz Sörgel. "Wenn man das Labor im Griff hat und Proben verschwinden lassen kann, wäre es auch im Schwimmen oder Fußball machbar."

Nun muss sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) einschalten, da in dem Wada-Report auch Namen von Trainer und Athleten genannt sind, die bei den Olympischen Spielen 2012 am Start waren und nach der Empfehlung des Pound-Gremiums lebenslang gesperrt werden sollten. Darunter sind die 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa-Farnossowa und die Olympia-Dritte Jekaterina Poistogowa sowie Sergej Portugalow, Chefarzt im Russischen Leichtathletik-Verband. "Die Olympischen Spiele in London wurden in einem gewissen Sinne durch den Eintritt dieser Athleten, die nicht hätten teilnehmen dürfen, sabotiert", sagte Pound.

Auch die russischen Medien beschäftigen sich mit dem Doping-Skandal. "Welche Folgen wird der Kübel Dreck haben, der über unseren Sport ausgeschüttet worden ist? Wie real ist die Gefahr, dass unsere russischen Leichtathleten auf die Olympiade verzichten müssen?", fragte die Moskauer Zeitung "Sport Express" und gab selbst die Antwort: "Dem neuen Material nach sehr real."

Für die "Neue Zürcher Zeitung" stinken die unglaublichen Vorgänge im "Schweinestall Leichtathletik" zum Himmel: "Russlands Leichtathletik ist mit Doping verseucht, korrupt und renitent." Das kriminelle System sei von führenden Köpfen des Weltverbandes gedeckt worden, schreibt das Schweizer Blatt mit Bezug auf den früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Gegen ihn wurde Anklage wegen Bestechung und Geldwäsche erhoben, er soll Doping-Fälle – auch von russischen Athleten - gegen Bezahlung vertuscht haben.

(seeg/dpa)
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